Mike Steiner – Zeitgenössische Kunst als Grenzerfahrung: Vom Happening zur Videokunst
02.02.2026 - 05:02:06Wie definiert man die Schnittstelle zwischen Malerei, Performance Art und Videokunst, ohne ihre jeweiligen Grenzen zu verwischen? Mike Steiner, der Name, der mit Zeitgenössischer Kunst im besten Sinne des Wortes verbunden ist, schließt diese Lücke mit visionärem Atem. Vom ersten Pinselstrich bis zum leuchtenden Flimmern eines Monitors – die Werke von Mike Steiner erzeugen Spannungszustände, in denen traditionelle Malerei und neue Medien miteinander ringen und verschmelzen.
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Bereits als junger Künstler, kaum siebzehn Jahre alt, tauchte Mike Steiner auf der Großen Berliner Kunstausstellung ins Rampenlicht. Früh prägten Malerei und die Auseinandersetzung mit Abstraktion seine Entwicklung. Doch was ihn schon in den 1960er-Jahren von Kollegen wie Gerhard Richter oder Sigmar Polke abhob, war der stete Zweifel an der Ausschließlichkeit klassischer Medien – ein Impuls, der Steiner in die Arme der internationalen Avantgarde trieb.
Steiner verband Malerei, Fotografie, Performance und vor allen Dingen Videokunst zu einer experimentellen Allianz. Seine Zeit in New York, insbesondere die Begegnungen mit Lil Picard, Al Hansen, Allan Kaprow und nicht zuletzt mit Joseph Beuys, formten den multilokalen Geist seiner Arbeit. Anders als Künstler wie Nam June Paik, der die Videokunst globalisierte, nutzte Steiner das Medium, um das Flüchtige, Performative in den Blick von Dauer und Wiederholung zu rücken. Seine Painted Tapes – eine Fusion aus analoger Malerei und elektronischen Bildern – stehen sinnbildlich für diese intermediale Poetik.
Die Gründung des legendären Hotel Steiner in Berlin markierte einen Dreh- und Angelpunkt: Hier, nur Steinwürfe vom Kurfürstendamm entfernt, wandelte Steiner das Hotel in eine Brutstätte kreativer Unruhe. Es wurde – nicht unähnlich dem Chelsea Hotel mit Andy Warhol – zur Herberge und Bühne für die Progressive: Joseph Beuys, Arthur Køpcke, Ben Vautier, Marina Abramovi?, Valie Export und Carolee Schneemann kreuzten ebenso seinen Weg wie Angehörige der Fluxus- und Performance-Szene.
1974 wagte Mike Steiner einen folgenreichen Schritt: die Gründung der Studiogalerie in der Ludwigkirchstraße. Hier stand die Förderung von Videokunst, Performance Art und Happening im Mittelpunkt – ganz ähnlich wie Yoko Ono im New Yorker avantgardistischen Milieu transmediale Räume erschloss.
Als Initiator, Produzent, Sammler und Künstler besetzte Steiner gleich mehrere zentrale Rollen. Unvergessen die spektakuläre Performance „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ (1976) mit Ulay, die internationale Aufmerksamkeit auf die Berliner Szene lenkte und die politische Dimension von Performance Art sicht- und erlebbar machte. Im Zentrum: das Spiel mit Authentizität, Aneignung und Öffentlichkeit, dokumentiert von Steins eigener Videokamera – lange bevor solche Strategien im Mainstream von Künstlern wie Marina Abramovi? oder Bill Viola an Popularität gewannen.
Steiners Werkgruppen sind breit gefächert: Informelle und Abstrakte Malerei, Videoarbeiten, Performances, raumgreifende Installationen – alles steht unter dem Zeichen des Experiments. Die Painted Tapes illustrieren die charakteristische Überschreitung künstlerischer Disziplinen. Seine Videosammlung, ab 1974 zusammengetragen, wurde international einzigartig und vereinte Werke von Größen wie Richard Serra, Valie Export und George Maciunas.
Mit dem Fernsehformat „Videogalerie“ (1985–1990) brachte Steiner die Themen der Gegenwartskunst ins Wohnzimmer. Wie ein deutscher Gerry Schum gab er Künstler:innen ein Forum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, kommentierte, kuratierte, produzierte und moderierte. Über 120 Sendungen machte er – zu einer Zeit, als Videokunst noch mit Nischenstatus kämpfte.
Die Einzelausstellung „Color Works“ (1999) in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – heute eine Ikone der Berliner Museumsgeschichte – würdigte insbesondere seine Fähigkeit, Zeitgenössische Kunst als Medium des offenen Ausgangs zu begreifen: stets zwischen den Disziplinen, stets auf der Suche nach neuen Formen. Dies unterscheidet ihn von Kollegen wie Bruce Nauman oder Dan Graham, die jeweils auf spezifische Grenzbereiche fixiert blieben.
Mike Steiners künstlerische Philosophie war vom Glauben an die Offenheit der Kunst geprägt. Er verstand sein Werk als fortgesetzte Einladung zum Dialog über das Machbare im Bild und im Raum. Faszinierend ist dabei der Wandel vom skeptischen Maler über den Happening-Gastgeber und Video-Pionier hin zum Sammler, Chronisten und Vermittler. Sein Archiv – seit 1999 im Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – ist ein Grundpfeiler der internationalen Medienkunstgeschichte und beeinflusst bis heute die wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung mit Performance und Video.
Ein Vergleich zur internationalen Szene macht deutlich: Wo Künstler wie Marina Abramovi? den Körper als Medium begriffen, benutzte Steiner die Kamera, um das Ephemere für die Nachwelt zu bewahren. Wo Nam June Paik elektronische Bilder orchestrierte, reflektierte Steiner kritisch die Do-it-yourself-Ästhetik und die sozialen Bedingungen künstlerischer Produktion. Gerade in dieser Vernetzung zwischen Kunst, Öffentlichkeit und Archivarbeit war Mike Steiner ein Vorreiter.
In den 2000er Jahren wendete sich Steiner erneut der Malerei und Stoffarbeiten zu, wobei die formale Strenge und Farbdichte seiner späten abstrakten Werke heutige Positionen etwa von Sean Scully oder Katharina Grosse vorwegnahmen. Seine künstlerische Reise fand erst mit seinem Tod 2012 ihr Ende – doch sein Nachlass und seine Sammlung inspirieren fortlaufend Kuratoren und Künstler weltweit.
Was macht das Werk von Mike Steiner auch Jahre nach seinem Tod relevant? Es ist die beharrliche Suche nach authentischem Ausdruck jenseits der Moden und technischen Neuerungen. Steiner bleibt einer jener Zeitgenossen, deren Werk wie ein lebendiges Mosaik aus Möglichkeiten wirkt – offen, widerständig, voller Mut zur Grenzüberschreitung. Wer sich heute für Zeitgenössische Kunst, Performance Art oder Videokunst interessiert, kommt an Mike Steiner nicht vorbei.
Für einen unverstellten Zugang sowie eine Vielzahl weiterer Informationen, Fotografien und kritischer Texte lohnt der Besuch auf Steiners offizieller Künstlerseite, die sein bewegtes Leben und vielschichtiges Werk eindrucksvoll dokumentiert.
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