Arbeitszeit-Debatte, Gewerkschaften

Arbeitszeit-Debatte spaltet Politik und Gewerkschaften

22.01.2026 - 04:14:12

Gewerkschaften wehren sich gegen Forderungen nach längeren Arbeitszeiten und verteidigen das Arbeitszeitgesetz als Gesundheitsschutz. Die anstehenden Betriebsratswahlen und das neue EU-KI-Gesetz verschärfen den Grundsatzkonflikt um die Zukunft der Arbeit.

Deutschland steht vor einem Grundsatzkonflikt um die Zukunft der Arbeit. Während Politiker und Wirtschaftsvertreter mehr Flexibilität fordern, verteidigen die Gewerkschaften das Arbeitszeitgesetz als unverzichtbaren Gesundheitsschutz. Der Streit entzündet sich an Forderungen nach längeren Arbeitszeiten und einer strengeren Prüfung von Krankschreibungen.

Gewerkschaften in Alarmstellung: Arbeitszeitgesetz als Gesundheitsgarant

Die Kritik aus Politik und Wirtschaft an der deutschen Arbeitsmoral und den als zu starr empfundenen Regeln stößt bei den Gewerkschaften auf massiven Widerstand. Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ist das Arbeitszeitgesetz die entscheidende Barriere gegen Burnout und arbeitsbedingte Erkrankungen. „Lange und unplanbare Arbeitstage erhöhen den Stress und erschweren die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, erklärt Bernhard Stiedl, DGB-Landesvorsitzender in Bayern.

Eine Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung untermauert diese Position. Sie zeigt, dass die Kombination aus Gesetz und Tarifverträgen den Unternehmen bereits erhebliche Flexibilität bietet. So können tägliche Arbeitszeiten bereits auf zehn Stunden ausgeweitet werden, wenn ein Ausgleich innerhalb von sechs Monaten erfolgt.

Wahlkampf und Warnung: Betriebsratswahlen 2026 unter Hochspannung

Die Verteidigung des Status quo geht einher mit einer offensiven Vorbereitung auf die bundesweiten Betriebsratswahlen zwischen März und Mai 2026. Der DGB stellt sich schützend vor den Wahlprozess. Ernesto Harder, DGB-Chef in Niedersachsen, warnte Arbeitgeber diese Woche vor jeglicher Einmischung oder Behinderung der Wahlen und kündigte umgehende Klagen an. Für die Gewerkschaften sind starke Betriebsräte der Schlüssel, um Schutzvorschriften zu Arbeitszeit und Gesundheit durchzusetzen.

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Neue Fronten: Gerichtsurteile und KI-Gesetz verschärfen den Konflikt

Die Auseinandersetzung wird durch eine sich wandelnde Rechtslage zusätzlich kompliziert. Ein aktuelles Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 20. Januar 2026 unterstreicht, dass Betriebsräte ihr Mitbestimmungsrecht bei nicht gesetzlich geregelten Themen nur dann durchsetzen können, wenn dies ausdrücklich in einem Tarifvertrag steht.

Eine viel größere Herausforderung steht jedoch ab August 2026 an: die Umsetzung des EU-KI-Gesetzes. Es stuft KI-Systeme zur Bewertung, Auswahl oder Steuerung von Beschäftigten – wie Tools für Bewerberscreening, Schichtplanung oder Leistungsanalyse – als „hochriskant“ ein. Arbeitgeber müssen dann Risikoanalysen durchführen, für Transparenz sorgen und die Mitarbeitervertretung einbinden. Dies eröffnet ein komplett neues digitales Kampffeld für die Mitbestimmung, das Technologie direkt mit Arbeitsbedingungen und Gesundheitsschutz verknüpft.

Grundsatzkonflikt im digitalen Zeitalter

Der aktuelle Streit ist mehr als eine Debatte über Stunden. Er spiegelt einen fundamentalen Zielkonflikt wider: die Forderung nach wirtschaftlicher Agilität gegen den gesetzlich verankerten Schutz des Mitarbeiterwohls. Die durch Remote Work und Digitalisierung verschwimmende Grenze zwischen Büro und Zuhause macht klare Regeln zu Arbeitszeit, Ruhephasen und Erreichbarkeit dringender denn je.

Analysten kritisieren, dass die Deregulierungsforderungen die potenziellen Kosten durch mehr Burnout und Berufskrankheiten ausblenden. Die Gewerkschaften wiederum erweitern ihre Strategie und fokussieren sich zunehmend darauf, wie Arbeit im digitalen Zeitalter gesteuert und überwacht wird. Die anstehenden Betriebsratswahlen gelten als entscheidender Stresstest für die Durchsetzungsfähigkeit der Arbeitnehmerseite.

Ausblick: Wahlen und KI werden Mitbestimmung neu definieren

Die kommenden Monate werden richtungsweisend für die deutschen Arbeitsbeziehungen. Das Ergebnis der Betriebsratswahlen im Frühjahr bestimmt für vier Jahre die Stärke der Arbeitnehmervertretung in den Betrieben. Ein starkes Mandat für gewerkschaftsnahe Kandidaten könnte zu härteren Forderungen nach strikteren Arbeitszeitkontrollen und umfassenderen digitalen Gesundheitsinitiativen führen.

Gleichzeitig müssen Betriebsräte und Arbeitgeber bis August 2026 Expertise im Umgang mit algorithmischen Systemen aufbauen. Dies wird voraussichtlich eine neue Welle von Betriebsvereinbarungen auslösen, die Fairness, Transparenz und Gesundheitsschutz im Zeitalter der KI-gesteuerten Personalführung sichern sollen. Das Zusammenspiel dieser Entwicklungen wird die Zukunft der Arbeit in der größten Volkswirtschaft Europas tiefgreifend prägen.

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