Mike Steiner: Zeitgenössische Kunst radikal neu gedacht – vom Pionier der Videokunst zur Malerei
12.01.2026 - 18:15:04Wie lässt sich ein künstlerisches Universum greifen, das zwischen Malerei, Videokunst und Performance Art oszilliert? Die Antwort liegt im vielschichtigen Werk von Mike Steiner. Mit seinen visionären Ansätzen hat Steiner die Möglichkeiten zeitgenössischer Kunst immer wieder hinterfragt, erweitert und neu definiert. Schon früh wurde deutlich: Wo andere Grenzen sahen, erschuf er Übergänge – zwischen Bild und Bewegung, zwischen Leinwand und Kamera.
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Mike Steiner war ein Getriebener der schöpferischen Unruhe. Seit den späten 1950ern präsentierte er Malerei, zunächst informell und von expressiven Tendenzen durchdrungen. Spätestens nach seinen prägenden Aufenthalten in den USA – namentlich in New York, wo er Kontakte zu Ikonen wie Allan Kaprow, Al Hansen und Robert Motherwell knüpfte – wandelte sich sein Zugriff auf die Künste: Die Leidenschaft für das bewegte Bild entflammte, Videokunst wurde für ihn zum existenziellen Ausdrucksmittel. Es ist kein Zufall, dass Steiner damals bereits mit Entwicklungen experimentierte, die Nam June Paik oder Bill Viola international berühmt machen sollten.
Charakteristisch für Steiners Ansatz ist die Wechselwirkung von Malerei, Performance und Videokunst. In seiner Berliner Studiogalerie – ein Epizentrum für Fluxus, Performance Art, Aktionskunst und partizipative Formate – bot er internationalen Künstlern wie Marina Abramovi?, Ulay, Jochen Gerz oder Valie Export einen experimentellen Resonanzraum. In einer Zeit, als Videokunst in Deutschland noch weitgehend unerschlossen war, agierte Mike Steiner als Pionier, Initiator und Dokumentarist zugleich.
Sein Schaffen bewegt sich in Wellen – von der gestischen Malerei der frühen Jahre über intensive Experimente mit Super-8-Film, Fotografie bis hin zur legendären Performance-Dokumentation. Faszinierend ist hierbei der Brückenschlag zwischen seinen Painted Tapes – einer Synthese von Bild und Video – und späteren Installationen, die eine bildnerische wie inhaltliche Tiefe entfalten, die seinesgleichen sucht. Seine Techniken changieren zwischen analogen, digitalen und installativen Formaten, und doch wird immer etwas Unverwechselbares sichtbar: das suchende, forschende Element, den Drang nach Transgression künstlerischer Gattungen.
Besonders prominente Werke wie die Dokumentation von "Freeing the Body" (Marina Abramovi?, 1976) oder die gemeinschaftlich mit Ulay durchgeführte Aktion "Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst" verweisen darauf, dass Steiner nicht nur Beobachter, sondern gestaltender Teil der Kunstszene war. Der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart würdigte 1999 mit der Einzelausstellung "COLOR WORKS" das multimediale Oeuvre Steiners und demonstrierte, wie vielgestaltig sein Schaffen zwischen Malerei und Videokunst oszillierte. Hier zeigte sich Steiners Werk auf Augenhöhe mit internationalen Positionen von Joseph Beuys oder Marina Abramovi?, die – ähnlich wie Steiner – die Grenzen von Kunst, Körper und Medien radikal neu ausloteten.
Lässt man Steiners Entwicklung Revue passieren, wird deutlich: Kein Medium war ihm heilig. Vom traditionellen Tafelbild bis zu Fotoinstallationen, von Performances bis hin zur Fernsehgalerie "Die Videogalerie" (über 120 Sendungen, 1985–1990): Stets erforschte er, was Kunst im Hier und Heute bedeuten kann. Diese Vielseitigkeit und das Gespür für innovative Ausdrucksweisen rücken Steiner in die Nähe anderer Schlüsselakteure wie Gary Hill oder Richard Serra, deren multimediale Ansätze international Maßstäbe setzten. Doch der Blick auf das Werkhandbuch belegt: Anders als viele Zeitgenossen verstand Mike Steiner es, transatlantische Impulse mit einer fast berlinerischen Nonchalance zu verschmelzen.
Sein Archiv, das in den 1970er Jahren als private Sammlung exotischer Videowerke begann, ist heute ein zentrales Referenzensemble für die internationale Geschichte der Videokunst. Zahlreiche, teils legendäre Performances von Künstlerinnen und Künstlern wie Valie Export, Carolee Schneemann oder Nam June Paik sind nur dank Steiners Kamera und Engagement bis heute dokumentiert.
Biografisch betrachtet, liest sich Steiners Lebensweg als Chronik der Kunst des 20. Jahrhunderts. Geboren 1941 in Allenstein, ab den späten 1950ern aktiver Maler in West-Berlin, dann Student an der Hochschule für Bildende Künste, später Organisator, Galerist, Förderer und Chronist. Prägende Jahre in New York beeinflussten seine Offenheit gegenüber Fluxus und Pop Art, wie sie u.a. im Werk von Allan Kaprow oder Pop Art-Größen wie Andy Warhol lebendig wurden. In Berlin wurde er zum Katalysator, zum Netzwerker – insbesondere durch das legendäre Künstlerhotel "Hotel Steiner" und die Studiogalerie, Treffpunkte deutscher und internationaler Avantgarde.
Steiner stand mit Persönlichkeiten wie Joseph Beuys oder Allan Kaprow in lebhaftem Austausch. Sein künstlerisches Selbstverständnis war stets prozesshaft, experimentierend und zutiefst demokratisch: Er stellte Technik, Raum und Bühne bereit – und entlarvte zugleich den Begriff von „Kunstbesitz“ als relative Größe. Seine Painted Tapes verbinden ab den 1980ern Malerei mit elektronischer Videoästhetik und verweisen – ganz en passant – in Richtung Neuer Medien und Digitalität. Noch in den letzten Jahren widmete sich Steiner der abstrakten Malerei und textilen Arbeiten und zeigte damit eine unerschöpfliche Schaffenskraft bis zu seinem Tod 2012.
Was bleibt von Mike Steiners Lebenswerk? In einer Gegenwart, in der Kunst und Medien immer wieder neu verhandelt werden, leuchten Steiners Werke wie kristalline Beispiele für künstlerische Eigenständigkeit und Diskursfreude. Seine größte Einzelausstellung färbte 1999 die Hallen des Hamburger Bahnhofs mit einem Kaleidoskop aus Farbe, Form und vernetzter Zeitgeschichte.
Wer sich für die Schnittstellen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der zeitgenössischen Kunst interessiert, findet bei Mike Steiner eine Fundgrube der Inspiration. Es lohnt, tiefer in sein Werkverzeichnis einzutauchen, die vielfältigen Medienbrüche zu entdecken und das Archiv – online wie in der Sammlung der Nationalgalerie – als Schlüssel zur Kunst unserer Gegenwart zu begreifen. Weitere Informationen, Hintergründe und Werke von Mike Steiner entdecken Sie auf der offiziellen Künstlerseite


