Gericht, Prozess

Meta vor Gericht: Erster Prozess um süchtig machende KI-Algorithmen beginnt

01.02.2026 - 09:09:11

Meta muss sich erstmals vor einer Jury für den Vorwurf verantworten, seine Social-Media-Plattformen absichtlich süchtig machend und schädlich für Jugendliche gestaltet zu haben. Der historische Prozess in Los Angeles markiert einen Höhepunkt im weltweiten Streit um die Verantwortung von Tech-Konzernen für die psychische Gesundheit junger Nutzer.

Die Klägerin, eine 20-jährige Frau, führt ihre diagnostizierten Angststörungen und Depressionen direkt auf eine Social-Media-Sucht in ihrer Jugend zurück. Ursprünglich waren auch Snap und TikTok angeklagt, die sich jedoch vergangene Woche außergerichtlich einigten. Damit stehen nun Meta und Googles YouTube allein vor den Geschworenen.

Kern der Anklage ist der Vorwurf, Meta habe wissentlich manipulative Design-Funktionen wie Endlos-Scrollen, Push-Benachrichtigungen und KI-gesteuerte Empfehlungsalgorithmen eingesetzt. Ziel sei gewesen, die Nutzungsdauer – besonders bei vulnerablen Jugendlichen – gewinnorientiert zu maximieren.

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Interne Dokumente, die im Zuge des Verfahrens öffentlich wurden, belasten den Konzern schwer. In einer Nachricht bezeichnete ein hauseigener UX-Forscher Instagram demnach als „Droge“ und kommentierte: „Wir sind im Grunde Dealer.“ Die Sucht sei „biologisch und psychologisch“, während das Management darauf fokussiert gewesen sei, die Rückkehr der Nutzer sicherzustellen.

Bereits 2021 hatte eine interne Meta-Studie, die an die Öffentlichkeit gelangte, gezeigt: Das Unternehmen wusste, dass Instagram Körperwahrnehmungsstörungen und Suizidgedanken bei Teenager-Mädchen verstärken kann.

Tausende Klagen und ein zweiter Prozess

Der Los-Angeles-Prozess ist nur die Spitze des Eisbergs. Tausende Einzelklagen wurden zu Sammelklagen auf Bundesebene und in Kalifornien gebündelt. Über 250 Schulbezirke und Hunderte Familien fordern Schadensersatz für soziale, pädagogische und wirtschaftliche Kosten der Jugendmentalitätskrise.

Parallel beginnt am 2. Februar 2026 ein weiterer Prozess in New Mexico. Der Bundesstaat klagt Meta dort an, Kinder nicht ausreichend vor sexueller Ausbeutung und Übergriffen geschützt zu haben. Auch hier sollen interne E-Mails belegen, dass Sicherheitsmitarbeiter vor sexualisierten KI-Chatbots warnten – und das Management die Bedenken ignorierte.

Kampf um die Produkthaftung für Algorithmen

Meta weist die Vorwürfe entschieden zurück. Ein Sprecher betonte das langjährige Engagement für das Wohl junger Menschen und verwies auf eingeführte Sicherheitsfunktionen. Die Klagen würden die komplexe Thematik der Jugendmentalität unzulässig vereinfachen und andere gesellschaftliche Faktoren ignorieren.

Rechtsexperten beobachten den Präzedenzfall genau. Anders als frühere Klagen, die oft an Section 230 scheiterten – jenem US-Gesetz, das Plattformen von der Haftung für Fremdinhalte befreit – zielen diese Verfahren auf das Produktdesign und die KI-Algorithmen selbst ab. Die Kläger argumentieren, die Plattformen seien keine passiven Hosts, sondern bewusst fehlerhaft gestaltete Produkte.

Ein Schuldspruch könnte weitreichende Folgen haben: hohe Schadensersatzsummen und gerichtlich angeordnete Änderungen am Kern-Design der Plattformen. Das würde den Ruf nach strengerer Regulierung der Tech-Branche befeuern und einen mächtigen Präzedenzfall schaffen, um Unternehmen für die gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer algorithmischen Systeme zur Verantwortung zu ziehen.

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