Tönnies, Traditions-Werk

Tönnies schließt Traditions-Werk: 500 Jobs in Brandenburg fallen weg

30.01.2026 - 16:44:12

Der Fleischkonzern Tönnies stellt die Produktion von Eberswalder Wurst in Britz ein. Während das Unternehmen wirtschaftliche Gründe nennt, kritisiert die Gewerkschaft NGG die Abfindungen und die Strategie des Konzerns.

Der Fleischriese Tönnies stellt die Produktion von Eberswalder Wurst in Britz ein. Der Konzern spricht von wirtschaftlicher Notwendigkeit, die Gewerkschaft von rücksichtsloser Marktbereinigung.

Britz. Für die mehr als 500 Beschäftigten des Traditionswerks von Eberswalder Wurst in Britz endet eine Ära. Der Mutterkonzern Tönnies bestätigte die endgültige Schließung des Standorts zum 28. Februar 2026. Während das Unternehmen die Entscheidung als unausweichlichen wirtschaftlichen Schritt darstellt, erhebt die Gewerkschaft NGG schwere Vorwürfe und spricht von einer strategischen Übernahme mit dem Ziel der Stilllegung.

Sozialplan ausgehandelt – Gewerkschaft spricht von „unwürdigen“ Abfindungen

Bereits im Dezember 2025 wurde zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung ein Sozialplan vereinbart, der den Übergang für die Belegschaft regeln soll. Doch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hält die Konditionen für völlig unzureichend. „Das ist eines Milliardärs unwürdig“, kritisierte Uwe Ledwig, Vorsitzender des NGG-Landesbezirks Ost. Als Beispiel nannte er eine Brutto-Abfindung von lediglich 15.000 Euro für Mitarbeiter mit 45 Jahren Betriebszugehörigkeit.

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Die NGG wirft der zur Tönnies-Gruppe gehörenden Zur-Mühlen-Gruppe zudem vor, ein rechtliches Schlupfloch ausgenutzt zu haben. Demnach habe der Konzern bei den Verhandlungen argumentiert, aufgrund der Übernahmekonstellation aus dem Jahr 2023 rechtlich gar nicht zum Abschluss eines Sozialplans verpflichtet zu sein. Ledwig nennt diese Taktik eine „Politik des Aufkaufens und Dichtmachens“ und bezeichnet Tönnies als „Totengräber der Tradition“.

Tönnies kontert: „Wirtschaftliche Schieflage“ zwingt zur Schließung

Der Konzern weist die Vorwürfe entschieden zurück. Unternehmenssprecher Markus Eicher erklärte, der Vorwurf einer geplanten Marktbereinigung sei „nicht nachvollziehbar“. Vielmehr habe sich der Standort Britz bereits zum Zeitpunkt der Übernahme 2023 in einer wirtschaftlichen Schieflage befunden. Die endgültige Entscheidung zur Schließung sei erst kurz vor dem Jahresende 2025 gefallen.

Als Gründe führt Tönnies eine fatale Mischung an: sinkende Verkaufszahlen, enormer Preisdruck durch internationale Konkurrenz sowie explodierende Kosten für Energie, Logistik und Personal. Hinzu kämen notwendige, aber nicht refinanzierbare Millioneninvestitionen in die marode Infrastruktur des Werks, etwa in die Kälteanlagen. Die Marke Eberswalder werde jedoch weitergeführt. Die Produktion soll an andere ostdeutsche Standorte der Gruppe in Suhl, Zerbst und Chemnitz verlagert werden.

Schwerer Schlag für eine ganze Region

Die Schließung des 1977 gegründeten Werks ist ein herber Rückschlag für die strukturschwache Region Brandenburg. Erst kürzlich musste der Landkreis den Verlust des Schlachthofs in Perleberg verkraften. Betriebsratsvorsitzende Steffi Kietzmann-Urbach, seit 1980 im Betrieb, hatte die Übernahme durch Zur-Mühlen noch als Hoffnungsschimmer gesehen. Diese ist nun zerstoben.

In der öffentlichen Debatte werden bereits Vergleiche zur Deindustrialisierung der Nachwendezeit gezogen. Auf sozialen Medien formieren sich Boykottaufrufe gegen Tönnies. Der Fall wirft ein grelles Schlaglicht auf die Konsolidierungsstrategien in der deutschen Fleischindustrie und ihre oft verheerenden sozialen und regionalwirtschaftlichen Folgen. Für Tönnies wird die entscheidende Frage sein, ob die Verlagerung der Produktion gelingt, ohne das Vertrauen der ostdeutschen Verbraucher in die Traditionsmarke nachhaltig zu beschädigen.

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