Hamburg, Deutschland

«White Tiger»: Mutmaßlicher Pädokrimineller vor Gericht

09.01.2026 - 15:10:47

Seine Opfer waren jung und besonders verletzlich. Er, kaum älter, soll seine Opfer dazu überredet haben, sich selbst zu töten. Ein 13-Jähriger starb. Nun steht der «White Tiger» vor Gericht.

  • Vor Beginn der Verhandlungen finden sich auch zwei Angehörige des Angeklagten vor dem Gerichtsaal ein. - Foto: Marcus Brandt/dpa

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  • Die Verteidigerin des Angeklagten nennt die Vorwürfe haltlos und konstruiert. - Foto: Marcus Brandt/Pool dpa/dpa

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Vor Beginn der Verhandlungen finden sich auch zwei Angehörige des Angeklagten vor dem Gerichtsaal ein. - Foto: Marcus Brandt/dpaDie Verteidigerin des Angeklagten nennt die Vorwürfe haltlos und konstruiert. - Foto: Marcus Brandt/Pool dpa/dpa

Insgesamt 204 Straftaten soll der unter seinem Foren-Namen «White Tiger» bekanntgewordene mutmaßliche Pädokriminelle über das Internet und Kontinente hinweg begangen haben. Darunter laut Anklage auch einen vollendeten und fünf versuchte Morde. Nun steht der 21-jährige Deutsch-Iraner in Hamburg vor Gericht.

Seine Opfer laut Anklage: mehr als 30 Kinder und Jugendliche unter anderem aus Deutschland, England, Kanada und den USA. Nicht alle sind nach Angaben des Gerichts namentlich bekannt. Eine junge Finnin - die ebenfalls von ihm missbraucht worden sein soll - wurde als Nebenklägerin zugelassen.

Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Der Prozess - der wegen des minderjährigen Alters des Angeklagten bei der Begehung der Taten unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor einer Jugendkammer des Landgerichts geführt wird - begann mit rund halbstündiger Verspätung. Eine Schöffin hatte es wetterbedingt nicht pünktlich ins Gericht geschafft. 

Vor der Verhandlung hatten sich nach Angaben der Verteidigung auch die Eltern des Angeklagten vor dem Saal eingefunden. Sie hätten ihren Sohn kurz in den Arm nehmen dürfen, sagte Anwältin Christiane Yüksel. Hintergrund sei ein Vorfall am Vortag gewesen, bei dem der 21-Jährige im Untersuchungsgefängnis von anderen Gefangenen verprügelt worden sei und der die Eltern sehr beunruhigt habe. Der Richter habe der Begegnung deshalb zugestimmt. 

Anklageverlesung noch nicht abgeschlossen

Yüksel zufolge konnte die Verlesung der Anklage am ersten Prozesstag noch nicht abgeschlossen werden. Die Staatsanwaltschaft sei lediglich bis Seite 26 der über 100 Seiten umfassenden Anklageschrift gekommen. 

Gegenstand des ersten Verhandlungstages sei auch der Gesundheitszustand des Angeklagten gewesen. Ihr Mandant habe sich trotz des Vorfalls vom Vortag nicht für verhandlungsunfähig erklärt, sagte die Verteidigerin. «Er hatte nach wie vor Schmerzen, war mitgenommen». 

Insgesamt sind bis Dezember 82 Verhandlungstermine anberaumt. Im Falle einer Verurteilung wegen Mordes drohen dem Angeklagten nach Jugendstrafrecht maximal zehn Jahre Gefängnis, wie eine Gerichtssprecherin sagte.

«White Tiger» soll gezielt labile Kinder gesucht und gequält haben 

Der Angeklagte, der laut Staatsanwaltschaft Kopf des internationalen Sadisten-Netzwerks «764» war, soll die Taten zwischen Januar 2021 und September 2023 begangen haben. Er habe in Internetforen gezielt nach psychisch labilen Kindern und Jugendlichen gesucht, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie dann zu missbrauchen, so die Anklage. 

Dann soll er sie mit pornografischen Bildern und Videos erpresst und vor laufender Kamera zu immer heftigeren Selbstverletzungen gezwungen haben - bis hin zum Suizid. Auch habe er seine Opfer teilweise als «Werkzeug» zur Misshandlung anderer Kinder und Jugendlichen eingesetzt.

Einen 13-jährigen Jungen aus den USA soll er so in den Suizid getrieben haben. Eine 14-jährige Kanadierin hat laut Anklage versucht, sich umzubringen.

«White Tiger»-Anwältin nennt Anklage «experimentell» 

Die Verteidigerin des 21-Jährigen wies die Vorwürfe vor Beginn der Verhandlung als haltlos und konstruiert zurück. Die Anklage, die beim Mordvorwurf von einer mittelbaren Täterschaft ausgeht, da der Angeklagte nicht selbst Hand an seine Opfer gelegt hat, nannte sie «experimentell». 

«Dieses Konstrukt dieser sogenannten mittelbaren Täterschaft ist, wie schon das Wort sagt, eine Konstruktion, die hier sachlich fehlerhaft ist und auch nicht beweisbar wäre», sagte Verteidigerin Christiane Yüksel.

Seiner Mandantin gehe es aufgrund der Taten des Angeklagten seit langem schlecht, sagte hingegen der Rechtsanwalt der Nebenklägerin, Steffen Hörning - ohne Einzelheiten zur Person der jungen Frau mitzuteilen. «Sie ist eingebunden in ein engmaschiges Setting, wird behandelt von Psychotherapeuten, muss sich teilweise in stationäre Behandlungen begeben und ist natürlich insbesondere jetzt sehr angespannt im Hinblick auf den Prozess, der heute beginnt.» 

Nebenklage-Anwalt schildert Leid der Opfer

Der Angeklagte habe die bereits vorhandene psychische Labilität seiner Mandantin dazu ausgenutzt, «sie wirklich perfide» zu manipulieren, sagte Hörning. «Das ist ihm ganz offensichtlich gelungen und er hat sich in das Vertrauen meiner Mandantin eingeschlichen.»

Um die junge Frau zu schützen und ihr die Konfrontation mit dem Täter im Gericht zu ersparen, wollte er einen Antrag stellen, «dass sie bestenfalls gar nicht nach Hamburg kommen muss, sondern dass man eine audiovisuelle Zuschaltung aus Finnland hierher macht», sagte er.

Hinsichtlich des Angeklagten warnte Hörning vor dem Versuch einer Täter-Opfer-Umkehr durch dessen Verteidigung. «Es sind nicht die hier betroffenen kindlichen und jugendlichen Opfer schuld an ihrer Situation. Die sind in einem bemitleidenswerten Zustand gewesen und haben sich erhofft, Hilfe im Netz zu finden.» Sie seien «sicherlich nicht im Internet unterwegs gewesen, um sich von Sadisten quälen zu lassen», sagte Hörning.

Die Verteidigerin des Angeklagten hatte in einer Erklärung auf die «fehlende soziale Kontrolle in einer digitalen Welt» hingewiesen, «in der die Regeln verschwimmen» und die auf Täter und Opfer gleichermaßen anziehend wirke. 

US-Ermittler werfen deutschen Kollegen späte Festnahme vor

Die Hamburger Polizei hatte bereits im Jahr 2021 gegen den Angeklagten ermittelt. Damals ging es laut früheren Angaben der Staatsanwaltschaft um den Verdacht des Besitzes jugendpornografischer Aufnahmen. Die Ermittlungen wurden jedoch nach einer Vernehmung des Verdächtigen wegen Geringfügigkeit eingestellt. 

Die US-Bundespolizei FBI hatte 2023 ihre Ermittlungsergebnisse zu «White Tiger» mit den deutschen Behörden geteilt. Ein ehemaliger FBI-Ermittler sagte dem «Spiegel», er habe das Landeskriminalamt bei einem Treffen in Hamburg im Februar 2023 über die Identität des Beschuldigten informiert. Zugleich warf er den deutschen Behörden vor, es versäumt zu haben, den damals 17 Jahre alten Verdächtigen zeitnah aus dem Verkehr zu ziehen.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft bestätigte das geschilderte Treffen in Hamburg. Direkt nach dem Treffen sei ein Ermittlungsverfahren gegen «White Tiger» bei der Polizei eingeleitet worden – zunächst aber nur wegen des Vorwurfs des Umgangs mit kinderpornographischen Inhalten.

Der 21-Jährige war schließlich erst Mitte Juni vergangenen Jahres in der elterlichen Wohnung in Hamburg-Marienthal festgenommen worden. Seither sitzt er in Untersuchungshaft.

@ dpa.de

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