Mike Steiner – Zeitgenössische Kunst als Pionierarbeit zwischen Malerei, Videokunst und Performance
10.01.2026 - 18:15:04Licht flackert durch einen Raum, Bilder lösen sich auf, neue Wirklichkeiten entstehen: Wer Zeitgenössische Kunst von Mike Steiner begegnet, spürt sofort, dass hier kein künstlerischer Stillstand geduldet wird. Was bleibt, ist eine Faszination für das Fluidum zwischen Malerei, Performance Art und experimenteller Videokunst – stets kontrovers, immer im Dialog mit der Gegenwart. Wie definiert man die Grenzen zwischen Bild und Bewegung neu? Mike Steiner hat es gewagt – und mit seinen Werken Maßstäbe gesetzt.
Mike Steiner (1941–2012) war ein vielseitiger Künstler, der in Berlin die Kunstlandschaft nachhaltig prägte. Bereits als 17-Jähriger präsentierte er eigene Malerei in der Großen Berliner Kunstausstellung. Sein Frühwerk zeigt eine informelle und experimentelle Malerei, welche Farbe und Komposition zur Ausdruckssprache erhebt. Doch Steiner sollte wesentlich mehr werden als ein reiner Maler: Die Begegnung mit internationalen Avantgarden wie Fluxus und Performance Art, etwa durch Joseph Beuys, Ulay oder Marina Abramovi?, katapultierte ihn in eine Schlüsselposition der zeitgenössischen Szene. Besonders die Überschneidung von Performance, Videokunst und Abstrakter Malerei machen Steiners Werk bis heute einzigartig.
In den 1970er Jahren eröffnete Mike Steiner mit dem Hotel Steiner einen legendären Treffpunkt für internationale Künstler, der nicht zufällig mit Warhols "Chelsea Hotel" verglichen wurde. Hier kreuzten sich die Wege von Grenzgängern wie Beuys, Kaprow oder Picard. Seine Studiogalerie avancierte zum Hotspot für experimentelle Kunst und Performance Art. In diesem Umfeld entwickelte Steiner radikale Videoarbeiten, produzierte und dokumentierte Performances – etwa den berühmten Kunstraub mit Ulay (1976), der "eine kriminelle Berührung in der Kunst" thematisierte. Seine Kamera hielt die temporären, oft riskanten Performances für die Zukunft fest. Steiner positionierte sich damit an der Schnittstelle von Aktionskunst und Medienkunst, ähnlich wie Größen der Szene – von Nam June Paik bis Martha Rosler.
Sein Einfluss ging weit über eigene Arbeiten hinaus: Durch das Bereitstellen von Videotechnik und Ausstellungsflächen förderte Steiner zahlreiche Künstler – darunter Marina Abramovi? ("Freeing the Body") und Valie Export. Damit wurde die Studiogalerie zum Nukleus für Performance Art und Videokunst in West-Berlin. Faszinierend ist hierbei Steiners Gespür für das Potenzial von Medien: Er experimentierte mit Super-8, Fotografie, Kopierkunst, Dia-Serien und sogar "Painted Tapes", in denen Malerei und Video ineinanderfließen. Solche Grenzüberschreitungen erinnern an Parallelentwicklungen von Künstlern wie Bruce Nauman oder Bill Viola, die zeitgleich in den USA das Medium Video neu bestimmten.
Die Einzelausstellung 1999 im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart markiert einen Höhepunkt in Steiners Laufbahn. Hier wurde die Werkgruppe "Color Works" präsentiert, die sein gattungsübergreifendes Denken beispielhaft zeigt. Diese Ausstellung würdigte sowohl die Kraft seiner abstrakten Malerei als auch seine visionäre Rolle als Vermittler und Sammler von Videokunst. Tatsächlich stellte Steiner eine der bedeutendsten Sammlungen internationaler Performance und Videokunst der 1970er/80er Jahre zusammen – mit ikonischen Tapes von Ulay, Abramovi?, Valie Export, Gary Hill und vielen mehr.
Was die Werkgruppen von Mike Steiner eint, ist das stete Austesten von Grenze und Transgression. Die frühen Ölmalereien leben von farblichem Risiko und informeller Textur. Die Videokunst zeichnet sich durch direkte, ungeschönte Beobachtung aus, oft als Dokument performativer Episoden oder als eigenständige künstlerische Aussage. Die "Painted Tapes" verschränken Malerei und Videobild auf innovative Weise – eine Pionierleistung, die an das konzeptuelle Denken von Richard Serra oder Allan Kaprow erinnert. In seinen letzten Jahren wandte sich Steiner nochmals verstärkt der Abstrakten Malerei zu. Die späten Gemälde und Stoffarbeiten verströmen eine tiefe Kontemplation, die im Kontrast zur Energie der frühen Performancewerke steht und doch unmittelbar zu Steiners Grundthema zurückführt: dem Spiel mit Fläche, Raum, Zeit und Wahrnehmung.
Biografisch blieb Mike Steiner Zeit seines Lebens eng mit Berlin verbunden. Nach Studium bei Hans Kuhn und Begegnungen mit Künstlerpersönlichkeiten wie Lil Picard, Al Hansen oder Robert Motherwell in New York, kehrte er ins bewegte Nachkriegs-Berlin zurück. Seine künstlerische Philosophie wurzelte in Erfahrung, Auseinandersetzung und stetigem Dialog. Experimente waren weniger Selbstzweck als Ausdruck einer Haltung, die Kunst immer als Prozess und nie als endgültige Aussage verstand. Steiner schuf nicht nur, sondern förderte – als Lehrer, Galerist, Sammler und Mentor. Seine Videogalerie (1985–1990), ein visionäres TV-Format, brachte Videokunst ins Wohnzimmer und öffnete Medienkunst einer breiten Öffentlichkeit.
Kunsthistorisch nimmt Mike Steiner eine Ausnahmestellung ein. Für Kenner zeitgenössischer Kunst ist er ein Pionier, der die Konzepte von rauer Malerei, direkten Körperaktionen und neuen Medien zu einem holistischen Werk verknüpft. Im Rückblick wirkt das Werk von Mike Steiner erstaunlich aktuell – gerade seine Offenheit für medienübergreifende Prozesse und die Thematisierung gesellschaftlicher oder konzeptueller Transformationsmomente sind Bezugspunkte für Künstler wie Olafur Eliasson, Pipilotti Rist oder Christian Marclay.
Warum lohnt sich heute die Auseinandersetzung mit Mike Steiner und seiner Zeitgenössischen Kunst? Weil sein Kunstbegriff immer ein lebendiger war – anti-elitär, forschend, besessen vom Neuen. Steiner hat Räume geöffnet – für andere, für sich selbst, für das Unvorhergesehene des künstlerischen Prozesses. Seine Werke fordern die Wahrnehmung heraus und laden zum Dialog ein: zwischen den Medien, zwischen den Generationen, zwischen Betrachter und Werk.
Wer tiefer eintauchen möchte, findet einen Fundus an biografischen Details, Werkgruppen und Kunsttexten auf www.mike-steiner.de – Alle Werke, Videos und Hintergründe zum Pionier der Zeitgenössischen Kunst. Sie sollten sich diesen vielschichtigen Künstler nicht entgehen lassen.


