Stahl-Importe: EU plant scharfe Herkunftskontrolle ab 2026
07.01.2026 - 21:14:12Die EU will mit einer neuen „Schmelz- und Gieß-Klausel“ die Einfuhr von Stahl aus Russland und China rigoros unterbinden. Die verarbeitende Industrie warnt vor Milliarden-Mehrkosten und bürokratischem Kollaps.
Die Pläne der EU-Kommission markieren einen historischen Einschnitt im europäischen Stahlhandel. Ab Juli 2026 soll eine sogenannte „Melt and Pour“-Regelung in Kraft treten, die Schlupflöcher für russischen und chinesischen Stahl endgültig schließen soll. Stahlverarbeitende Verbände wie die Automobilvereinigung ACEA laufen jedoch bereits Sturm und prophezeien jährliche Zusatzkosten von bis zu neun Milliarden Euro.
Strengere Regeln gegen Umgehungsgeschäfte
Bisher konnten Stahlprodukte durch minimale Verarbeitung in Drittländern wie der Türkei ihre ursprüngliche Herkunft verschleiern. Die neue Klausel setzt genau hier an: Künftig muss für jede Importlieferung lückenlos nachgewiesen werden, in welchem Land der Rohstahl ursprünglich geschmolzen und gegossen wurde. Nur mit diesem Werkszeugnis darf der Stahl ab Oktober 2026 in die EU.
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Das Ziel ist klar. „Wir führen eine Null-Toleranz-Politik für russischen Stahl ein“, heißt es aus Kommissionskreisen. Produkte, deren Vormaterial aus Russland stammt, werden an den Grenzen abgewiesen. Parallel plant Brüssel, die zollfreien Importkontingente auf das Niveau von 2013 zu kürzen und Überschreitungszölle von 25 auf 50 Prozent zu verdoppeln.
Industrie schlägt Alarm: „Bürokratischer Albtraum“
Die Reaktion der betroffenen Branchen fiel heftig aus. In einer gemeinsamen Erklärung vom Dienstag warnten Verbände der „European Steel Using Industries“ vor einer existenziellen Bedrohung für den Industriestandort Europa.
Ihre Kritikpunkte im Überblick:
* Kostenlawine: Bei gleichbleibendem Importvolumen drohen durch die hohen Zölle Mehrbelastungen von fünf bis neun Milliarden Euro pro Jahr.
* Undurchführbare Dokumentation: Vor allem für KMU sei der Nachweis der Herkunft über komplexe, globale Lieferketten ein „bürokratischer Albtraum“. Die Beschaffung tausender Original-Schmelzzertifikate für Kleinteile sei praktisch unmöglich.
* Engpässe bei Spezialstählen: Viele hochwertige Stähle werden in der EU nicht in ausreichender Menge produziert. Die verknappten Quoten könnten sie zur Mangelware machen.
Interne Branchendaten deuten zudem auf massive Preissprünge hin. Während die Kommission von durchschnittlich 3,25 Prozent ausgeht, rechnen Experten bei bestimmten Produkten mit Anstiegen von bis zu 30 Prozent.
Kompromiss in Sicht? Parlament diskutiert Flexibilisierung
Angesichts des massiven Widerstands zeichnen sich im Handelsausschuss des EU-Parlaments (INTA) erste Kompromisslinien ab. Um die Bürokratie abzufedern, wird über alternative Nachweismöglichkeiten diskutiert.
Neben den strikten Werkszeugnissen könnten künftig auch folgende Dokumente akzeptiert werden:
* Rechnungen und Lieferpapiere
* Qualitätszertifikate
* Lieferantenerklärungen
* Nationale Zolldokumente
Diese Flexibilisierung soll vor allem kleine Unternehmen entlasten, ohne das Kernziel der Sanktionsdurchsetzung zu gefährden. Die entscheidende Abstimmung im INTA-Ausschuss ist für Ende Januar geplant.
Doppelschlag in der Krise: CBAM kommt hinzu
Die verschärften Importregeln treffen die Industrie in einer ohnehin angespannten Lage. Seit Jahresbeginn 2026 ist der CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) in vollem Umfang wirksam. Importeure müssen nun auch für die im Stahl enthaltenen Emissionen Zertifikate kaufen.
Marktbeobachter sprechen von einem „perfekten Sturm“: Die Kombination aus CBAM-Kosten, knappen Quoten und der neuen Herkunftsbürokratie könnte die Stahlpreise in Europa künstlich in die Höhe treiben. Während Stahlhersteller die Maßnahmen als notwendigen Schutz für den Grünen Stahl verteidigen, fürchten Verarbeiter um ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Brüssel den Spagat schafft: Die heimische Stahlproduktion zu schützen, ohne das Rückgrat der verarbeitenden Industrie zu beschädigen. Sollte die strenge „Melt and Pour“-Klausel kommen, rechnen Experten ab Mitte 2026 mit erheblichen Verwerfungen in den globalen Lieferketten.
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