EU-Recht, Unis

Neues EU-Recht zwingt Unis zum Umbruch der BWL-Studiengänge

11.01.2026 - 21:45:12

Neue EU-Nachhaltigkeitsregeln und IDW-Standards verändern die Prüferausbildung fundamental. Universitäten passen Lehrpläne an, um Data-Science-Kompetenzen und regulatorisches Wissen zu stärken.

Die ersten Tage des Jahres 2026 bringen eine Zeitenwende für die Ausbildung von Wirtschaftsprüfern und Steuerexperten. Neue EU-Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung und aktualisierte deutsche Prüfungsstandards zwingen Universitäten, ihre Lehrpläne sofort anzupassen. Der Fokus verschiebt sich radikal hin zu Datenanalyse und regulatorischer Komplexität.

Doppelter Druck: EU-Taxonomie und IDW-Standards zwingen zum Handeln

Innerhalb von nur zwei Tagen hat sich der regulatorische Rahmen für Abschlussprüfer grundlegend verändert. Am 8. Januar 2026 trat die Delegierte Verordnung (EU) 2026/73 in Kraft. Sie präzisiert, wann eine Wirtschaftstätigkeit wesentlich zum Klimaschutz beiträgt. Für Unternehmen bedeutet das neue Berichtspflichten, für Prüfer einen erweiterten Prüfungsumfang.

„Die Universitäten können sich nicht mehr mit theoretischen ESG-Rahmenwerken begnügen“, erklärt ein Branchenanalyst. „Sie müssen jetzt die präzise, regelbasierte Nachhaltigkeitsprüfung lehren.“

Einen Tag später, am 9. Januar, legte das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) nach. Es modernisierte die Prüfungsstandards für den Energiesektor und veröffentlichte mit IDW PS 983 n.F. einen neuen Standard für die Prüfung interner Revisionssysteme. Dieser bringt die deutsche Praxis mit den globalen Internal Audit Standards (GIAS) in Einklang.

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Für Studierende an Hochschulen wie der Universität Mannheim oder der LMU München sind das keine fernen Bürokratie-Themen. Die schriftlichen Teile der Wirtschaftsprüferprüfung beginnen am 3. Februar 2026 – und werden diese neue Komplexität widerspiegeln. Die Lehrpläne mussten im Eiltempo angepasst werden.

Der neue Kern des Studiums: Vom Tabellenkalkulator zum Datenanalysten

Die Reaktion der führenden Wirtschaftshochschulen zeigt einen strategischen Kurswechsel: die Verschmelzung von traditioneller Buchhaltung mit Data Science. Die Mannheimer Business School, regelmäßig unter den Top-Adressen für BWL, positioniert ihren neuen Master in Finance, Accounting & Taxation (MMFACT) für den Start im Herbst 2026 neu.

Anders als frühere Studiengänge legt dieses Programm – ähnlich wie Initiativen der Frankfurt School of Finance & Management – einen starken Fokus auf „Data Analytics“. Der Grund ist ein Marktrealität: Die manuelle Zahlenkontrolle verschwindet.

Eine aktuelle KPMG-Studie zur Digitalisierung im Rechnungswesen liefert die empirische Grundlage für diesen Bildungsumbau. Demnach setzen 53 Prozent der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften im DACH-Raum bereits Künstliche Intelligenz (KI) in ihren Kernprozessen ein. Die Unis reagieren und ersetzen den „Tabellenkalkulation-zuerst“-Ansatz durch Module für KI-gestützte Anomalie-Erkennung.

Die Frankfurt School treibt diese Professionalisierung mit ihrer „AuditXcellence“-Initiative voran. Ihr Master in Auditing (Bewerbungsschluss: 1. Februar 2026) folgt einem dualen Modell: Die Studierenden arbeiten bei einer der großen Prüfungsgesellschaften (Deloitte, EY, KPMG, PwC) und studieren parallel. So wird das theoretische Wissen zu den neuen Vorschriften sofort in der Praxis erprobt.

Corporate Governance: Ethische Urteilsbildung in der KI-Ära

Während die Technik den Lehrplan dominiert, erlebt der Bereich Corporate Governance eine Renaissance mit Fokus auf ethische Urteilsbildung. Das Institut für Rechnungswesen an der LMU München forscht intensiv zu „Accounting for Transparency“.

Aktuelle Diskussionen in Fachkreisen drehen sich um die „Audit Readiness“ für Nachhaltigkeitsberichte nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Wie die Fachzeitschrift Die Wirtschaftsprüfung (WPg) berichtet, sind Unternehmen darauf sehr unterschiedlich vorbereitet.

Die Hochschulen lehren daher nicht mehr nur das Wie der Prüfung, sondern auch das Was eines ausreichenden Nachweises in der nichtfinanziellen Berichterstattung. Dafür braucht es neue Soft Skills: kritisches Denken, gesunde Skepsis und die Fähigkeit, Managementbehauptungen zu „grünen“ Aktivitäten zu hinterfragen. Diese Kompetenzen finden sich nun in den Modulbeschreibungen für das kommende Sommersemester wieder.

Ausblick: Der „Hybrid-Prüfer“ wird zum Standard

Die Richtung für 2026 ist vorgezeichnet: Die strikte Trennung zwischen „IT-Spezialisten“ und „Finanzprüfern“ löst sich auf.

Branchenkenner erwarten, dass Akkreditierungsstellen bis Jahresende Programmierkenntnisse (vermutlich in Python oder R) für alle Standard-BWL-Studiengänge vorschreiben werden. Die erste große Hürde ist jedoch der Prüfungszyklus im Februar 2026.

Die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) bestätigt, dass die schriftlichen Prüfungen vom 3. bis 13. Februar stattfinden. Die Kandidaten sind die erste Kohorte, die das volle Gewicht der neuen Regulatorik nach 2025 zu spüren bekommt. Sie testen, wie agil das deutsche Bildungssystem auf legislative Echtzeit-Veränderungen reagieren kann.

Die Botschaft der ersten Januartage ist eindeutig: Technische Kompetenz in IFRS und HGB ist nicht länger die Decke des Könnens, sondern nur noch die Basis. Die neue Exzellenz liegt im Navigieren durch das komplexe Zusammenspiel von EU-Nachhaltigkeitsregularien, KI-gestützten Prüfwerkzeugen und robuster Unternehmensführung.

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