Syrien: Kurdenmilizen ziehen von berüchtigtem IS-Lager ab
20.01.2026 - 14:33:16Die von Kurdenmilizen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) ziehen nach eigenen Angaben von dem berüchtigten Lager al-Hol in Syrien ab. In dem Lager, das die SDF bisher bewachten, sind Tausende Angehörige von Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) untergebracht, vor allem Frauen, Kinder und Jugendliche. Der Abzug folgt auf eine Offensive von Regierungstruppen im Nordosten.
Das Lager ist offiziell kein Gefängnis, wird von Bewohnern aber oft als ein solches beschrieben. Sie können das Camp nicht freiwillig verlassen.
«Aufgrund der Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft gegenüber dem IS-Problem» seien die SDF-Streitkräfte gezwungen gewesen, aus dem Lager abzuziehen, hieß es in einer Pressemitteilung. Sie warfen der internationalen Gemeinschaft vor, ihrer Verantwortung bei der Bewältigung «dieser ernsten Angelegenheit» nicht nachgekommen zu sein. Die SDF-Einheiten seien in andere Gebiete im Nordosten Syriens verlegt worden.
Regierung hat USA über SDF-Abzug informiert
Die syrische Armee bestätigte den Abzug der SDF-Kräfte. Sie warfen ihnen vor, den dort «Inhaftierten» die Flucht ermöglicht zu haben. Die Armee werde in das Gebiet vorrücken und die Lage sichern, hieß es. Die Armee bekräftigte zugleich ihr Bekenntnis zum Schutz der kurdischen Bevölkerung. Ziel des Einsatzes sei es, Stabilität wiederherzustellen und staatliche Institutionen zu schützen. Die syrische Armee verstehe sich als «Festung für alle Syrer», hieß es weiter.
Die syrische Übergangsregierung gab unterdessen an, die USA über den geplanten SDF-Rückzug aus ihren Stellungen rund um das Lager informiert zu haben. Seit der vergangenen Nacht sei die amerikanische Seite offiziell über die Absicht der SDF in Kenntnis gesetzt worden, hieß es in einer von der staatlichen Nachrichtenagentur Sana veröffentlichen Regierungserklärung.
Die Regierung habe den USA und «allen relevanten Parteien» ihre sofortige Bereitschaft erklärt, die Kontrolle über die betroffenen Positionen zu übernehmen und deren Sicherung zu gewährleisten. Ziel sei es, die Stabilität des Lagers zu erhalten und zu verhindern, dass terroristische Gruppen die Situation ausnutzen.
Lager als Nährboden für den IS
Kurdische Verantwortliche hatten schon vor der Ankündigung die Befürchtung geäußert, ein Kontrollverlust über die Gefängnisse oder Lager für IS-Kämpfer und deren Angehörige könnte ein Erstarken des IS begünstigen und die gesamte Region in eine neue Phase von Gewalt und Instabilität reißen.
Ein Verantwortlicher des Lagers sagte der Deutschen Presse-Agentur, Frauen probierten zu flüchten. «Chaos überall», sagte er. Einige der Frauen zerstörten bereits ihre eigenen Zelte und Behausungen.
In al-Hol leben vor allem Syrer und Iraker, aber auch Menschen mit Staatsangehörigkeit in EU-Ländern, Nordamerika oder Zentralasien. Nach Angaben aus dem Lager leben dort heute auch noch 13 Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, die sich einst dem IS angeschlossen hatten. Insgesamt leben im al-Hol-Lager heute rund 23.000 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder.
Nach dem militärischen Sieg über den IS im Jahr 2019 wurden Angehörige von IS-Kämpfern aus Sicherheitsgründen in den Lagern wie al-Hol isoliert. Die kurdisch angeführten Milizen kontrollierten, verwalteten und sicherten das Lager.
Al-Hol gilt seit Jahren als hochriskant. Die Versorgung der Lagerbewohner ist unzureichend. Terrorismusexperten warnen seit Jahren, dass das Lager durch die Isolation ein Nährboden für die Ideologie des Islamischen Staats ist. Bewohner leben nach eigenen Aussagen in einer Art rechtsfreien Raum. Immer wieder kommt es dort zu Morden und anderen Gewaltakten. Nach Angaben von Verantwortlichen übt der IS weiter Einfluss auf die Bewohner aus und ordnet Angriffe an. Kinder, die dort aufwachsen, werden oft als «Welpen des Kalifats» bezeichnet.
IS-Kämpfer sind weiterhin in Syrien aktiv
Der IS hatte 2014 in Syrien und im benachbarten Irak große Gebiete überrannt. Teilweise kontrollierte er etwa ein Drittel Syriens und 40 Prozent des Irak. Die USA begannen daraufhin einen Kampf gegen den IS - die SDF zählten zu ihren wichtigsten Verbündeten. Die Terrormiliz gilt als militärisch besiegt. In beiden Ländern sind schätzungsweise aber noch rund 2.500 IS-Kämpfer aktiv, die auch Anschläge verüben.
In Syrien rücken seit einigen Tagen Regierungstruppen und deren Verbündeten immer weiter in die Kurdengebiete im Norden und Osten des Landes weiter vor. Hintergrund ist ein Streit zur Eingliederung der bisher autonom verwalteten Kurdengebiete in die staatliche Ordnung. Nachdem ein Abkommen dazu bis heute nicht umgesetzt wurde, kam es zu tödlichen Gefechten. Die Übergangsregierung rückt dabei immer weiter in die bisher von Kurden kontrollierten Gebiete vor. Ein eigentlich am Sonntag verkündeter Waffenstillstand scheint inzwischen faktisch beendet.


