FrĂŒherer MinisterprĂ€sident Albig wird Tabaklobbyist
01.09.2023 - 06:09:06Schleswig-Holsteins frĂŒherer MinisterprĂ€sident Torsten Albig (SPD) ist als Lobbyist zum Tabakkonzern Philip Morris gewechselt. Der 60-JĂ€hrige leitet kĂŒnftig den GeschĂ€ftsbereich External Affairs der Deutschland-Tochter des global tĂ€tigen Zigarettenherstellers, wie die Philip Morris GmbH heute in GrĂ€felfing mitteilte.
«Ich will die Firma in ihrer Transformation vom Tabakhersteller zu einem Anbieter von schadstoffreduzierten Produkten unterstĂŒtzen», sagte der Ex-Politiker der dpa. Dabei bezog er sich auf den Tabakerhitzer Iqos, den Philip Morris stark bewirbt, dessen Marktanteil aber noch gering ist.
Er selbst ist Nichtraucher
WĂŒrden erwachsene Raucherinnen und Raucher auf solche Produkte umsteigen, hĂ€tte dies das Potenzial, die Gesundheitsgefahren zu senken, sagt Albig. «Am besten ist natĂŒrlich immer der Rauchstopp.»
Der Sozialdemokrat ist nach eigener Aussage Nichtraucher. «Ich habe noch nie in meinem Leben eine Zigarette geraucht.» Seine Mutter und seine GroĂeltern seien hingegen starke Raucher gewesen, alle drei hĂ€tten auch deswegen schwere gesundheitliche Probleme bekommen. «Meine Mutter wollte immer wieder aufhören zu rauchen, aber sie hat immer wieder damit angefangen», sagt Albig. HĂ€tte es schon damals schadstoffreduzierte Produkte gegeben, «dann wĂ€re das eine Option gewesen fĂŒr sie und ihr wĂ€re vielleicht einiges erspart geblieben».
Forderung nach Informationskampagnen
Albig fordert von der Bundespolitik einen anderen Ansatz im Umgang mit dem Rauchen und mehr Informationskampagnen. In Italien und Japan hÀtten schadstoffreduzierte Produkte einen deutlich höheren Marktanteil als in Deutschland. Zudem verweist er auf Schweden, wo nur wenige Menschen rauchen. Dort ist das Tabakprodukt Snus weit verbreitet. Das wird nicht geraucht, sondern unter die Oberlippe geschoben. Der Snus-Hersteller Swedish Match gehört zu Philip Morris, in Deutschland darf das Produkt allerdings nicht verkauft werden.
Tabakhitzer sind hierzulande hingegen zu haben, auch der Philip Morris-Konkurrenten British American Tobacco mischt mit der Marke glo mit. Die Produkte sind umstritten. Einerseits gibt es Stimmen, die sie als kleineres Ăbel werten. Im Gegensatz zu Zigaretten wird der Tabak nicht verbrannt, sondern nur heiĂ gemacht. Andererseits warnt zum Beispiel das Deutsche Krebsforschungszentrum vor einer Verharmlosung - auch Tabakerhitzer seien schlecht fĂŒr die Gesundheit. Mangels Langfriststudien sind die genauen Folgen noch unklar.
«Das Ziel des Staates muss es doch primĂ€r sein, die rauchbedingten Folgen fĂŒr die Menschen und die daraus resultierenden Kosten fĂŒr das Gesundheitssystem zu verringern», sagt Albig mit Blick auf die Menschen, die Jahr fĂŒr Jahr an den Folgen des Tabakkonsums erkranken und behandelt werden mĂŒssen. «Mit einer innovationsoffenen Regulierung wĂ€re eine deutliche Kostensenkung möglich.»
Der Tabakriese Philip Morris International (PMI) will auf lange Sicht raus aus dem klassischen ZigarettengeschÀft und setzt daher weltweit auf Iqos, E-Zigaretten und Nikotinbeutel. Der Löwenanteil des Umsatzes kommt aber noch aus dem Verkauf von Marken wie Marlboro und L&M.
Wechsel könnte fĂŒr Aufsehen sorgen
Die Personalie dĂŒrfte kontrovers diskutiert werden. Auf die Frage, ob er seiner Partei mit dem Wechsel in die umstrittene Tabakbranche nicht einen BĂ€rendienst erweise, sagt Albig, dass Philip Morris «ein bedeutendes Unternehmen» mit einem wichtigen Ziel sei, und zwar deutlich mehr schadstoffreduzierte Produkte zu verkaufen als bisher. «UnabhĂ€ngig von mir ist es fĂŒr meine Partei immer gut, wenn ihre Mitglieder auch in der Wirtschaft Akzeptanz finden und dort auch fĂŒhrende Aufgaben ĂŒbernehmen.»
Der gebĂŒrtige Bremer war von 2009 bis 2012 OberbĂŒrgermeister von Kiel und danach bis 2017 MinisterprĂ€sident von Schleswig-Holstein. Nach einer verlorenen Landtagswahl zog der SPD-ler sich aus der aktiven Politik zurĂŒck und ging fĂŒr vier Jahre nach BrĂŒssel, wo er Leiter der ReprĂ€sentanz der Deutschen Post DHL wurde. 2021 wechselte er fĂŒr gut ein Jahr zum Bundesverband Deutscher Postdienstleister.
Wechsel von Politikern zu Firmen oder VerbĂ€nden sorgen immer wieder fĂŒr Aufsehen. Matthias Wissmann (CDU) war in den 90ern Bundesverkehrsminister, von 2007 bis 2018 war er als PrĂ€sident des Verbands der Automobilindustrie oberster Autolobbyist in Deutschland. Der Ex-Staatsminister im Kanzleramt Eckart von Klaeden (CDU) wurde 2013 Daimlers Chef-Lobbyist. Und der Ex-GrĂŒnen-Bundestagsabgeordnete Matthias Berninger setzt sich fĂŒr den Agrarchemiekonzern Bayer ein.


