Inklusionsbarometer, Arbeitslosigkeit

Inklusionsbarometer 2025: Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Behinderung steigt dramatisch

30.11.2025 - 15:41:12

Die Beschäftigungsquote schwerbehinderter Menschen sinkt auf 4,4 Prozent, während die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe mit 12 Prozent einen Rekordwert erreicht.

Nur Tage vor dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung zeigt sich: Die Kluft zwischen politischem Anspruch und betrieblicher Realität wächst. Trotz verschärfter Strafen beschäftigt jedes vierte Unternehmen in Deutschland keinen einzigen schwerbehinderten Menschen.

Das am Freitag veröffentlichte Inklusionsbarometer Arbeit 2025 von Aktion Mensch und dem Handelsblatt Research Institute offenbart einen alarmierenden Trend: Die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Behinderung klettert auf Rekordniveau, während Unternehmen ihre Inklusionsquoten auf historische Tiefstände schrumpfen lassen. Die Zahlen werfen eine unbequeme Frage auf: Sind finanzielle Sanktionen überhaupt das richtige Instrument?

Betriebsräte und Schwerbehindertenvertretungen bundesweit ziehen jedenfalls ihre eigenen Schlüsse. Sie setzen verstärkt auf ihre Mitbestimmungsrechte, um Barrieren „von innen heraus” zu beseitigen – ein Ansatz, der zeigt, dass echte Inklusion nur vor Ort erkämpft werden kann.

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Die erschreckenden Fakten

185.400 arbeitslose Menschen mit schwerer Behinderung zählte die Statistik im Oktober 2025 – ein Anstieg von knapp 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Noch dramatischer: Die Arbeitslosenquote in dieser Gruppe liegt bei fast 12 Prozent und damit doppelt so hoch wie die allgemeine Quote von rund 6 Prozent.

„Die Misere verfestigt sich”, warnte Christina Marx, Sprecherin von Aktion Mensch. Die Beschäftigungsquote sei auf 4,4 Prozent gefallen – der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung 2013. Dabei verlangt das Gesetz von Unternehmen ab 20 Beschäftigten eine Quote von 5 Prozent.

Besonders brisant: Mehr als 25 Prozent aller verpflichteten Unternehmen beschäftigen weiterhin keinen einzigen schwerbehinderten Menschen. Für viele Betriebe scheint die erhöhte Ausgleichsabgabe – seit Januar 2024 bei 720 Euro pro Monat und unbesetztem Pflichtarbeitsplatz – der bequemere Weg zu sein als strukturelle Veränderungen anzugehen.

Wenn Betriebsräte selbst aktiv werden

Während die Makro-Zahlen entmutigen, zeigen sich an der Basis andere Ansätze. Betriebsräte und Schwerbehindertenvertretungen nutzen ihre Mitbestimmungsrechte, um konkrete Veränderungen zu erzwingen.

Ein eindrucksvolles Beispiel lieferte vergangenen Donnerstag das Mercedes-Benz-Werk in Rastatt. Die dortige Schwerbehindertenvertretung (SBV) organisierte gemeinsam mit der IG Metall einen „Tag der Barrierefreiheit”. Statt theoretischer Diskussionen gab es praktische Erfahrungen: Führungskräfte und Belegschaft durchliefen Rollstuhl-Parcours und Blindgang-Simulationen.

„Wenn Inklusion gelingen soll, müssen wir Barrieren konsequent abbauen”, erklärte Marco Spronk, Schwerbehindertenvertreter des Werks. „Daran arbeiten wir täglich im Betrieb, aber die Sensibilisierung ist entscheidend.”

Dieser Ansatz verdeutlicht eine zentrale Erkenntnis: Gesetzliche Quoten allein bewirken wenig. Es sind oft die Betriebsräte vor Ort, die konkrete Hindernisse identifizieren – nicht barrierefreie Software, bauliche Hürden oder starre Schichtmodelle –, die Einstellung und Integration behinderter Beschäftigter verhindern.

Ist die „Strafstrategie” gescheitert?

Die verschlechterten Zahlen überraschen Beobachter, die vom Gesetz zur Förderung eines inklusiven Arbeitsmarkts mehr erhofft hatten. Das seit Januar 2024 vollständig geltende Gesetz verdoppelte die Ausgleichsabgabe für Unternehmen mit „Null-Quote” auf 720 Euro pro unbesetztem Arbeitsplatz und Monat.

Doch die Daten legen nahe: In wirtschaftlich angespannten Zeiten betrachten viele Firmen diese Abgabe schlicht als „Betriebskosten” statt als Anreiz zur Beschäftigung.

Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, kritisiert seit Langem die Lücke zwischen „Gesagtem und Getanem”. In Stellungnahmen zum bevorstehenden Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember betont er: Inklusion sei keine soziale Geste, sondern demokratische Notwendigkeit.

Das ökonomische Argument für Inklusion bleibt stark – wird aber ignoriert. Die Aktion-Mensch-Studie weist auf eine „stille Reserve” von etwa 1,6 Millionen Menschen mit Behinderung hin, die dem Arbeitsmarkt fernbleiben, aber den Fachkräftemangel deutlich mildern könnten.

Die Umsetzungslücke wird größer

Experten sprechen von einer massiven „Implementierungslücke” in den deutschen Arbeitsbeziehungen. Während der rechtliche Rahmen zu den stärksten in Europa gehört, hinkt die praktische Anwendung hinterher.

„Wir beobachten einen Trend, dass Unternehmen unter Wirtschaftsdruck soziale Verantwortung zurückfahren”, analysiert das Handelsblatt Research Institute. „Die Arbeitslosigkeit unter behinderten Menschen steigt schneller als die allgemeine – das deutet auf strukturelle Diskriminierung hin.”

Zudem wandelt sich die Definition von „Barrieren”. Der Tiroler Monitoringausschuss im benachbarten Österreich betonte am Sonntag in einer Stellungnahme, dass „Inklusion durch Mitbestimmung” auch digitale Barrierefreiheit einschließe. Mit der zunehmenden Digitalisierung werden nicht barrierefreie interne Softwaresysteme zu unsichtbaren, aber gravierenden Hindernissen – ein Problem, das Betriebsräte erst allmählich angehen.

Proteste und Wahlforderungen

Die kommende Woche dürfte diese Spannungen in die Öffentlichkeit tragen. Am Dienstag, 3. Dezember, ruft der Deutsche Behindertenrat zu einer Großdemonstration vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin auf. Unter dem Motto „Inklusion ermöglichen – Barrierefreiheit schaffen” fordern Aktivisten, die Schlupflöcher zu schließen, die es Unternehmen erlauben, sich von ihren sozialen Pflichten „freizukaufen”.

Mit Blick auf die Bundestagswahl 2025 formulieren Gewerkschaften und Sozialverbände wie VdK und SoVD bereits konkrete Forderungen:

  1. Strikte Durchsetzung der 5-Prozent-Quote ohne Ausweichmöglichkeit für Großkonzerne
  2. Erweiterte Mitbestimmungsrechte für Schwerbehindertenvertretungen mit Vetorecht bei Personalentscheidungen
  3. Verbindliche Barrierefreiheits-Standards für sämtliche Arbeitsplatzsoftware und digitale Werkzeuge

Das Inklusionsbarometer 2025 zeigt deutlich: Der bisherige Ansatz aus Zuckerbrot und Peitsche funktioniert nicht. Solange Unternehmen Menschen mit Behinderung als „Belastung” statt als „Ressource” betrachten – und solange Betriebsräte nicht mit wirksamen Instrumenten ausgestattet sind, um diesen Wandel durchzusetzen – bleibt das Ziel eines inklusiven Arbeitsmarkts außer Reichweite.

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