ROUNDUP, Netanjahu

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu dringt Medienberichten zufolge trotz EinwĂ€nden der MilitĂ€rfĂŒhrung auf eine vollstĂ€ndige Einnahme des Gazastreifens.

05.08.2025 - 06:35:05

Netanjahu will angeblich Einnahme des ganzen Gazastreifens

Die israelische Nachrichtenseite "ynet" zitierte ranghohe Beamte aus Netanjahus Umfeld mit den Worten: "Die WĂŒrfel sind gefallen - wir beabsichtigen, den Gazastreifen vollstĂ€ndig zu besetzen." In dem Bericht wird jedoch darĂŒber spekuliert, dass dies auch Teil einer Verhandlungstaktik sein könnte, um die islamistische Terrororganisation Hamas angesichts der festgefahrenen GesprĂ€che ĂŒber eine Waffenruhe und Freilassung der Geiseln unter Druck zu setzen.

Netanjahu selbst hatte zuvor nur gesagt, er werde in dieser Woche das Sicherheitskabinett einberufen, um ĂŒber das weitere Vorgehen in dem abgeriegelten und großflĂ€chig zerstörten KĂŒstenstreifen zu entscheiden. "Ich verstehe genau, was die Hamas will. Sie will keinen Deal", hatte der Regierungschef in einer Video-Botschaft gesagt. Er sei nun noch entschlossener, die Geiseln zu befreien, die Hamas zu eliminieren und dafĂŒr zu sorgen, dass vom Gazastreifen nie wieder eine Gefahr fĂŒr Israel ausgeht.

ArmeefĂŒhrung hat Bedenken gegen Besetzung ganz Gazas

Israels MilitĂ€r kontrolliert derzeit rund 75 Prozent der FlĂ€che des Gazastreifens. Die Beseitigung aller Hamas-Tunnel und -Bunker könne Jahre dauern, beschrieb die "Times of Israel" Bedenken der ArmeefĂŒhrung gegen eine volle Einnahme. Auch könnten die Geiseln in Gefahr geraten und von ihren EntfĂŒhrern getötet werden, sollten sich Israels Truppen den Orten nĂ€hern, wo sie festgehalten werden. Nach israelischer EinschĂ€tzung befinden sich derzeit noch 50 Geiseln in der Gewalt der Hamas, von denen noch 20 am Leben sein sollen.

Trotz der Bedenken des MilitĂ€rs habe Netanjahu Ministern mitgeteilt, dass er sich um die UnterstĂŒtzung des Kabinetts fĂŒr einen Plan zur vollstĂ€ndigen Besetzung Gazas bemĂŒhen werde, berichtete die "Times of Israel". Die Nachrichtenseite "ynet" zitierte einen Beamten mit den Worten: "Wenn der Generalstabschef (Ejal Zamir) damit nicht einverstanden ist, dann soll er zurĂŒcktreten." Berichten zufolge soll sich Zamir bei vergangenen Sitzungen des Sicherheitskabinetts heftige Diskussionen mit ultrarechten Ministern geliefert haben, die die Einnahme des ganzen Gazastreifens, die Abschiebung der palĂ€stinensischen Bevölkerung in andere LĂ€nder und die Errichtung jĂŒdischer Siedlungen fordern.

Ex-Armeesprecher ĂŒbt scharfe Kritik

Netanjahu, gegen den ein Korruptionsprozess lĂ€uft, ist fĂŒr sein politisches Überleben auf seine rechtsextremen Koalitionspartner angewiesen. Zu den Berichten, wonach er nun entschieden habe, ganz Gaza einnehmen zu lassen, schrieb Israels frĂŒherer Armeesprecher Peter Lerner auf der Plattform X: "Dies ist politisches Überleben, maskiert als nationale Sicherheit. Netanjahu stĂŒrmt blindlings voran und zieht unsere Söhne und Töchter in einen endlosen Sumpf." Mit jedem Tag, den sich der Krieg hinziehe, seien die Geiseln in grĂ¶ĂŸerer Gefahr. Er bete, dass Zamir "den Mut hat, sich diesem absurden Plan zu widersetzen, der sich nicht gegen die Hamas richtet. Er richtet sich gegen Israel", schrieb er.

Die "Times of Israel" schrieb, es sei unklar, was eine vollstĂ€ndige Besetzung des weitgehend zerstörten KĂŒstengebiets fĂŒr die rund zwei Millionen palĂ€stinensischen Bewohner sowie die dort tĂ€gigen Hilfsorganisationen bedeuten wĂŒrde. Nach UN-Angaben droht in Gaza eine Hungersnot. Seit einigen Tagen lĂ€sst Israel zwar wieder mehr Hilfslieferungen in das abgeriegelte Gebiet. Doch viele der HilfsgĂŒter kommen nicht bei denen an, die sie am meisten benötigen.

UN: Großteil der Hilfslieferungen wird geplĂŒndert

Ein Großteil wird im nach 22 Monaten Krieg herrschenden Chaos schon auf dem Weg geplĂŒndert. Seit dem 19. Mai wurden nach UN-Angaben von rund 2.600 Lkw rund 2.300 abgefangen, "entweder friedlich von hungrigen Menschen oder gewaltsam von bewaffneten Akteuren", heißt es. Eine vollstĂ€ndige Eroberung des KĂŒstenstreifens könnte die Lage der Menschen, die ohnehin schon unter unertrĂ€glichen Bedingungen in dem Gebiet hausen, erheblich verschĂ€rfen.

Der US-Sender CNN berichtete, es sei unklar, ob der Ansatz Netanjahus mit der Linie des US-Sondergesandten Steve Witkoff ĂŒbereinstimmt. Witkoff soll am Wochenende laut Medienberichten bei einem Treffen mit Angehörigen der Geiseln in Tel Aviv gesagt haben, dass der Plan nicht darin bestehe, den Krieg auszuweiten, sondern ihn zu beenden. Statt wie bisher zunĂ€chst nur ĂŒber eine Waffenruhe und die stufenweise Freilassung der Geiseln zu verhandeln, strebe US-PrĂ€sident Donald Trump jetzt einen umfassenden Deal an, der den Krieg beende und alle verbleibenden Geiseln auf einmal zurĂŒckbringe, hieß es.

Sorge im Libanon vor neuem Krieg

Unterdessen herrscht auch im Libanon die Sorge vor einem erneuten Krieg mit Israel. Seit Ende November besteht zwar zwischen dem jĂŒdischen Staat und der libanesischen Hisbollah-Miliz eine Waffenruhe. Doch greift das israelische MilitĂ€r weiterhin nahezu tĂ€glich in dem nördlichen Nachbarland an. Auch zu Wochenbeginn wurde dabei nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wieder ein Mensch getötet. Nach Angaben des israelischen MilitĂ€rs handelte es sich um einen "Hisbollah-Terroristen".

FĂŒr heute ist im Libanon eine Kabinettssitzung angesetzt. Dabei soll es um die Kontrolle aller Waffen durch den libanesischen Staat und die damit einhergehende Entwaffnung der Hisbollah gehen. Die Hisbollah weigert sich bisher, einer verbindlichen Entwaffnung mit konkretem Zeitplan zuzustimmen.

Es wird befĂŒrchtet, der Libanon könnte erneut in eine politische Krise schlittern, sollten Mitglieder der Hisbollah - die auch politische Partei ist - die Regierung verlassen. Der Staat steht unter Druck, die Entwaffnung der Miliz durchzusetzen. Sie gilt als zentrale Forderung Israels und der USA. Israelische Soldaten sind weiterhin an fĂŒnf Posten im SĂŒden des Libanons stationiert.

@ dpa.de