Vivendi SE: Wie der Medien- und Entertainment-Konzern sein Portfolio für die Streaming- und Creator-Ökonomie neu ausrichtet
01.01.2026 - 19:23:31Vivendi SE positioniert sich als europäische Content- und Entertainment-Plattform: mit TV, Film, Verlagen, Gaming und Werbung. Wo liegt die Stärke des Konglomerats – und was bedeutet das für die Aktie?
Vivendi SE: Content-Konglomerat im Umbruch
Vivendi SE ist längst kein klassischer Medienkonzern mehr, sondern ein breit aufgestellter Entertainment- und Content-Hub mit Aktivitäten in TV, Streaming, Filmproduktion, Buchverlagen, Gaming, Marketing/Adtech und zuletzt wieder stärker in der Telekommunikation über die Beteiligung an TIM (Telecom Italia). Für Investor:innen und Branchenbeobachter:innen ist Vivendi SE deshalb weniger ein einzelnes Produkt als vielmehr eine Plattform-Story: Der Konzern versucht, aus Inhalten, Rechten, Distribution und Technologie ein skalierbares Ökosystem zu bauen – und sich damit im Wettlauf gegen US?Tech-Giganten wie Netflix, Disney und Alphabet, aber auch gegen europäische Wettbewerber wie RTL Group oder Prosiebensat.1 zu behaupten.
Der strategische Kern von Vivendi SE liegt heute in drei Bereichen: Entertainment (Canal+ Group inklusive Streaming-Angeboten, Studiocanal, Gameloft), Publishing (Editis, Havas) und Beteiligungen (unter anderem Lagardère, Prisma Media, TIM). Die Herausforderung: Diese heterogenen Assets so zu orchestrieren, dass sie im Verbund mehr Wert schaffen als als Summe der Teile. Genau hier setzt die aktuelle Vivendi-Strategie an – mit einer Kombination aus Content-Exklusivität, internationaler Expansion und technologischer Aufrüstung im Adtech- und Datenbereich.
Alles über Vivendi SE: Strategie, Produkte und Perspektiven des französischen Medienkonzerns
Das Flaggschiff im Detail: Vivendi SE
Wenn von Vivendi SE gesprochen wird, geht es im Zentrum häufig um Canal+ Group – die TV- und Streaming-Sparte – sowie um die Rolle des Konzerns als integrierte Medien- und Content-Plattform. Canal+ ist in Frankreich Pay-TV-Marktführer, expandiert aggressiv in Afrika, Mittelosteuropa und Asien und baut parallel sein Streaming-Portfolio aus (u. a. mit der Plattform myCanal und diversen OTT-Angeboten). Gleichzeitig bündelt Vivendi über Tochtergesellschaften wie Studiocanal eigene Film- und Serienproduktionen sowie weitreichende Rechtebibliotheken, die für die globale Streaming-Ökonomie essentiell sind.
Die Produktlogik von Vivendi SE lässt sich grob in vier Wertschöpfungsstufen gliedern:
1. Content-Produktion und Rechte: Über Studiocanal, Canal+ Original Productions und Beteiligungen an Lagardère (etwa im Buch- und Zeitschriftengeschäft) verfügt Vivendi SE über eine umfangreiche Pipeline an Filmen, Serien, Dokumentationen, Büchern und Marken. Gerade im Wettbewerb mit globalen Streaming-Riesen ist die Kontrolle über Erstverwertungs- und Katalogrechte ein strategischer Trumpf.
2. Distribution und Plattformen: Neben klassischen Pay-TV- und Kabelangeboten setzt Vivendi SE zunehmend auf digitale Plattformen. myCanal bündelt Live-TV, On-Demand-Inhalte, Sportrechte und Partnerangebote (z. B. Kooperationen mit Disney+ oder Netflix in bestimmten Märkten). Das Ziel: Ein „Super-Abo“, das Nutzerbindung durch Content-Bündelung erhöht und gleichzeitig ARPU (Average Revenue per User) steigert.
3. Vermarktung und Daten: Über Havas und verschiedene Adtech-Aktivitäten verfügt Vivendi SE über einen eigenen Werbe- und Marketing-Arm, der Daten, Zielgruppen-Insights und Kampagnensteuerung für Marken und Werbekunden liefert. In Zeiten von Datenschutzregulierung und dem Ende der Third-Party-Cookies ist der Zugriff auf First-Party-Daten aus eigenen Plattformen ein strategischer Vorteil.
4. Synergien im Ökosystem: Die eigentliche USP von Vivendi SE liegt im Zusammenspiel: Inhalte können kanalübergreifend verwertet werden – von Buch über Film, Serie, Mobile Game (Gameloft) bis hin zu verlängerten Kampagnen über Havas. Das reduziert Marketingkosten, erhöht die Markenreichweite und erlaubt crossmediale Formate, die für globale Plattformen attraktiv sind.
Jüngste Produkt-Highlights im Kontext von Vivendi SE umfassen:
- die kontinuierliche Internationalisierung von Canal+ mit Zukäufen von Pay-TV- und Streaming-Anbietern in Osteuropa und Afrika,
- den Ausbau von myCanal zu einer Multi-Partner-Streaming-Plattform,
- Investitionen in lokale Premium-Produktionen (Serien, Filme), um sich im Wettbewerb gegen US-Serien und -Blockbuster zu differenzieren,
- die weitere Integration von Havas in datengetriebene, plattformübergreifende Kampagnen, die eng an die Content-Angebote von Canal+ und Studiocanal andocken.
Für die DACH-Region ist Vivendi SE vor allem als Rechtepartner, Content-Lieferant und Werbe- bzw. Kreativagentur präsent. Während Canal+ im deutschsprachigen Raum bisher nur begrenzt sichtbar ist, arbeitet der Konzern verstärkt mit lokalen Partnern zusammen und testet Modelle, bei denen Inhalte via Kooperationen mit lokalen Plattformen in den Markt kommen, anstatt überall selbst eigene B2C-Marken aufzubauen.
Der Wettbewerb: Vivendi Aktie gegen den Rest
Im Wettbewerb muss sich Vivendi SE auf zwei Ebenen behaupten: operativ im Produkt- und Plattformgeschäft – und kapitalmarkttechnisch gegenüber anderen Medien- und Entertainment-Aktien. Wichtig ist: Die Vivendi Aktie (ISIN FR0000127771) spiegelt immer das gesamte Portfolio wider, nicht nur einzelne Produkte wie Canal+ oder Studiocanal.
Operativer Produktwettbewerb:
Auf Produktebene konkurriert Vivendi SE vor allem mit folgenden Playern:
- RTL Group (Bertelsmann) mit Produkten wie RTL+ (Streaming) und linearen TV-Sendern in Deutschland, Frankreich, Benelux. Im direkten Vergleich zu RTL+ setzt Vivendi SE über myCanal stärker auf die Rolle als Aggregator, der sowohl eigene als auch fremde Inhalte bündelt und oft in Paketen mit Connectivity-Angeboten oder anderen Dienstleistungen verkauft.
- Sky (Comcast) mit Sky Q und Sky Ticket/Now als Premium-Entertainment- und Sportplattform in Europa. Im direkten Vergleich zu Sky Q punktet Canal+ mit aggressiver internationaler Expansion in Wachstumsmärkten (etwa in Subsahara-Afrika) sowie mit der Kombination aus europäischem Kino/Serienfokus und regionalen Produktionen.
- Prosiebensat.1 Media SE mit Joyn als Streamingprodukt im DACH-Markt. Im direkten Vergleich zu Joyn, das stark auf werbefinanziertes Streaming (AVOD) und Free-TV-Verknüpfung fokussiert, setzt Vivendi SE deutlich stärker auf Premium-Abos, internationale Rechtepakete und Pay-TV/Streaming-Hybride.
Hinzu kommen globale Plattformen wie Netflix, Disney+ und Amazon Prime Video, die zwar formal keine Vollkonkurrenten im Sinne eines Konglomerats sind, aber auf der Ebene der Nutzeraufmerksamkeit, Rechteakquise und Produktionsbudgets massive Konkurrenz darstellen. Diese können Inhalte weltweit ausrollen, was Skalen- und Dateneffekte erzeugt, die klassischen europäischen Medienhäusern schwerfallen.
Kapitalmarkt-Wettbewerb der Medienaktien:
An der Börse wird die Vivendi Aktie häufig mit europäischen Medien- und Kommunikationswerten verglichen – etwa RTL Group, Prosiebensat.1 oder auch mit Universal Music Group (UMG), die 2021 aus dem Vivendi-Konzern herausgelöst wurde. Während UMG inzwischen als eigenständiger Musikrechte-Gigant gehandelt wird, steckt bei Vivendi SE mehr Konglomeratsabschlag im Kurs: Investoren bewerten Mischkonzerne oft mit einem Abschlag, weil die interne Komplexität hoch und die Transparenz begrenzt ist.
Strategische Maßnahmen wie die Fokussierung auf Kernbereiche, mögliche Spin-offs oder der weitere Abbau von Beteiligungen (z. B. Teile von Telecom Italia, kleinere Randaktivitäten) werden am Markt häufig als Werthebel gesehen. Vivendi SE steht damit im selben Spannungsfeld wie viele Medienkonglomerate: Wie viel Diversifikation ist sinnvoll – und wo wird sie zum Bewertungsproblem?
Warum Vivendi SE die Nase vorn hat
Im direkten Produkt- und Plattformvergleich hat Vivendi SE einige klare Trümpfe – vor allem, wenn man die Perspektive eines integrierten Medien- und Entertainment-Ökosystems einnimmt.
1. Europäische Content-DNA mit globaler Reichweite
Vivendi SE ist im Kern europäisch geprägt, agiert aber global. Studiocanal produziert und distribuiert Inhalte weit über die französischen Grenzen hinaus, Canal+ ist in zahlreichen Märkten präsent, und die Kombination aus französischer, britischer und zunehmend auch afrikanischer und asiatischer Content-DNA schafft ein differenziertes Portfolio. Im Unterschied zu RTL+ oder Joyn, die stark auf den jeweiligen Heimatmarkt ausgerichtet sind, denkt Vivendi SE Content von Beginn an multi-territorial.
2. Aggregator- statt nur Single-Brand-Ansatz
Während viele Streaminganbieter sich primär als eigenständige Marke verstehen, nutzt Vivendi SE mit Canal+ und myCanal konsequent das Modell des Content-Aggregators. Eigene Inhalte werden mit Partnerangeboten (z. B. internationalen Streamern, Sportsendern, Spezialkanälen) kombiniert. Für Nutzer:innen entsteht so ein Paket, das den sogenannten „Subscription Fatigue“-Effekt reduziert: Anstatt fünf verschiedene Abos zu verwalten, buchen Kund:innen idealerweise ein zentrales Angebot.
Im Vergleich zu RTL+ oder Joyn, die vor allem ihre eigenen Inhalte und wenige Partner bündeln, ist dieser Plattformansatz skalierbarer – allerdings auch technologisch anspruchsvoller. Vivendi SE investiert hier in Recommendation-Engines, Datenanalytik und nahtlose User Experience über Geräte hinweg, um die Plattform attraktiver zu machen.
3. Vertikale Integration in Werbung und Marketing
Mit Havas besitzt Vivendi SE ein global agierendes Werbe- und Kommunikationsnetzwerk. Dieses liefert nicht nur externe Umsätze, sondern ist auch strategischer Hebel für die eigenen Plattformen. Kampagnen können crossmedial geplant werden: von Social Media über TV/Streaming bis hin zu Out-of-Home und Experiential Marketing. Im Wettbewerb mit Prosiebensat.1 oder RTL Group, die ebenfalls eigene Vermarktungseinheiten besitzen, bringt Havas eine zusätzliche internationale Dimension ins Spiel – insbesondere für globale Marken, die pan-europäisch oder weltweit ausrollen.
4. Synergiepotenzial und Wert der Rechtebibliothek
Ein wesentlicher USP von Vivendi SE liegt im Wert seiner Rechtebibliotheken und IPs. Ältere Filme, Serien, Formate und Marken lassen sich in der digitalen Welt mehrfach monetarisieren – etwa über Katalog-Deals mit Streamern, Reboots, Remakes oder Spin-offs. In Verbindung mit Gameloft entstehen zudem Möglichkeiten für transmediales Storytelling: Eine Serie kann als Mobile Game verlängert werden, ein Buch als Streamingserie adaptiert, eine Marke in Kampagnen von Havas wiederverwendet werden.
Dieser integrierte IP-Ansatz unterscheidet Vivendi SE von stärker fokussierten Playern, deren Geschäftsmodell meist auf eine oder zwei Wertschöpfungsstufen begrenzt ist. Für Investoren ist das gleichzeitig Chance und Risiko: Die Komplexität steigt, aber auch das Upside, wenn Synergien konsequent gehoben werden.
Bedeutung für Aktie und Unternehmen
Für die Vivendi Aktie (ISIN FR0000127771) ist das Produkt- und Plattformportfolio von Vivendi SE der zentrale Werttreiber. Anleger:innen schauen dabei vor allem auf drei Faktoren:
- Wachstum im Pay-TV- und Streaming-Geschäft: Steigende Abonnentenzahlen bei Canal+ und myCanal, höhere ARPUs und eine sinkende Abhängigkeit vom Heimatmarkt Frankreich sind positiv für die Investmentstory.
- Profitabilität und Cashflow aus Content- und Rechtemanagement: Wie effizient kann Vivendi SE seine Rechtebibliothek monetarisieren? Deals mit internationalen Plattformen und erfolgreiche Eigenproduktionen beeinflussen Marge und Cashflow direkt.
- Portfoliostrategie und Kapitalallokation: Verkäufe, Zukäufe und mögliche Abspaltungen (Spin-offs) sind für Anleger entscheidend, weil sie den „Konglomeratsabschlag“ reduzieren oder vergrößern können. Der frühere Spin-off von Universal Music Group gilt dabei vielen als Blaupause, wie versteckte Werte gehoben werden können.
Am Aktienmarkt reagieren Kurse häufig kurzfristig auf Nachrichten zu einzelnen Produktbereichen – etwa neue Exklusivdeals von Canal+, Akquisitionen im Streaming- oder TV-Segment oder größere Havas-Mandate. Mittel- bis langfristig zählt jedoch, ob Vivendi SE das Ziel erreicht, sich als schlagkräftige europäische Alternative zu US-Tech- und Medienkonzernen zu etablieren.
Wer die Vivendi Aktie analysiert, sollte deshalb weniger auf das kurzfristige Auf und Ab einzelner Quartale schauen, sondern auf die Frage, ob der Konzern sein Produkt- und Plattformportfolio konsequent auf Skalierung, Internationalisierung und Datenkompetenz trimmt. Gelingt dies, ist Vivendi SE nicht nur ein Medienunternehmen, sondern eine breit aufgestellte, technologiegetriebene Entertainment-Plattform – mit entsprechendem Potenzial für Margen- und Bewertungshebel.
Für den deutschsprachigen Markt bleibt Vivendi SE zwar (noch) im Schatten lokaler Medienmarken, doch gerade im Hintergrund – sei es als Rechtepartner, Agentur-Dienstleister oder Content-Lieferant – nimmt die Relevanz zu. Für Medienhäuser, Marken und Plattformbetreiber in D-A-CH wird der Konzern damit zu einem zunehmend wichtigen Baustein in der eigenen Content- und Werbestrategie. Und genau hier liegt die Story, die sich langfristig auch im Kurs der Vivendi Aktie widerspiegeln dürfte.


