Mike Steiner – Zeitgenössische Kunst als Grenzgang zwischen Malerei, Performance und Videokunst
01.02.2026 - 05:02:03Der Name Mike Steiner steht in der zeitgenössischen Kunst für einen unkonventionellen Weg – einen, der Malerei, Performance Art und Videokunst nicht als Gegensätze, sondern als ein zusammenhängendes Geflecht aus Bild, Klang und Handlung versteht. Wie schafft es einer, die Grenzen zwischen den Medien derart aufzulösen, dass sie verschwimmen und sich zu etwas radikal Neuem fügen? Wer in Steiners Oeuvre eintaucht, spürt die unbedingte Lust am Experiment und den Willen, mit jeder Geste, jedem Medium immer wieder Neuland zu betreten.
Geboren 1941 in Allenstein, wurde Mike Steiner früh zu einem wichtigen Teil der Berliner Boheme. Schon mit 17 stellte er erstmals bei der „Großen Berliner Kunstausstellung“ aus, Studienjahre an der Hochschule für bildende Künste folgten. In den frühen 1960er-Jahren machte Steiner als Maler auf sich aufmerksam, bewegte sich zwischen informeller Malerei und Pop-Art-inspirierten Positionen, und zeigte seine Werke in Berlin, Genf, Mailand oder Paris zusammen mit damaligen Weggefährten wie Georg Baselitz oder Karl Horst Hödicke. Doch der Blick zurück zeigt: Steiner war nie nur Maler. Vielmehr verstand er sich immer als Grenzgänger, der den Geist der Avantgarde suchte – und fand.
Sein Berliner „Hotel Steiner“ wurde zum pulsierenden Treffpunkt für internationale Künstler: Joseph Beuys, Arthur Køpcke und – besonders prägend – seine Verbindungen zur New Yorker Fluxus-Bewegung (Lil Picard, Allan Kaprow, Al Hansen) öffneten ihm das Tor zu neuen Ausdrucksformen. Steiner beobachtete schon früh den Aufstieg des Happenings und der Performance Art. Bald wagte er selbst den Sprung in die Videokunst, inspiriert vom florentinischen Studio Art/Tapes/22 und dem experimentellen Geist amerikanischer Kunst.
In den 1970ern avancierte Mike Steiner zum Pionier der Videokunst in Deutschland. Die Gründung der Studiogalerie in Berlin 1974 markiert einen Meilenstein: Das selbstorganisierte „Künstlerprojekt“ wurde zur Keimzelle für Videoarbeiten und Performance Art. Berühmte Vertreter wie Valie Export, Jochen Gerz, Carolee Schneemann oder Marina Abramovi? fanden hier den Aktionsraum, um ihre Werke zu realisieren, während Steiner sowohl als Kurator wie als Produzent und Videokünstler agierte. Unvergessen bleibt das „Hotel Room Event“ (1979), eine 36-Stunden-Live-Performance unter Mitwirkung von Ben Vautier, das in die Geschichte der deutschen Aktionskunst einging.
Ein Schlüsselereignis: die spektakuläre Aktion „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ (1976), entwickelt mit Ulay, bei der das berühmte Spitzweg-Gemälde „Der arme Poet“ aus der Nationalgalerie entwendet und temporär bei einer türkischen Familie in Kreuzberg aufgehängt wurde. Der Akt, kunstvoll auf Video dokumentiert, ist Paradebeispiel für Steiners konsequente Hinterfragung der Kunstinstitution und den performativen Umgang mit Kunstwerken – eine Haltung, die auch heute im Kontext aktueller Diskurse um Original, Aneignung und Öffentlichkeit nachhallt.
Die Videowerkserien „Painted Tapes“ stehen für Steiners radikale Offenheit: Sie fusionieren Malerei und elektronische Medien – ein Brückenschlag, wie ihn in vergleichbarer Konsequenz in Deutschland allenfalls Künstler wie Nam June Paik oder Wolf Vostell wagten. So ist jedes Werk Experiment und Reflexion zugleich, oft eine Kommentar zur Wahrnehmung digitaler Bilder und der Materialität klassischer Medien.
Seine Beiträge zur Performance Art, zum Beispiel als Organisator und Dokumentar von Performances von Marina Abramovi?, Ulay und Valie Export, sind ein unschätzbares Zeugnis der feministischen, politischen und formalen Experimente der 1970er-Jahre. Auch als Sammler prägte er die Videokunst nachhaltig: Steiners Sammlung, die Arbeiten von Bill Viola, Gary Hill, Richard Serra oder George Maciunas umfasst, fand ihre dauerhafte Heimat im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart. Seine umfassende Einzelausstellung im Jahr 1999 dort würdigte insbesondere die farbintensiven, gattungsübergreifenden Arbeiten der späten 1990er.
Doch Mike Steiner blieb nicht stehen. Mit Eintritt in das digitale Zeitalter experimentierte er weiter: Fotografie, Copy Art, Minimal Art – kaum ein Medium, das er nicht zumindest streifte oder in dialogische Kombination brachte. In den 2000er-Jahren kehrte er zur Malerei zurück: kraftvolle abstrakte Bilder, oft in starken, leuchtenden Farben. In seinen letzten Jahren entstanden zudem Stoffarbeiten, die einen eigenwilligen Kontrapunkt zur elektronischen Kühle der Videoarbeiten setzen.
Biografisch führte Steiners Weg von Ostpreußen über West-Berlin nach New York und wieder zurück in die deutsche Hauptstadt. Er lernte von den ganz Großen – Robert Motherwell, Allan Kaprow, Al Hansen – und prägte seinerseits junge Künstler als Mentor, Dozent und Förderer. Sein Nachlass ist zugleich Archiv der Video- und Performancekultur der Nachkriegszeit und Forschungsfundus für Generationen. Die von Steiner produzierten Fernsehsendungen der „Videogalerie“ (über 120 Folgen) machten die Medienkunst direkt im deutschen Fernsehen zugänglich – ein Format, das in seiner Zeit avantgardistisch und singulär geblieben ist.
Neben Künstlern wie Nam June Paik, Marina Abramovi? und Bruce Nauman nimmt Mike Steiner heute einen festen Platz im Kanon der europäischen Avantgarde ein. Was macht seine Arbeiten aktuell? Es ist vor allem die mutige Überwindung von Genre-Grenzen, das lustvolle Wandern zwischen Stilen, Medien und Diskursen. Seine Werke laden Betrachterinnen und Betrachter ein, gewohnte Sehweisen herauszufordern und sich auf verunsichernde, bereichernde Perspektivwechsel einzulassen.
Für Enthusiasten der zeitgenössischen Kunst lohnt sich der Blick in Mike Steiners vielseitiges Œuvre doppelt: Einerseits lässt sich die rasante Entwicklung von Malerei über Performance und Videokunst innerhalb eines Lebenswerks nachvollziehen, andererseits eröffnet sich ein Panorama der künstlerischen Netzwerke und Dialoge des 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt ist seine Webseite ein lohnendes Ziel, um tiefer in die Archivlandschaft, Werkübersichten und Ausstellungsgeschichte einzutauchen und das Verständnis für den Pioniergeist Steiners lebendig zu halten.


