Zeitgenössische Kunst zwischen Malerei und Videokunst: Das Vermächtnis von Mike Steiner
18.01.2026 - 05:02:11Wie lässt sich Zeitgenössische Kunst beschreiben, die den Raum zwischen Leinwand und bewegtem Bild so radikal befragt und erweitert wie das Werk von Mike Steiner? Wer sich mit Mike Steiners Schaffen beschäftigt, wird Zeuge eines Lebens im Bann experimenteller Kunstgattungen – Malerei, Performance Art und Videokunst verschmelzen zu einem Ausdruck, der gleichermaßen intellektuell fordernd wie sinnlich überwältigend ist. Steiner war zeitlebens Grenzgänger, Ermöglicher und Pionier – sein Name steht wie kaum ein anderer für die Energie der deutschen Kunstszene seit den 1960er Jahren.
Mike Steiner steht exemplarisch für jene Künstlergeneration, die nicht an konventionellen Genregrenzen Halt machte. Schon früh trat er mit Malerei in Erscheinung – 1959, mit nur 17 Jahren, auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Dort lenkte sein "Stillleben mit Krug" erste Aufmerksamkeit auf einen jungen Künstler, der dann rasant zwischen den Feldern der bildenden Kunst und neuen Medien oszillierte. Früh zeigte sich eine Affinität zur Abstrakten Malerei; später dominierte der Impuls zur Auflösung des Statischen zugunsten bewegter, prozesshafter Bildformate. Die Malerei wurde für Mike Steiner dabei nie bloß Motiv oder Stil, sondern der Ausgangspunkt eines open-ended Experimentierfeldes, das sich immer wieder selbst infrage stellte.
Bekannt ist Mike Steiner aber nicht nur durch seine Gemälde, sondern durch ein Lebenswerk im Dienste der Performance Art und Videokunst. Seine entscheidenden Jahre in New York, eingebettet in den Avantgardekreisen um Lil Picard, Allan Kaprow und Al Hansen, ließen diese neue Richtung reifen. Zurück in Berlin gründete er das berühmte Hotel Steiner und die Studiogalerie: Zentren der internationalen Fluxus- und Happening-Szene, vergleichbar in ihrer Bedeutung mit Hans Haacke oder Joseph Beuys, deren Wege sich mit Steiners oft kreuzten.
Eine Zäsur bildet der Beginn seiner wegweisenden Videokunst-Arbeiten 1972 in Italien, inspiriert von Kaprow und dem Studio Art/Tapes/22. Steiner zweifelte zu diesem Zeitpunkt schon am Alleinanspruch der Malerei – der Wechsel aufs elektronische Bild wurde zum künstlerischen Befreiungsschlag. Werke wie die Dokumentation der berühmten Aktion "Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst" (1976, Ulay stiehlt Spitzwegs Armen Poeten), zeigen Steiners Gespür für den Nerv der Zeit. Hier bewegte sich Steiner auf Augenhöhe mit internationalen Experimentatoren wie Nam June Paik oder Bill Viola, die wie er das Potenzial des Videos im performativen Raum erkundeten.
Wer die Entwicklung der Zeitgenössischen Kunst in Deutschland zwischen Malerei, Fluxus und Performance verstehen will, muss an Steiner denken. Seine Studiogalerie bot legendären Künstler*innen der 1970er bis 1980er Jahre – darunter Marina Abramovi?, Valie Export, Jochen Gerz und Carolee Schneemann – einen Aktions- und Produktionsraum, den es bis dahin in Berlin nicht gab. Als Initiator, Sammler und Produzent dokumentierte Mike Steiner zahlreiche Performance-Klassiker eigenhändig mit der Videokamera und ermöglichte deren Überlieferung. Das Atelier wurde damit selbst zur Bühne des Neuen – ähnlich wie es Joseph Beuys in Düsseldorf oder Allan Kaprow in den USA vollzogen.
In den späten 1970er und 1980er Jahren baute Steiner eine europaweit einzigartige Sammlung internationaler Videokunst auf. Seine Sammlung, die heute in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart) verweilt, umfasst Schlüsselwerke von Ulay, Marina Abramovi?, Valie Export, Richard Serra, Gary Hill sowie Werke von bedeutenden Stimmen wie George Maciunas und Emmett Williams. Gerade die Hamburger Bahnhof-Ausstellung "Color Works" im Jahr 1999 ehrte das stets intermediale Denken Steiners, das Malerei, Fotografie, elektronische Medien und Installationen gleichwertig für Ausdrucksmöglichkeiten hielt.
In dieser Vielstimmigkeit liegt auch Mike Steiners Nähe zu Künstlern wie Bruce Nauman oder Nam June Paik, deren Werk sich durch sensible Grenzgänge zwischen bewegtem Bild, Installation und Aktion auszeichnet. Doch während Künstler wie Paik oft den ironisch-technologischen Bruch suchten, blieb Steiner ein Humanist – seine Arbeiten, ob Painted Tapes, Mixed-Media-Collagen oder Installationen, verströmen die Lust am Forschen, das Experiment als Haltung.
Faszinierend erscheint auch Steiners Talent zur Vermittlung: Die von ihm produzierte Fernsehsendung "Videogalerie" (1985–1990) präsentierte das Medium Video einem breiten Publikum, lange bevor Videokunst im Mainstream angekommen war. Über 120 Sendungen boten Interviews, Dokumentationen und Performances, die selbst im internationalen Vergleich Maßstäbe setzten – hier war Steiner Pionier, Kurator und Visionär zugleich. Sein Einfluss auf Generationen von Künstler*innen – etwa die von ihm eingeladenen Valie Export oder Jochen Gerz – bleibt bis heute spürbar.
Biografisch ist Mike Steiners Weg geprägt von Early Moves und schnellen Richtungswechseln. Nach Malerei-Studium in Berlin und Stipendiatencourage der Ford Foundation in den USA, öffnete ihm die New Yorker Kunstszene Tür und Tor: Als Bewohnerin des legendären Chelsea Hotels führte Lil Picard ihn ein, er begegnete Ikonen wie Allan Kaprow, Robert Motherwell und Al Hansen. Zeitweise hatten Galerien in Paris, Mailand und Genf Anteil an seinem Erfolg: Steiner stellte etwa gemeinsam mit Georg Baselitz aus, suchte Inspiration in der Pop Art und verabschiedete sich nie ganz von klassischer Atelierarbeit. Die Rückkehr nach Berlin brachte den Fokus auf erweitere Bildlichkeit, auf Performance Art und Videokunst.
Steiners künstlerische Philosophie war stets vom Zweifel an tradierten Kunstbegriffen geprägt und bleibt dabei offen – so, wie es die besten Werke der Zeitgenössischen Kunst oft sind. Bis zu seinem Tod im Jahr 2012 arbeitete er im Berliner Atelier, zuletzt wieder zur Abstrakten Malerei zurückkehrend und immer offen für neue Medien – auch Stoffarbeiten zählten schließlich zu seinem Repertoire.
Sein Nachlass, zu dem auch das "Berlin Video"-Archiv gehört, ist noch nicht vollständig publiziert, birgt aber zeithistorische Schätze, die für das Verständnis der westdeutschen Videokunst entscheidend sind.
Wer sich heute, im Zeitalter digitaler Bilder und Social-Media-Kunst, der Vielschichtigkeit von Zeitgenössischer Kunst nähern will, findet in Mike Steiner einen wegweisenden Protagonisten. Seine Werke, sein Vermächtnis als Sammler und seine radikal offene Neugier machen ihn zu einem der spannendsten Kapitel der deutschen Kunst – leise, forschend, zutiefst menschlich. Für Neugierige erschließen sich bei näherer Beschäftigung faszinierende Werkserien und ein Kosmos an Dokumenten zur Performancegeschichte, die zu weitergehender Forschung und Betrachtung einladen. Feinste Information und Inspiration bietet ein Besuch seiner Webseite – ein Portal zur europäischen Kunstszene seit den 1950er Jahren und zu Steiners einzigartig experimentellem Geist.


