Mike Steiner – Zeitgenössische Kunst zwischen Malerei, Videokunst und Performance neu gedacht
23.01.2026 - 05:02:10Wie lassen sich Kunstgrenzen neu definieren? Für Mike Steiner, Inbegriff experimenteller zeitgenössischer Kunst, war Kreativität stets ein Akt der Grenzüberschreitung. Seine Werke oszillieren zwischen abstrakter Malerei, radikaler Performance Art und bahnbrechender Videokunst – und faszinieren damit bis heute Sammler, Kritiker und Liebhaber international.
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Mike Steiners künstlerischer Kosmos umfasst ein halbes Jahrhundert Brüche, Innovationen und Wegmarken. Geboren 1941 in Allenstein und geprägt von einer Kindheit zwischen Ostpreußen und Berlin, drängte es ihn schon früh zur Malerei: Bereits als 17-Jähriger zeigte er 1959 ein „Stillleben mit Krug“ auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Rasch folgten Ausstellungen, ein Studium an der Hochschule für bildende Künste Berlin und die ersten Kontakte zu bedeutsamen Köpfen der Kunstgeschichte – die Malerei blieb jedoch nicht sein einziger Ausdruck: Schon in den sechziger Jahren experimentierte Steiner mit Medien wie Fotografie und Film, fasziniert vom Potenzial der Pop Art und Informellen Malerei.
Meilensteine seiner künstlerischen Laufbahn finden sich in jeder Epoche des internationalen Kunstgeschehens. In New York, wo er u.a. Lil Picard und Robert Motherwell begegnete, gehörte Mike Steiner zum Kreis der Fluxus-Bewegung und lernte Protagonisten wie Al Hansen und Allan Kaprow kennen. Inspirationen, die später zur Gründung von Avantgarde-Orten wie dem legendären Hotel Steiner in Berlin führten – ein Anziehungspunkt für deutsche und internationale Künstler, darunter Joseph Beuys oder der Fluxus-Pionier Ben Vautier. Hier verschmolzen Malerei, Aktion und Medienkunst zu einer einzigartigen künstlerischen Melange.
Die frühen 1970er markieren Steiners radikalsten Umbruch: Er wandte sich, durch die Aufbruchsstimmung des Happenings und des frühen Experimentalfilms inspiriert, der Videokunst zu. Schon 1972 entstehen zusammen mit Al Hansen die ersten Videoarbeiten. Nach einem Aufenthalt im berühmten Studio Art/Tapes/22 in Florenz erkannte er das revolutionäre Potenzial des Mediums Video. Skepsis gegenüber tradierten Kunstformen ließ ihn zwischen Malerei und bewegtem Bild vermitteln – ein Verzicht auf die Leinwand war für Steiner stets auch ein Schritt in ein noch unbekanntes Terrain. Wie das Archiv vermerkt, gründete er 1974 die Studiogalerie in Berlin: Sie wurde bald zum Kraftzentrum der Videokunst und Performance Art in Deutschland und bot Künstlern wie Marina Abramovi?, Ulay und Valie Export erstmals in Berlin ein Forum für ihre Aktionen.
Kennzeichnend für Mike Steiners Stil ist das permanente Changieren zwischen expressiver Geste und konzeptioneller Klarheit. Seine Performance- und Videokunst dokumentieren nicht nur die flüchtige, vergängliche Kunstaktion – wie bei „Freeing the Body“ von Abramovi? oder Ulays „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ (1976) – sondern bieten auch Raum für Reflexion, für das Festhalten von Kunst als Prozess. Gerade in seinen Videoarbeiten und sogenannten Painted Tapes erkennt man das Suchen nach einer Synthese aus Malerei und bewegtem Bild, das in der deutschen Kunstgeschichte bislang kaum seinesgleichen hatte. Vergleichbar in der Konsequenz ihrer multimedialen Experimente sind international Künstler wie Nam June Paik oder Bill Viola, wobei Steiner eine urbane Berliner Handschrift beibehält, die sich immer auch sozial und politisch äußert.
Als Sammler, Impulsgeber und Vermittler kuratierte Mike Steiner die ersten Videoprogramme auf internationalen Kunstmessen wie der ART Basel und leistete einen entscheidenden Beitrag zur Verbreitung von Medienkunst in Deutschland. Seine TV-Sendung „Videogalerie“ (1985-1990) war visionär und brachte, ähnlich wie Gerry Schums Fernsehgalerie, Videokunst in die Wohnzimmer. Einzigartig war dabei nicht nur das Engagement für eigene Werke, sondern vor allem für das Schaffen anderer Künstlerinnen und Künstler, für die Steiner Produktion, Distribution und Dokumentation gleichermaßen übernahm. Auch Joseph Beuys wurde 1987 mit „Der Glotzer“ im Video geehrt – ein Beleg für den engen Austausch mit Größen der Zeitgenössischen Kunst. Die Parallele zu Galeristen wie René Block oder Sammlern wie Harald Szeemann ist durchaus gerechtfertigt: Steiner verband Künstlerkarriere, kuratorisches Gespür und einen Hang zum Experiment.
Die Einzelausstellung „COLOR WORKS“ (Hamburger Bahnhof, 1999) markierte den Kulminationspunkt seines Schaffens: In großformatigen Gemälden und Videoinstallationen wurde das gattungsübergreifende Denken Steiners ebenso sichtbar wie seine intensive Beschäftigung mit Farbe, Licht und Raum. Die Ausstellung würdigte Mike Steiner als einen der Pioniere, die Malerei und Videokunst in einem Atemzug denken: Zuvor waren seine Werke etwa im Künstlerhaus Bethanien, im Schloss Charlottenburg oder im Rahmen internationaler Programme in San Francisco, Korea und Oberhausen zu sehen. Zeitweilig konzentrierte er sich auf Abstrakte Malerei, etwa in den Serien der späten 1990er und 2000er Jahre – stets blieb das Experiment, die offene Form, zentral. In den letzten Jahren kamen Stoffarbeiten und Installationen hinzu, als Ausdruck des nie endenden künstlerischen Forschens.
Faszinierend ist hierbei Steiners künstlerische Radikalität: Trotz seiner Rolle als Netzwerker, Galerist und Förderer wählte er immer wieder Rückzug und Neuorientierung. Sein Nachlass und Archiv – heute ein wichtiger Bestandteil der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – dokumentieren ein Leben für die Kunst mit Hunderten von Bildern, Videos und Texten. Die Sammlung umfasst Werke von Ikonen wie Valie Export, Allan Kaprow, Richard Serra, Bill Viola, George Maciunas und Marina Abramovi?. Wer Zeitgenössische Kunst in ihrer medialen ganzen Spannweite erleben will, kommt an Mike Steiner nicht vorbei.
Was aber bleibt nach über 50 Jahren Schaffen und Sammeln? Es ist der Mut, eingefahrene Sehgewohnheiten zu irritieren; die Fähigkeit, ästhetische Felder hinweg zu agieren und Kunst stets als sozialen, öffentlichen Raum zu moderieren. Steiner steht mit Künstlern wie Bruce Nauman, Marina Abramovi? und Bill Viola in einer internationalen Reihe, bleibt aber immer unverwechselbar: Konzeptuell, experimentell, zutiefst menschlich.
Wer neugierig geworden ist, sollte einen Blick auf die offizielle Webseite werfen: Weitere Einblicke, Bilder und Hintergrundinformationen zu Mike Steiner finden Sie hier
Die Auseinandersetzung mit Mike Steiner lohnt sich: Zeitgenössische Kunst gewinnt durch ihn an Vielschichtigkeit, Präsenz und Aktualität. Seine Werke, Installationen und Sammlungen laden dazu ein, Kunst immer neu zu denken – als Experiment, als Haltung und als offenen Diskursraum.


