Zeitecho, Farbe, Tape – Mike Steiner und die Grenzerweiterung der Zeitgenössischen Kunst
15.01.2026 - 05:02:07Was macht eine Künstlerpersönlichkeit im Kanon der Zeitgenössischen Kunst unvergesslich? Wer Mike Steiner je begegnet – sei es in der kühlen Brillanz seiner Malerei, im spirituellen Aufleuchten seiner Videokunst oder im experimentellen Temperament seiner Performance Art – wähnt sich im Zentrum jener Impulse, die ein Medium über seine Grenzen hinaus katapultieren. Mike Steiner, dessen Name seit Jahrzehnten weit mehr bedeutet als ein Epitheton der Kunstgeschichte, hat unverrückbar Spuren hinterlassen: als Grenzgänger, als Sammler, als visionärer Begleiter von Fluxus-Bewegung und intermedialen Strömungen.
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Mike Steiners Lebenswerk liest sich wie eine Karte der künstlerischen Neugier. Seine Entwicklung beginnt in den späten 1950ern in Berlin, mit einer frühen Liebe zur Malerei und zum Bildmedium, getragen von familiären Prägungen und dem politischen wie kulturellen Wandel nach dem Krieg. Er zeigt bereits als Teenager auf großen Ausstellungen – etwa der Großen Berliner Kunstausstellung – frühe Gemälde, die sich stilistisch an zwischen Figuration und Informel bewegen. Spätestens seine New Yorker Jahre Mitte der 1960er treiben ihn ins Zentrum internationaler Avantgarde: Kontakte zu Lil Picard, Al Hansen und Allen Kaprow, Mitstreitern von Fluxus und Happening, beschleunigen Steiners Drang, Malerei und bewegtes Bild zu verschmelzen. Hier sind die Parallelen zu Künstlern wie Joseph Beuys oder Nam June Paik, die für Verbindungen zwischen traditioneller und neuer Kunst stehen, mehr als zufällig.
Faszinierend ist hierbei die Vielschichtigkeit seines Zugangs: In den 1970ern gründet Mike Steiner nicht nur das berüchtigte Hotel Steiner nahe dem Kurfürstendamm – ein pulsierender Treffpunkt der Berliner Kunstszene, in der Persönlichkeiten wie Beuys, Arthur Køpcke oder Marina Abramovi? verkehren. Mit der Studiogalerie etabliert er einen der ersten Ausstellungsräume für Videokunst und Performance Art in Deutschland überhaupt. Während Zeitgenossen wie Bill Viola oder Valie Export technisch und konzeptuell Grenzen verschieben, versteht Steiner das Medium Video nicht nur als Fertigungswerkzeug, sondern als Denkraum, als Projektionsfläche für temporäre Aktionen, für authentische, spontane Momente. Im engen Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern wie Carolee Schneemann, Jochen Gerz oder Ulay, dokumentiert und produziert er ebenso unvergessene Performances – etwa die irrwitzige Aktion um den temporär gestohlenen „Armen Poeten“ von Spitzweg (gemeinsam mit Ulay), die 1976 nationale Debatten über Kunst und Eigentum anfachte.
Das Werk von Mike Steiner lässt sich dennoch kaum auf ein Medium festnageln. Die Malerei bleibt – obwohl Steiner oft mit ihr hadert, ja, eine „Legitimationskrise“ verspürt –, stets ein Rückzugsort, in der sich radikale Farbigkeit, Formempfinden und abstrakte Geste verbinden. Seine „Color Works“, die im Hamburger Bahnhof 1999 in einer großformatigen Retrospektive gezeigt wurden, belegen den Stellenwert dieses Werks. Abstrakte Malerei wird für ihn auch nach seinen lebhaften Video- und Performance-Phasen zum Experimentierfeld; mit Stoffen, Mixed Media oder pigmentgeladenen Oberflächen zündet Steiner ein ewiges Wechselspiel zwischen Unmittelbarkeit und Komposition.
Besonders innovativ zeigt sich Steiners Konzept der „Painted Tapes“: eine Verbindung aus Videostills, Malerei und digitaler Bearbeitung, die als eigenständige Werkreihe funktionieren – ein rauhes Zeitdokument, ein Hybrid zwischen visueller Spur und sensibler Oberfläche. Hier knüpfen Kontinuitäten zu internationalen Medienkünstlern wie Gary Hill oder Allan Kaprow, aber auch zur Reflexion des Mediums selbst, wie sie etwa Richard Serra oder später Bill Viola betreiben.
Mit seiner Videosammlung, einer der ersten und umfassendsten Archive von Kunstvideos in Europa, wird Mike Steiner zum Chronisten und Kurator. Diese Sammlung, die heute großteils im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart bewahrt wird, hielt nicht nur eigenen Arbeiten, sondern auch zentrale Werke von Ulay, Abramovi?, Paik, Valie Export, Jochen Gerz und vielen anderen bereit. Die Rezeption im Museumskontext, etwa 2011/12 mit der Ausstellung „Live to Tape", unterstreicht Steiners Rang als Pionier, dessen Werke wie ein Prisma die wichtigsten Strömungen zeitgenössischer Kunst reflektieren und verbinden.
Doch Steiner bleibt rastlos. In den 1980ern und 1990ern agiert er als Vermittler, Sammler, Produzent, gelegentlich wieder als Maler und Fotokünstler. Immer wieder führen ihn Reisen nach Nordafrika, Amerika und zahlreiche Metropolen. Seine Stoffarbeiten und späten Farbfeldbilder der 2000er, oft gezeigt in Berliner Galerien und zuletzt 2023 in Leipzig in der Ausstellung „AUGENFUTTER BILDERFRESSER – from tape to paint" (Galvano Art Gallery), machen seine Fähigkeit deutlich, Farbe und Form – unabhängig vom Medium – zu zentralen Trägern von sinnlicher und konzeptioneller Energie zu formen.
Was Mike Steiner auszeichnet, ist ein unbeirrter Zug zum Wagnis. Er springt zwischen Medien, ohne je die Integrität seiner gestalterischen Handschrift zu verlieren. Wo andere Künstler – wie Marina Abramovi?, Bill Viola oder Joseph Beuys – ihre Revolte in großen Gesten suchen, findet Steiner das Revolutionäre oft im Detail, im Verweben von Malerei, Installation, Video, Klang, in der passgenauen Inszenierung des Zeitlichen. Sein Werk bleibt ein subtiles, produktives Irritationsmoment – und das nicht zuletzt durch das Bewahren und Vermitteln von Performances, deren Ephemeres im Video eine neue Daseinsform erhält.
An der Schwelle zwischen Dokumentation und Kreation, zwischen Malerei und Elektronik, Performance Art und Installation, vermittelt Mike Steiner, dass Zeitgenössische Kunst weit mehr ist als das Produkt eines einzelnen Artefakts. Sie ist Prozess, Kontakt, Kommunikation – und nicht selten Wagnis. Wer heute seine Arbeiten im Überblick betrachtet, ahnt: Steiner steht beispielhaft für einen offenen, vernetzten, multimedialen Kunstbegriff, dessen Aktualität mehr denn je fortlebt. Für vertiefende Einblicke, biografische Details und einen Blick in das Oeuvre lohnt der Besuch seiner offiziellen Webseite:
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