Mindestlohn verliert an Bedeutung: Tariflöhne ziehen deutlich davon
01.02.2026 - 18:43:11Der gesetzliche Mindestlohn verliert als Maßstab für faire Bezahlung zunehmend an Bedeutung. Während er auf 13,90 Euro stieg, setzen starke Branchen eigene, weit höhere Standards.
Berlin. Deutschland erlebt eine tiefgreifende Spaltung seines Lohngefüges. Zum 1. Januar trat die planmäßige Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns auf 13,90 Euro in Kraft. Doch parallel dazu ziehen die tariflich vereinbarten Mindestlöhne in zahlreichen Schlüsselbranchen deutlich davon. Für Millionen Beschäftigte bedeutet das eine spürbare Abkopplung nach oben – während andere nur von der staatlichen Mindestsicherung profitieren.
Öffentlicher Dienst: Streiks für sieben Prozent mehr
Im Fokus der aktuellen Entwicklung stehen die erbitterten Tarifverhandlungen für die rund 2,2 Millionen Beschäftigten der Länder. Nach gescheiterten Gesprächen im Januar haben die Gewerkschaften ver.di und der dbb die Warnstreiks massiv ausgeweitet.
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Zehntausende legten in Krankenhäusern, Hochschulen und Behörden die Arbeit nieder. Ein bundesweiter Jugendstreiktag verlieh den Forderungen zusätzlichen Nachdruck. Die Gewerkschaften verlangen sieben Prozent mehr Gehalt, mindestens jedoch 300 Euro monatlich. Sie wollen so die Reallohnverluste der vergangenen Jahre ausgleichen.
Doch was steckt hinter dieser Entschlossenheit? Die Antwort liegt in der allgemeine Lohnentwicklung. Die Tarifparteien kämpfen um Steigerungen, die nicht nur die Inflation überkompensieren, sondern auch deutlich über der bescheidenen Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns liegen.
Die neue Lohnrealität: Branchen setzen eigene Standards
Die Auseinandersetzungen im öffentlichen Sektor sind nur die Spitze des Eisbergs. In vielen Wirtschaftszweigen haben sich die realen Mindestlöhne bereits weit vom gesetzlichen Niveau entfernt.
- Gebäudereinigung: Mindestens 15,00 Euro (Innenreinigung) bzw. 18,40 Euro (Glas- und Fassadenreinigung).
- Pflege: Pflegehilfskräfte erhalten tariflich mindestens 17,35 Euro.
- Elektrohandwerk: Löhne beginnen über 14 Euro.
- Pädagogische Berufe: Qualifizierte Kräfte können bis zu 20,86 Euro verdienen.
Diese branchenspezifischen Mindestlöhne werden vom Bundesarbeitsministerium festgelegt und vom Zoll überwacht. Ihr Ziel ist klar: Lohndumping verhindern und Berufe im Kampf um Fachkräfte attraktiver machen.
Wirtschaft im Zwiespalt: Kosten vs. Kaufkraft
Die gesetzliche Mindestlohnerhöhung um 8,4 Prozent auf 13,90 Euro übertrifft zwar die allgemeine Lohnsteigerungsrate. Doch sie birgt Konfliktpotenzial.
Eine aktuelle Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt ein geteiltes Bild. Zwar erwartet die Mehrheit der Arbeitsagenturen keine negativen Beschäftigungseffekte. Die Zahl der Agenturen mit pessimistischen Prognosen hat sich jedoch im Vergleich zur letzten Erhöhung verdreifacht.
Besonders betroffen sind Branchen mit geringer Tarifbindung wie das Gastgewerbe oder die Landwirtschaft. Arbeitgeberverbände warnen vor steigenden Kosten. Gewerkschaften kontern: Höhere Löhne stärken die Kaufkraft und sorgen für eine gerechtere Verteilung des Wohlstands.
2026: Das große Tarifjahr entscheidet
Das laufende Jahr wird zur Weichenstellung für die deutsche Lohnlandschaft. Nach Berechnungen der Hans-Böckler-Stiftung laufen die Tarifverträge für rund zehn Millionen Beschäftigte aus. Eine Verhandlungswelle rollt an.
Auf den öffentlichen Dienst folgen im Februar die Chemieindustrie und ab März der Einzelhandel. Im Herbst dann kommt die größte Tarifrunde: die Metall- und Elektroindustrie mit 3,7 Millionen Beschäftigten verhandelt. Diese Ballung in Schlüsselbranchen hat das Potenzial, das Lohnniveau flächendeckend anzuheben – und die Schere zum gesetzlichen Minimum weiter zu öffnen.
Ausblick: Signalwirkung und politischer Druck
Die dritte Verhandlungsrunde im öffentlichen Dienst der Länder in den kommenden Wochen wird richtungsweisend sein. Gelingt keine Einigung, drohen flächendeckende Streiks. Das Ergebnis sendet ein Signal an alle nachfolgenden Tarifrunden.
Gleichzeitig wächst der politische Druck. Die für 2027 beschlossene Erhöhung auf 14,60 Euro erscheint vor dem Hintergrund explodierender Tariflöhne bereits heute veraltet. Die Debatte über eine deutlichere, politisch forcierte Anhebung der gesetzlichen Untergrenze dürfte lauter werden. Es geht darum, Millionen Beschäftigte in nicht-tarifgebundenen Betrieben vor einer zu starken Abkopplung zu bewahren.
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