Ørsted A / S: Wie der Offshore-Pionier sein Geschäftsmodell nach der Windkrise neu aufstellt
23.01.2026 - 04:05:28Vom Klimavorreiter zum Stresstest: Ørsted A/S im Fokus
Ørsted A/S steht wie kaum ein anderes Unternehmen für die Transformation von fossiler Energie zu erneuerbaren Großkraftwerken. Aus der einstigen dänischen Öl- und Gasgesellschaft DONG Energy ist in gut einem Jahrzehnt ein globaler Marktführer für Offshore-Wind, grünen Strom und zunehmend auch grüne Moleküle geworden. Doch der jüngste Zyklus aus Zinserhöhungen, Kostenexplosionen bei Großprojekten und Lieferkettenproblemen hat das Geschäftsmodell von Ørsted A/S auf eine harte Probe gestellt. Projekte wurden abgeschrieben, Auktionen zurückgegeben, die Aktie ist massiv unter Druck geraten – und genau deshalb lohnt sich der Blick auf das „Produkt“ Ørsted A/S heute umso mehr.
Im Kern ist Ørsted A/S kein klassischer Industriekonzern mit physischen Serienprodukten, sondern ein Portfolio-Anbieter großskaliger Energie-Infrastrukturen: Offshore-Windparks, Onshore-Wind- und Solarparks, Speicherlösungen sowie zunehmend Power-to-X-Projekte für grünen Wasserstoff. Diese Projekt-Pipeline ist das eigentliche Produkt, das darüber entscheidet, ob sich die ehrgeizigen Wachstumsziele und Bewertungen auf Sicht von Jahren rechtfertigen lassen.
Wer die Orsted Aktie mit der ISIN DK0060094928 analysiert, kommt deshalb an einer tiefen Betrachtung des Produkt- und Projektportfolios von Ørsted A/S nicht vorbei: Welche Technologie- und Standortvorteile hat der Konzern? Wie positioniert er sich gegen Wettbewerber wie RWE, Vattenfall oder Iberdrola? Und ist Ørsted A/S weiterhin der Referenz-Player für Investoren, die auf die industrielle Dekarbonisierung setzen?
Mehr über Ørsted A/S und das globale Portfolio an Offshore-Windprojekten
Das Flaggschiff im Detail: Ørsted A/S
Ørsted A/S versteht sich als vollintegrierter Entwickler, Eigentümer und Betreiber von Erneuerbare-Energien-Großprojekten. Das Flaggschiff des Konzerns ist seit Jahren die Sparte Offshore-Wind – sie prägt Wahrnehmung, Margenprofil und strategische Positionierung wie kein anderer Geschäftsbereich.
Zentraler Bestandteil des „Produkts“ Ørsted A/S ist die Fähigkeit, komplexe Offshore-Windparks über den gesamten Lebenszyklus zu managen: von der Flächenauktion über die Planung und Finanzierung, den Bau und das Grid-Connection-Management bis hin zu Betrieb, Wartung und Re-Powering. Dieser integrierte Ansatz ist kein Marketing-Slogan, sondern ein realer Wettbewerbsvorteil in einem Markt, in dem Projektfehler schnell in Milliardenabschreibungen münden können.
Zu den wichtigsten Produktmerkmalen von Ørsted A/S zählen:
- Skalierungskompetenz im Gigawatt-Maßstab: Ørsted A/S betreibt und entwickelt Offshore-Windparks im zweistelligen Gigawatt-Bereich. Dazu gehören ikonische Projekte wie Hornsea 1 und 2 in der Nordsee, die über Jahre hinweg als größte Offshore-Windparks der Welt galten.
- Technologie-Agnostik mit Fokus auf Tier-1-Turbinen: Der Konzern setzt auf Turbinen führender Hersteller, statt eigene Turbinen zu entwickeln. Das ermöglicht flexible Beschaffungsstrategien – ein Vorteil in volatilen Beschaffungsmärkten, auch wenn die jüngsten Probleme bei Großturbinen zeigen, wie kritisch Lieferantenrisiken sind.
- Industrielle Standardisierung: Ørsted A/S arbeitet konsequent an der Standardisierung von Fundamenten, Verkabelung, Offshore-Substations und O&M-Prozessen. Das reduziert Bauzeiten und Kosten pro installierter Megawatt-Stunde und erhöht die Planbarkeit für Finanzierungspartner.
- Erweiterung in Onshore & Solar: Neben Offshore-Wind baut Ørsted A/S ein wachsendes Portfolio aus Onshore-Wind, Photovoltaik und Batteriespeichern auf – insbesondere in den USA und Europa. Diese Diversifizierung mindert das reine Offshore-Risiko, eröffnet aber auch neue Wettbewerbssituationen.
- Power-to-X und grüne Moleküle: Ørsted A/S investiert in erste großindustrielle Projekte für grünen Wasserstoff und E-Fuels, oft in Partnerschaft mit Industrieabnehmern (Chemie, Stahl, Shipping). Damit erweitert das Unternehmen sein Produktversprechen: nicht nur grüne Elektronen, sondern auch grüne Moleküle zu liefern.
Die Unique Selling Proposition von Ørsted A/S liegt in der Kombination dieser Fähigkeiten: Der Konzern ist kein reiner Asset Owner wie ein klassischer Infrastruktur-Fonds, sondern ein Entwickler mit langjähriger Projekt- und Betriebserfahrung über mehrere Technologien hinweg – bei gleichzeitigem Fokus auf Großskaligkeit und Dekarbonisierungswirkung.
Strategisch relevant ist zudem die Positionierung von Ørsted A/S entlang der globalen Energiewende-Agenda: Viele Regierungen koppeln ihre Offshore-Auktionen an Dekarbonisierungsziele, lokale Wertschöpfung und Versorgungssicherheit. Ørsted A/S hat sich hier als verlässlicher Partner positioniert – nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und im asiatisch-pazifischen Raum, etwa in Taiwan und Japan.
Der Wettbewerb: Orsted Aktie gegen den Rest
Die Orsted Aktie wird von Investoren häufig im direkten Vergleich mit anderen großen Entwicklern und Betreibern regenerativer Großprojekte betrachtet. Auf Produktebene konkurriert Ørsted A/S insbesondere mit:
- RWE (RWE Renewables): Die RWE-Tochter bündelt Offshore- und Onshore-Wind, Solar und Speicher. Flaggschiffprojekte wie der Offshore-Windpark „Kaskasi“ in der deutschen Nordsee oder der Ausbau in UK und den USA stehen im direkten Wettbewerb zu Ørsteds Offshore-Pipeline.
- Vattenfall (Offshore-Wind-Sparte): Der schwedische Versorger ist mit Projekten wie „Horns Rev 3“ und dem vormals geplanten Projekt „Norfolk Boreas“ ein wichtiger Player in der Nordsee und Ostsee – mit teils ähnlichen Standortvorteilen wie Ørsted A/S.
- Iberdrola (Iberdrola Renovables): Die Spanier kombinieren große Offshore-Projekte wie „Saint-Brieuc“ mit einer starken Onshore- und Solarpräsenz, insbesondere in Spanien, UK, USA und Brasilien.
Im direkten Vergleich zum Produktportfolio von RWE Renewables fällt auf: RWE hat in den vergangenen Jahren massiv zugekauft und sein Portfolio diversifiziert. Ørsted A/S dagegen kommt organisch gewachsen und mit starkem Offshore-Fokus daher. Während RWE sich stärker als breit aufgestellter, integrierter Versorger mit starkem Trading-Business und konventionellen Assets präsentiert, hat Ørsted A/S ein klareres, fokussiertes Dekarbonisierungs-Narrativ – allerdings auch eine höhere Abhängigkeit von der Profitabilität einzelner Großprojekte.
Im direkten Vergleich zum Offshore-Produkt von Vattenfall besitzt Ørsted A/S eine deutlich größere globale Präsenz. Vattenfall ist nach wie vor stark in Nordeuropa verankert, während Ørsted A/S Märkte wie die USA und Asien aggressiver erschlossen hat. Der Preis dafür sind höhere Investitionsvolumina und komplexere regulatorische Risiken, insbesondere im US-Markt, wo jüngst PPA-Strukturen und Inflation Reduction Act (IRA) eine zentrale Rolle spielen.
Im direkten Vergleich zum Erneuerbaren-Portfolio von Iberdrola punktet Iberdrola mit einer stärkeren geografischen Diversifikation und einem hohen Anteil an regulierten Netzen, die stabile Cashflows liefern. Ørsted A/S ist im Kern ein Pure-Play auf Großprojekte, während Iberdrola ein breiteres Versorgerprofil vorweisen kann. Für Investoren mit hohem Risikoappetit kann das fokussierte Profil von Ørsted A/S attraktiver sein, während konservativere Anleger die stabileren Netzerlöse Iberdrolas honorieren.
Technologisch arbeiten alle genannten Wettbewerber mit ähnlichen Turbinenherstellern und Komponenten. Der Wettbewerbsvorteil entscheidet sich daher weniger über Hardware, sondern über:
- Auktionserfolg und Projekt-Pipeline in Schlüsselregionen (Nordsee, Ostsee, US-Ostküste, Asien).
- Finanzierungs- und Risikomanagement, um in Zeiten höherer Zinsen dennoch attraktive Renditen zu erzielen.
- Operational Excellence beim Bau und Betrieb – Ausfallzeiten, Wartungskosten und Verfügbarkeiten sind direkte Ergebnistreiber.
- Partnerschaften mit Industrie und Abnehmern (PPAs, Joint Ventures, Co-Investoren).
Hier hat Ørsted A/S in der Vergangenheit klar vorgelegt: Als einer der ersten reinen Offshore-Player hat das Unternehmen Banken, Pensionsfonds und Infrastrukturinvestoren an die Asset-Klasse herangeführt und damit den Markt skaliert. Gleichzeitig wurde Ørsted A/S in der jüngsten Offshore-Krise besonders hart getroffen, weil der Konzern sehr früh und sehr groß in neue Märkte eingestiegen ist und Verträge zum Teil zu Konditionen geschlossen hatte, die dem neuen Zins- und Kostenregime nicht mehr entsprechen.
Warum Ørsted A/S die Nase vorn hat
Trotz Project-Writedowns, verschobener Auktionen und eines deutlich volatiler gewordenen Marktumfelds besitzt Ørsted A/S mehrere strukturelle USPs, die das Unternehmen weiterhin von der Konkurrenz abheben.
1. Tiefe Offshore-Expertise und Track Record
Ørsted A/S ist seit Jahren der Maßstab für Projektentwicklung, Bau und Betrieb im Offshore-Wind. Der Track Record bei der termingerechten Fertigstellung großer Windparks, der Integration in Übertragungsnetze und der Optimierung der O&M-Prozesse ist ein Asset, das sich nicht kurzfristig kopieren lässt. Städte, Staaten und Industriepartner, die Milliarden in langfristige Offshore-Programme investieren, achten stark auf diesen Leistungsnachweis.
2. Skaleneffekte und Standardisierung
Durch die große installierte Basis können Beschaffung, Logistik und Wartung zunehmend standardisiert und gebündelt werden. Ørsted A/S nutzt wiederkehrende Design-Elemente bei Fundamenten, Plattformen und Kabellayouts. Das senkt Capex und Opex pro Projekt und erleichtert das Re-Powering, wenn größere Turbinen verfügbar werden.
3. Attraktive Asset-Rotation als Produktfeature
Ein oft unterschätztes Element des Geschäftsmodells von Ørsted A/S ist die systematische Asset-Rotation: Der Konzern entwickelt und baut Projekte, behält einen strategischen Anteil im Eigentum und verkauft Teile an institutionelle Investoren. Damit wird Entwicklungskompetenz als eigenes „Produkt“ monetarisiert. Dies reduziert Kapitalbindung, realisiert frühzeitig Gewinne und ermöglicht eine schnellere Reinvestition in neue Projekte.
4. ESG- und Dekarbonisierungsprofil
Für viele institutionelle Anleger ist Ørsted A/S ein Kernbaustein ihrer ESG- und Climate-Transition-Strategie. Der Konzern kommuniziert transparent CO?-Einsparungen, Lebenszyklusanalysen und Klimaziele und hat sich früh als „grüner Champion“ positioniert. Dieser Reputationsvorsprung erleichtert die Platzierung von Anleihen, Green Bonds und Projektfinanzierungen – ein Vorteil, der in einem kapitalintensiven Geschäft nicht zu unterschätzen ist.
5. Früher Einstieg in Power-to-X
Mit Pilot- und Großprojekten für grünen Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe verankert Ørsted A/S sein Produktversprechen tiefer in der Wertschöpfungskette energieintensiver Industrien. Während viele Wettbewerber noch überwiegend auf Stromproduktion fokussiert sind, versteht Ørsted A/S grüne Moleküle zunehmend als logische Erweiterung seines Geschäfts. Das kann sich als wichtiges Differenzierungsmerkmal erweisen, wenn Stahl- und Chemieunternehmen langfristige Abnahmeverträge für CO?-freie Rohstoffe suchen.
In Summe entsteht ein Bild, in dem Ørsted A/S trotz temporärer Rückschläge strukturell gut positioniert ist. Der zentrale Punkt: Das Unternehmen muss sein Produkt- und Projektportfolio stärker an ein Umfeld höherer Kapitalkosten anpassen. Das bedeutet selektivere Auktionsteilnahmen, strengere Renditeanforderungen und potenziell langsamere, dafür robustere Wachstumsraten.
Bedeutung für Aktie und Unternehmen
Die Orsted Aktie (ISIN DK0060094928) spiegelt diese Gemengelage aus strukturellem Wachstumspotenzial und zyklischem Gegenwind deutlich wider. Nach den Kursanstiegen der vergangenen Jahre hat eine Phase kräftiger Korrekturen eingesetzt, ausgelöst durch Projektabschreibungen und die Neubewertung kapitalintensiver Geschäftsmodelle im Zinsanstieg.
Zum aktuell relevanten Zeitpunkt liegt der Fokus der Kapitalmärkte weniger auf kurzfristigen Ergebniskennzahlen, sondern auf der Frage, wie Ørsted A/S sein Produktportfolio neu kalibriert. Entscheidend sind:
- Portfolio-Bereinigung: Projekte mit zu niedriger erwarteter Rendite oder überhöhten Kostenannahmen werden gestrichen, verkauft oder neu verhandelt. Das kann kurzfristig belasten, erhöht aber mittelfristig die Qualität des verbleibenden Portfolios.
- Kapitaldisziplin: Ørsted A/S muss zeigen, dass Wachstum nicht um jeden Preis erfolgt. Ein klarer Fokus auf ROCE, IRR und Cashflow-Profil je Projekt wird von Investoren eingefordert – und zunehmend geliefert.
- Asset-Rotation und Partnerschaften: Durch den gezielten Verkauf von Minderheitsanteilen an bestehenden Parks kann Kapital freigesetzt werden, ohne den operativen Einfluss zu verlieren. Das stützt die Bilanz und schafft Spielraum für neue Projekte.
- Politik- und Regulierungsrisiken: Anpassungen von Ausschreibungsdesigns, Indexierung von Strompreisen und Fördermechanismen in Europa und den USA wirken direkt auf die Wirtschaftlichkeit des Produktportfolios von Ørsted A/S. Positive Regulierungsimpulse könnten hier schnell zum Katalysator für eine Neubewertung werden.
Für langfristig orientierte Anleger ist die zentrale Frage: Bleibt Ørsted A/S der strukturierte Marktführer im Bereich Offshore-Wind und großskaliger Erneuerbarer – oder verlieren die Dänen ihren Vorsprung an breiter diversifizierte Wettbewerber? Aus heutiger Sicht spricht viel dafür, dass Ørsted A/S in einem normalisierten Zinsumfeld wieder Vorteile aus seiner Projektkompetenz und seinem globalen Footprint ziehen kann.
Die Orsted Aktie entwickelt sich damit zunehmend zu einem Gradmesser für die industrielle Energiewende insgesamt: Gelingt es, die nächste Offshore-Ausbauwelle und die ersten Power-to-X-Großprojekte wirtschaftlich tragfähig zu gestalten, dürfte Ørsted A/S überproportional profitieren. Scheitert die Branche an Kosten, Genehmigungen und gesellschaftlicher Akzeptanz, ist das Abwärtspotenzial für den Sektor insgesamt hoch – Ørsted A/S inklusive.
Im aktuellen Umfeld lohnt sich daher ein differenzierter Blick: Ørsted A/S bleibt als Produkt – sprich: als Plattform großskaliger, grüner Infrastrukturprojekte – strategisch hoch relevant. Zugleich werden die kommenden Jahre zum Stresstest, ob dieses Produkt auch unter deutlich härteren finanziellen und regulatorischen Rahmenbedingungen die Renditen liefert, die sich Investoren von einem globalen Energiewende-Champion versprechen.


