Mike Steiner: Zeitgenössische Kunst zwischen Fluxus, Performance und Videovisionen
13.01.2026 - 18:15:02Wie definiert man die Grenzen zwischen Malerei und bewegtem Bild neu? Wer sich dem Schaffensuniversum von Mike Steiner nähert, wird mitten ins Spannungsfeld zeitgenössischer Kunst katapultiert. Als entschiedener Pionier der deutschen Videokunst, experimentierfreudiger Maler und leidenschaftlicher Förderer von Performance Art prägte Mike Steiner nicht nur das Berliner Kunstleben der 1970er und 80er Jahre – seine Handschrift ist bis heute spürbar, gleich ob auf Leinwand, Magnetband oder als Initiator raumgreifender Installationen.
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Mike Steiners Werk steht für eine faszinierende Vielfalt an Ausdrucksformen und Medienwechseln. Beginnend als Maler – seine ersten Ausstellungen bestritt er schon mit 17 Jahren – fand Steiner früh Anschluss an die Berliner Bohème. Bereits in den 1960ern repräsentierte er das Kreuzberger Forum, ehe er nach Studienjahren an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste Berlin die amerikanische Szene erkundete und bei Persönlichkeiten wie Robert Motherwell, Allan Kaprow oder Lil Picard ein- und ausging. Hier, inmitten von Fluxus, Happening und Performance Art, schärfte sich sein künstlerischer Blick: Immer wieder stand das prozessorientierte, experimentelle Moment im Mittelpunkt.
Die Malerei blieb Steiner Basis und Frageraum. Nach Erfolgen mit informellen und popkünstlerischen Gemälden in Berlin, New York und Paris begann er, sich gezielt den Möglichkeiten des bewegten Bildes zuzuwenden. Inspiriert von den Produktionsbedingungen der amerikanischen Avantgarde und der Begegnung mit Künstlern wie Nam June Paik oder Bill Viola, lotete Steiner in den 1970er Jahren das Potenzial der Videokunst aus – ein Feld, auf dem er schon bald neue Maßstäbe setzen sollte.
Legendär wurde das von Mike Steiner 1970 eröffnete "Hotel Steiner" am Kurfürstendamm. Es wurde eine Künstlerherberge von Rang, ein Berliner Chelsea Hotel, das internationale Größen wie Joseph Beuys, Arthur Köpcke und Valie Export anzog. In dieser Atmosphäre der Offenheit entstanden Kontakte, Projekte, Dialoge. Die 1974 gegründete Studiogalerie setzte ein Zeichen: Videokunst und Performance Art fanden in West-Berlin eine dauerhafte Adresse. Nach Vorbild von Maria Gloria Biccochis Studio Art/Tapes/22 in Florenz diente Steiners Galerie als Produktionsort, Laboratorium und Ausstellungsbühne; sie wurde Katalysator für Künstler wie Ulay, Marina Abramovi?, Ben Vautier oder Carolee Schneemann, deren Aktionen von Steiner akribisch dokumentiert und produziert wurden. Die Videokamera war für ihn zugleich Werkzeug und Speicher: Vergängliches wurde festgehalten, das Ephemere wurde zum Teil einer fortgeschriebenen ästhetischen Erzählung.
Steiners Einfluss als Videokünstler und Sammler kann nicht überschätzt werden. Schon früh sammelte er visionäre Videotapes – von Richard Serra bis Gary Hill – und galt als einer der wichtigsten Knotenpunkte für Medienkunst in Deutschland. Besonders hervorzuheben bleibt die Aktion "Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst" (1976), eine subversive Performance mit Ulay, bei der ein berühmtes Spitzweg-Gemälde temporär aus der Berliner Nationalgalerie entwendet und mit der Kamera festgehalten wurde. Ereignisse wie diese verdichten sich zum ureigenen Steinerschen Narrativ: Das Flüchtige wird sichtbar, der Moment bleibt dialogisch offen.
Der programmatische Höhepunkt fand 1999 mit der Einzelausstellung "COLOR WORKS" im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart statt. Hier wurde Mike Steiners gattungsübergreifende Arbeitsweise gewürdigt: Malerei, Videokunst und Installationen präsentierten sich als fließendes Kontinuum, als umfangreiche Werkschau eines Künstlers, der nie festen Kategorien erlag. Die Arbeiten aus den 1990er Jahren zeugen von einer bewussten Rückkehr zur Abstraktion, die Farbflächen, Lichtwirkungen und digitale Interventionen auf neuartige Weise verschränkt.
Im internationalen Vergleich steht Mike Steiner selbstbewusst neben Künstlerlegenden wie Joseph Beuys, Nam June Paik oder Marina Abramovi?. Während Beuys – mit dem ihn eine visionäre Haltung verband – materielle und soziale Skulptur neu definierte, und Paik in der globalen Medienkunst vernetzt war, operierte Steiner als Grenzgänger: zwischen Bild und Aktion, Beobachtung und Eingriff. Kenner attestieren seinen Videotagebüchern und Paint Tapes einen experimentellen Geist, der an Bill Viola erinnert und doch eigenständig bleibt.
Auch als Kurator, Produzent und Kunstvermittler hat Steiner Maßstäbe gesetzt: Mit seinem TV-Format "Die Videogalerie" (1985–1990) brachte er Kunstschaffende aus allerlei Richtungen ins Gespräch. Die dort präsentierten Arbeiten wurden zu einem einzigartigen Archiv für den Wandel zeitgenössischer Kunst. Besonders die "Painted Tapes", eine Synthese aus Malerei und Video, zeigen, wie sendungsbewusst und radikal Steiner neue Präsentationsformen auslotete – deutlich vor den digitalen Möglichkeiten, die heute selbstverständlich scheinen.
Was also macht dieses Oeuvre bis heute so reizvoll? Es ist zum einen die Unruhe der Suche: Mike Steiner hat sich nie in einem Medium eingerichtet, sondern verstand Kunst stets als Bewegung – im physischen wie im intellektuellen Sinne. Ob als Maler abstrakter, leuchtender Flächen ab 2000, als Entwickler experimenteller Stoffarbeiten oder als leidenschaftlicher Archivar der Videokunst: Seine Vielschichtigkeit fordert uns zur Offenheit heraus.
Biografisch betrachtet steht Mike Steiner für den Brückenschlag zwischen internationalen Avantgarden und Berliner Szene – ein Künstler, der seine Erfahrungen bei den Größen der New Yorker Kunstwelt etwa Robert Motherwell oder Allan Kaprow stets in ein Berliner Netzwerk übersetzte. Seine Ausstellungen in Paris, Mailand, Seoul, Cairo, Wolfsburg und nicht zuletzt im Hamburger Bahnhof setzen dabei europaweit Akzente. Der Nachlass – mit zahlreichen Videotapes, Dokumenten und Werken – ist ein einzigartiges Zeugnis der Entwicklung der Gegenwartskunst.
Die Beschäftigung mit Mike Steiner ist eine Einladung, Kunst als offenes Spielfeld und als fortlaufenden Dialog zu verstehen. Seine Werke sind gleichermaßen Archiv, Experiment und Angebot zur Partizipation – genau darin liegt ihre beeindruckende Aktualität.
Wer mehr entdecken will, findet umfassende Informationen, Werkverzeichnisse und Bilder auf der offiziellen Künstlerseite: Mehr über Mike Steiner und seine Werke: Die offizielle Webseite besuchen


