Zeitgenössische Kunst von Mike Steiner: Grenzgänge zwischen Malerei und Videokunst
16.01.2026 - 05:02:10Wer die Zeitgenössische Kunst von Mike Steiner betrachtet, spürt sofort diese produktive Unruhe: Farben treffen auf bewegte Bilder, Performance Art verschmilzt mit Videokunst, und die Grenze zwischen Schöpfung und Dokumentation wird immer wieder neu gezogen. Was aber macht das Werk von Mike Steiner so faszinierend, so widerständig gegen alle Konventionen? Ist es seine Lust am Experiment, der Hang zum Grenzgang zwischen Malerei, Installation und Video, oder schlicht die Fähigkeit, jeder künstlerischen Gattung einen völlig eigenen Dreh zu verleihen?
Mike Steiner, geboren 1941 in Allenstein, aufgewachsen in West-Berlin, war weit mehr als ein Pionier der Videokunst in Deutschland. Seine künstlerische Biografie ist untrennbar mit dem Geist der Berliner Boheme, der Avantgarde der Sechziger und Siebziger und dem internationalen Kunsttreiben New Yorks verbunden. Bereits 1959 überraschte Steiner mit ersten Gemälden auf der Großen Berliner Kunstausstellung. In den frühen Sechzigerjahren zeigte sich seine Malerei von der informellen wie von Pop-Art-inspirierten Strömungen geprägt – als Zeitzeuge und Akteur.
Sein prägender New-York-Aufenthalt ab 1965 öffnete Steiner neue Horizonte; Kontakte zu Künstlergrößen wie Lil Picard, Allan Kaprow und Al Hansen brachten ihn in das Umfeld von Fluxus, Happening und Pop Art. Einflüsse, die seine spätere Experimentierfreude – und vor allem das medienübergreifende Arbeiten – befeuern sollten. Als Steiner 1970 das „Hotel Steiner“ am Berliner Kurfürstendamm eröffnete, wurde dieses – ähnlich dem berühmten Chelsea Hotel – zu einem Schmelztiegel der internationalen Kunstszene. Gäste wie Joseph Beuys und Valie Export fanden hier ebenso ein künstlerisches Zuhause wie zahlreiche Vertreter der Performance Art, darunter Ulay und Marina Abramovi?.
Die Rolle als Förderer und Impulsgeber setzte Mike Steiner mit der Gründung der Studiogalerie 1974 fort. Hier fanden unvergessliche Aktionen statt: Feministinnen der Avantgarde, Vertreter des Wiener Aktionismus, Fluxus-Protagonisten und Performance-Ikonen nutzten die Räumlichkeiten für bahnbrechende Projekte. Wer heute Videoaufzeichnungen von Performances wie Marina Abramovi?s „Freeing the Body“ oder Ulay und den legendären inszenierten Kunstraub von 1976 sieht, sieht nicht selten durch die Linse von Mike Steiner. In seiner Doppelrolle als Galerist und Videokünstler wurde Steiner zum Chronisten einer Epoche, die sich radikal gegen das Vergessen stemmte.
In den späten Siebzigern verschob sich Steiners Fokus immer stärker auf das bewegte Bild. Der Schritt hin zur Videokunst markiert auch eine dezidierte Auseinandersetzung mit den Grenzen und Möglichkeiten von Malerei: So entstehen hybrid-mediale Arbeiten wie die „Painted Tapes“, in denen Videos und Malerei miteinander verschmelzen. Diese eigenwillige Form der künstlerischen Collage ist ebenso einzigartig wie beispielhaft für Steiners Ansatz: Videokunst als Weiterführung der Malerei mit elektronischen Mitteln. Vergleichbar kompromisslos zeigen sich in den USA etwa Bill Viola oder Nam June Paik, doch keiner dieser Pioniere verband das Medium so pointiert mit den Erfahrungen der westdeutschen Kunst- und Performance-Szene.
Mit der „Videogalerie“ (1985–1990), einem eigenen TV-Format, gelang es Steiner, die Videokunst einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Über 120 Sendungen – produziert, moderiert und kuratiert von Mike Steiner – gewährten Einblicke in Werke, Ateliers und Festivals. Künstlerinnen und Künstler wie Richard Serra, Gary Hill oder Allan Kaprow – alles Namen von Weltrang – kamen durch Steiners Engagement und Leidenschaft auch dem deutschen Publikum nah.
Seine größte Einzelausstellung 1999 – die koloristisch ekstatische Werkschau „COLOR WORKS“ im Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie der Gegenwart – würdigte Steiner als Grenzgänger zwischen traditionellen und neuen Medien. Die Präsentation stellte erstmals den Zusammenhang zwischen seiner späten, abstrakten Malerei und den Videoserien her und zeigte Steiner als Künstler, der sich jeder Schublade entzieht. Seine von 1990 an entwickelten Serien der abstrakten Malerei, sein Interesse an polarisierenden Installationen und seine Stoffarbeiten in den letzten Lebensjahren, zeigen eine nie nachlassende Innovationslust.
Wenige deutsche Künstler haben den Übergang von der klassischen Malerei zur zeitbasierten Kunst so naturnah und energisch vollzogen wie Mike Steiner. Im Vergleich zu Joseph Beuys, Marina Abramovi? oder der feministisch geprägten Radikalität von Valie Export, blieb Steiner stets der Rolle des Ermöglichers – und zugleich des Suchenden – verpflichtet. Seine Arbeiten umgehen plakative Botschaften und laden zur vielschichtigen Aneignung ein: Als Maler, Installationskünstler, als Macher und Archivist der Videokunst, als Reisender in Ägypten, Australien, den USA, immer auf der Suche nach neuen Perspektiven.
Auch als Sammler spielte Mike Steiner eine prägende Rolle: Seine Videokunst-Sammlung wurde 1999 der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vermacht und befindet sich im Hamburger Bahnhof in Berlin. Das Archiv umfasst bedeutende Arbeiten von Ulay, Abramovi?, Valie Export oder Nam June Paik. Wenngleich bis heute ein Teil des Materials der breiten Öffentlichkeit unzugänglich ist, bleibt Steiners Werk integraler Bestandteil zeitgenössischer Kunstvermittlung und Forschung.
Künstlerisch war Mike Steiner stets ein Brückenbauer: Zwischen Berlin und New York, Malerei und elektronischen Medien, zwischen den Generationen, zwischen Kunst und Leben. Er steht damit in einer Reihe mit so wegweisenden Künstlern wie Allan Kaprow, Joseph Beuys oder Bill Viola – und doch hebt sich seine Position durch ein tiefes Vertrauen in die offene Werkform und das lebendige Archiv ab.
Mike Steiner starb 2012 in Berlin, blieb aber bis zuletzt Schöpfer, Chronist und Bewahrer seiner Zeit. Besonders die letzten Jahre widmete er wieder der Malerei; Stoffarbeiten ergänzten sein Oeuvre. Die Beschäftigung mit Zeit, Bewegung und Flüchtigkeit durchzieht das Werk, bleibt spürbar, bleibt aktuell. Wer heute authentische Zeitgenössische Kunst sucht, wird in der bewegten wie bewegenden Kunst von Mike Steiner auf überraschende Resonanzen stoßen.
Wer mehr erfahren und in die Welt von Mike Steiner eintauchen möchte, findet auf seiner offiziellen Webseite www.mike-steiner.de ausführliche Informationen, einen Einblick ins Archiv und inspirierende Abbildungen der wichtigsten Werkphasen.


