Erstmals, Konfessionsfreie

Berlin - Es ist ein historischer Wendepunkt: Erstmals in der Geschichte Deutschlands stellen konfessionsfreie Menschen einen größeren Bevölkerungsanteil als Katholiken und Protestanten zusammengenommen.

02.04.2025 - 12:39:50

Erstmals mehr Konfessionsfreie als Katholiken und Protestanten in Deutschland / Aktuelle fowid-Analyse belegt den Trend zur säkularen Gesellschaft. Dies geht aus den Daten hervor, welche die "Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland" (fowid) heute auf ihrer Website veröffentlicht hat.

Ende 2023 hatten die Konfessionsfreien mit 46 Prozent einen ebenso großen Anteil an der Gesamtbevölkerung wie Katholiken und Protestanten, 2024 sind sie an den Großkirchen vorbeigezogen: Laut den aktuellen Berechnungen von fowid-Leiter Carsten Frerk stellten Katholiken Ende 2024 23,7 Prozent der Bevölkerung, Protestanten (EKD) 21,5 Prozent, Muslime 3,9 Prozent, weitere Religionsgemeinschaften (u.a. orthodoxes Christentum, Freikirchen, Zeugen Jehovas, Judentum, Aleviten, Buddhisten und Hindus) 4,1 Prozent und die Konfessionsfreien 46,8 Prozent. Gerundet ergibt dies ein Verhältnis von 47 Prozent (Gruppe der Konfessionsfreien) zu 45 Prozent (Katholiken und Protestanten).

Dass die Anzahl der Konfessionsfreien die Zahl der Mitglieder der beiden Großkirchen hierzulande übertreffen würde, war schon lange absehbar: Wirft man einen Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung seit der deutschen Reichsgründung 1871 (siehe Titelgrafik), wird deutlich, dass sich der Bevölkerungsanteil der katholischen und evangelischen Kirchenmitglieder in Deutschland (von ursprünglich 98 Prozent auf nunmehr 45 Prozent) mehr als halbiert hat, während der Anteil der konfessionsfreien Menschen (von ursprünglich unter einem Prozent auf 47 Prozent) etwa um den Faktor 50 gestiegen ist.

fowid-Leiter Frerk geht davon aus, "dass die konfessionsfreien Menschen noch in diesem Jahrzehnt die absolute Mehrheit in Deutschland stellen werden". Eine Umkehr dieses Trends sei unwahrscheinlich. Frerk verweist hier unter anderem auf die aktuellen Daten der "Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften" (ALLBUS), die er vor wenigen Wochen für die "Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland" ausgewertet hat. Demnach stufen 77 Prozent der Bürgerinnen und Bürger den "Lebensbereich Kirche" als "unwichtig" ein. Dabei zeigt sich: Je jünger die Menschen sind, desto geringer ist ihr Interesse an den Kirchen. Nur 7 Prozent der 18-29-Jährigen, 10 Prozent der 30-44-Jährigen, 12 Prozent der 45-59-Jährigen und 17 Prozent der 60-79-Jährigen halten die Kirche für wichtig. Allein bei den Über-89-Jährigen kommen die Kirchen noch zu respektablen Zustimmungswerten von 41 Prozent, doch selbst in dieser Altersgruppe hält eine relative Mehrheit von 43 Prozent die Kirchen für "unwichtig".

Auf dem Weg in die säkulare Gesellschaft

Was für die Kirchenverantwortlichen besonders dramatisch ist: Mit der zunehmenden Kirchenferne der Bevölkerung geht auch ein Abschied von traditionellen Glaubensvorstellungen einher. So glauben nur noch 17 Prozent der Bevölkerung im Sinne des christlichen (und muslimischen) Bekenntnisses an einen persönlichen Gott. Bei den Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, bekennen sich nur noch knapp 3 Prozent zu einem personalen Gottesglauben (siehe Tabelle 1.5 der fowid-Auswertung "Kirchenaustritte: Wer, wann und warum?" vom 21.3.2025).

Die 2005 von der Giordano-Bruno-Stiftung gegründete "Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland" hat die "Erosion des Glaubens", die sich in diesen Zahlen widerspiegelt, schon früh prognostiziert. Inzwischen wird diese Erkenntnis auch von kirchlichen Studien untermauert. So kam die 2024 publizierte "6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung" (KMU), die von beiden Großkirchen verantwortet wird, zu dem Ergebnis, dass die absolute Bevölkerungsmehrheit in Deutschland (56 Prozent) der Gruppe der "Säkularen" zuzurechnen ist, die religiöse Angebote klar ablehnt. Im eigentlichen Sinne "religiös" (also tatsächlich in christlichen, jüdischen oder muslimischen Gemeinden verankert) sind nach Angaben der KMU nur noch 13 Prozent der Bevölkerung. Noch geringer ausgeprägt ist die "gelebte Glaubenspraxis", die sich in regelmäßigen Gottesdienstbesuchen ausdrückt: Nur noch 5 von 100 Menschen in Deutschland besuchen mindestens einmal im Monat eine Kirche, Moschee, Synagoge oder einen hinduistischen oder buddhistischen Tempel, wie Carsten Frerk in seiner aktuellen fowid-Auswertung herausgestellt hat.

"Offenkundig ist Deutschland - wie Westeuropa insgesamt - auf dem Weg in eine säkulare Gesellschaft", erklärt dazu gbs-Vorstand Michael Schmidt-Salomon. "Dies steht in einem bemerkenswerten Kontrast zum Bedeutungsgewinn religiös-nationalistischer Ideologien in anderen Teilen der Welt - und erklärt auch, warum bei uns ein völlig anderes Politikverständnis vorherrscht als etwa in Russland, in Indien, der Türkei oder den USA. In säkularen Gesellschaften zählen die Selbstbestimmungsrechte des Individuums sehr viel mehr als jene religiösen, ethnischen und nationalistischen Identitäten, auf die sich die autoritären Regime von Putin bis Trump stützen. Wir sollten daher alles daran setzen, das 'alte, demokratische Europa' mit seiner Orientierung an den Prinzipien der Freiheit, Gleichheit, Individualität und Säkularität gegen die 'Internationale der Nationalisten' zu verteidigen. Denn es steht viel auf dem Spiel: Falls die religiös-nationalistischen Ideologien auch in Europa Überhand gewinnen sollten, würden alle zivilisatorischen Fortschritte, die die Menschheit seit Ende des 2. Weltkrieg erzielt hat, schnell wieder zunichtegemacht werden."

Pressekontakt:

Elke Held / Dr. Dr. h.c. Michael Schmidt-Salomon (Giordano-Bruno-Stiftung),
https://www.giordano-bruno-stiftung.de/content/pressekontakt
Dr. Carsten Frerk (Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland),
https://fowid.de/impressum

Original-Content von: Giordano Bruno Stiftung übermittelt durch news aktuell

http://ots.de/5b9ea4

@ presseportal.de