Mindestlohn, WSI

Mindestlohn: WSI fordert radikale Reform nach EU-Vorgaben

29.01.2026 - 21:18:12

Das WSI verlangt eine gesetzliche Bindung des Mindestlohns an 60 Prozent des Medianlohns, was aktuell etwa 15 Euro bedeuten würde. Diese Forderung wird durch eine EU-Richtlinie gestützt und löst eine kontroverse Debatte aus.

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung fordert eine gesetzliche Verankerung des Mindestlohns bei 60 Prozent des mittleren Bruttolohns. Damit würde die aktuelle Rate von 13,90 Euro deutlich steigen – und sich der EU-Definition eines „angemessenen“ Lohns annähern.

Hintergrund ist die jüngste Erhöhung auf 13,90 Euro zum Jahresbeginn 2026. Für die WSI-Experten Thorsten Schulten und Malte Lübker bleibt diese Anpassung jedoch Stückwerk. Sie argumentieren: Nur eine automatische Kopplung an die allgemeine Lohnentwicklung schütze dauerhaft vor Armut trotz Vollzeitjob. Auf Basis aktueller Daten des Statistischen Bundesamts läge ein solcher „60-Prozent-Lohn“ derzeit zwischen 14,88 und 15,02 Euro.

EU-Richtlinie als Rückenwind

Die Forderung erhält politischen Rückenwind aus Brüssel. Die EU-Mindestlohnrichtlinie empfiehlt genau diese 60-Prozent-Marke als Referenz für angemessene Löhne. Bisher hat die Bundesregierung diesen Wert jedoch nicht verbindlich für die Mindestlohnkommission festgeschrieben.

Das kritisiert das WSI scharf. Eine gesetzliche Verankerung würde der Kommission einen klaren, objektiven Maßstab geben, so die Forscher. Dies würde politische Spielräume begrenzen und gleichzeitig den Geist der EU-Richtlinie erfüllen. Deren Ziel ist es, die Tarifbindung zu stärken und existenzsichernde Löhne zu garantieren. Aus Sicht des Instituts sind die bisherigen „Mini-Anpassungen“ in Deutschland dafür nicht ausreichend.

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Schattenwirtschaft-Studie befeuert Debatte

Die Debatte gewinnt zusätzlich an Schärfe durch eine aktuelle Studie zur Schattenwirtschaft. Diese prognostiziert für 2026 ein Volumen von über 500 Milliarden Euro. Als einen Treiber nennen die Autoren explizit die Erhöhung des Mindestlohns und die Anhebung der Minijob-Grenze.

Der an der Studie beteiligte Finanzwissenschaftler Friedrich Schneider warnt: Höhere Lohnkosten senkten das Einkommen aus legaler Beschäftigung und schafften Anreize für Schwarzarbeit. Eine klassische Arbeitgeber-Argumentation, die das WSI entschieden zurückweist.

Die Institutexperten verweisen auf die Stabilität des Arbeitsmarkts nach früheren kräftigen Erhöhungen, etwa auf 12 Euro im Jahr 2022. Ihrer Ansicht nach überwiegen die Vorteile: gestärkte Kaufkraft, höhere Sozialbeiträge und geringere Aufstockung durch den Staat.

Geplante Erhöhung reicht nicht aus

Aktuell gilt in Deutschland der Mindestlohn von 13,90 Euro. Eine weitere Erhöhung auf 14,60 Euro ist bereits für den 1. Januar 2027 gesetzlich festgelegt.

Doch selbst diese geplante Steigerung könnte das Ziel verfehlen, wenn die allgemeinen Löhne weiter steigen. Die WSI-Forderung impliziert einen deutlich dynamischeren Anpassungsmechanismus. Bei einer jährlichen Berechnung anhand der neuesten Medianlohndaten wären häufigere und möglicherweise höhere Sprünge die Folge – ein Bruch mit dem derzeit üblichen Zwei-Jahres-Rhythmus.

Politisches Ringen zeichnet sich ab

Das Thema „60-Prozent-Marke“ wird die Arbeitsmarktpolitik 2026 dominieren. In einem von Tarifkonflikten und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägten Umfeld wächst der Druck auf die Politik, die sozialen Ziele der EU-Richtlinie vollumfänglich umzusetzen.

Gewerkschaften und Sozialverbände dürften die WSI-Daten nutzen, um – ähnlich wie 2022 – eine außerordentliche Anpassung in Richtung 15 Euro zu fordern. Arbeitgeberverbände werden hingegen auf die Schattenwirtschafts-Daten und konjunkturelle Risiken verweisen.

Das WSI bleibt bei seiner Kernaussage: Nur ein wissenschaftlich fundierter, transparenter Referenzwert entpolitisiere die Debatte und stelle sicher, dass der Mindestlohn sein wichtigstes Versprechen hält – ein Leben oberhalb der Armutsgrenze für alle Vollzeitbeschäftigten.

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