Mike Steiner und die Kraft der Zeitgenössischen Kunst: Von Malerei zu Videokunst
05.01.2026 - 18:15:02In der Welt der Zeitgenössischen Kunst gibt es Persönlichkeiten, die das Terrain nicht nur betreten, sondern es nachhaltig prägen. Mike Steiner – Maler, Pionier der Videokunst, Galerist und Sammler – zählt zweifelsohne dazu. Was macht seine Kunst, seine Haltung und sein Lebenswerk so einzigartig? Wie verschieben sich unter seinen Händen die Grenzen zwischen Malerei, Performance Art und Videokunst immer wieder neu?
Schon als Schüler verspürte Mike Steiner eine große Faszination für das bewegte Bild und die Malerei. In den späten Fünfzigern debütierte er mit nur 17 Jahren auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Es war der Auftakt eines außergewöhnlichen künstlerischen Werdegangs, der Steiner bald in die Avantgardehauptstadt New York trieb – in Ateliers von Größen wie Robert Motherwell und mitten hinein in die brodelnde Szene zwischen Fluxus, Happening und Pop Art. Experten vergleichen seine offene Experimentierfreude dabei häufig mit Protagonisten wie Nam June Paik oder Joseph Beuys.
Zunächst war es jedoch die Malerei, die – noch beeinflusst von Informel und Pop Art – den Mittelpunkt seines Schaffens bildete. Doch während seines New Yorker Aufenthalts und durch Begegnungen mit Pionieren wie Allan Kaprow und Al Hansen begann sich sein Blick zu weiten. Der Zweifel wuchs: Genügte die klassische Malerei noch, um Gegenwart zu spiegeln? Steiner fühlte sich von der Videokunst und ihren performativen Potenzialen magisch angezogen.
Zurück in Berlin avancierte Mike Steiner rasch zur zentralen Figur der zeitgenössischen Kunstszene. Das 1970 eröffnete Hotel Steiner wurde zu einem Knotenpunkt für internationale Künstler, ähnlich wie das Chelsea Hotel in New York. Joseph Beuys, Valie Export, Marina Abramovic oder Ben Vautier waren regelmäßig Gäste. Steiner war nicht nur Gastgeber, sondern Ermöglicher und Motor zahlreicher Fluxus-Kunstereignisse und Performances. Die Eröffnung seiner Studiogalerie 1974 bedeutete eine Zäsur für die Berliner Kunstwelt. Hier förderte er explizit die damals neue Performance Art, stellte Technik zur Verfügung und organisierte die ersten professionellen Videodokumentationen – ein Novum, das der aufkommenden Videokunst eine bleibende Plattform verschaffte.
Meilensteine wie die inszenierte 'Kunstraub'-Performance Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst (1976) mit Ulay, gefilmt von Steiner, schrieben Kunstgeschichte. Die Galerie wurde zum Aktionsraum für bahnbrechende Künstlerinnen wie Valie Export und Carolee Schneemann. Die so entstandenen Videoarbeiten gingen später in Steiners herausragende Sammlung über – einer der weltweit frühesten und wichtigsten Bestände von Performance und Videokunst, vergleichbar mit Sammlungen von Pionieren wie Gerry Schum oder der Kunststiftung NRW.
Doch Mike Steiner ruhte sich nie auf Erfolgen aus. Ab den 1980er Jahren experimentierte er mit Fotozyklen, Installationen, Copy Art und schuf die berühmten Painted Tapes – Videos, die mit malerischen Elementen verwoben werden. Bei diesen Werken überschritt Steiner konsequent Genre-Grenzen und stellte mediale Konventionen auf die Probe. Es ist gerade diese Lust am Grenzgang – das Suchen, Forschen, Anecken – die seine Kunst so lebendig macht. Inspirationen holte er sich von Reisen in die USA, nach Ägypten oder Australien. Künstler wie Gary Hill, Bill Viola oder Marina Abramovi? schätzten den intellektuellen Austausch mit ihm.
Sein mediales TV-Format Die Videogalerie (1985–1990) brachte das Thema Videokunst erstmals regelmäßig ins deutsche Fernsehen. Über 120 Sendungen, teils live moderiert, führten nicht nur Steiner selbst, sondern auch internationale Künstler einem breiten Publikum vor. Damit schuf er, ähnlich wie Gerry Schum oder Ed Video in Kanada, ein nachhaltiges Modell der Kunstvermittlung.
1999 erlebte Mike Steiner mit der großangelegten Einzelausstellung im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart – einen künstlerischen Höhepunkt. Die Ausstellung 'Color Works' würdigte sein innovatives, oft farbstarkes Oeuvre und die Pionierleistung für die Videokunst. Im selben Haus befindet sich heute Steiners legendäre Videosammlung, die zentrale Werke von Namen wie Ulay, Valie Export, Richard Serra oder Nam June Paik beheimatet – ein Schatz mit hoher Relevanz für die internationale Kunstgeschichte.
Vergleicht man das Werk von Mike Steiner mit anderen Vertretern der zeitgenössischen Kunst wie Nam June Paik, Wolf Vostell oder Joan Jonas, so fällt auf: Während Paik oft das Spielerische und das Bild-Rätselhafte hervorhob, griff Steiner noch konsequenter in das gesellschaftliche Moment der Kunst ein. Seine Auseinandersetzung mit Zeit, Raum und Identität – sichtbar in Experimenten mit Installationen und Malerei bis zu vielschichtigen Mixed-Media-Arbeiten – verbindet ihn mit anderen Grenzgängern wie Marina Abramovi?.
In den letzten Jahren seines Schaffens wandte sich Mike Steiner erneut intensiv der Abstrakten Malerei zu. Seine Bilderserien spielen mit Fläche, Farbe und Materialität – poetische Meditationen, die Raum für Interpretation lassen. Stoffarbeiten markieren das Spätwerk und zeigen, wie Steiner bis zum Schluss neue Ausdrucksformen suchte. Kenner schätzen insbesondere sein konsequentes intermediales Denken, das von Beginn an sämtliche Werkgruppen miteinander in Dialog setzt.
Biografisch war Steiner nie der reine Einzelgänger, sondern stets Netzwerkwerker und Förderer unabhängiger Kunstformen. Früh trieb ihn die Suche nach künstlerischer Autonomie – dokumentiert nicht zuletzt in zahllosen Katalogen, Texten und seinem herausragenden Archiv. Die aktive Sammlung und Vermittlung von Videokunst verdanken ihm heutige Museen wie das Berliner Hamburger Bahnhof, zahlreiche Künstler und nicht zuletzt das kunstinteressierte Publikum von morgen.
Faszinierend ist hierbei: Steiners Werk bleibt in all seinen Facetten offen für neue Entdeckungen. Selbst seine viel beachtete Ausstellung 'Live to Tape' 2011/12 zeigte nur einen Ausschnitt. Die Gesamtbedeutung seines Archivs und Nachlasses ist noch längst nicht vollständig erschlossen. Wer tiefer eintauchen möchte, dem sei die intensive Recherche auf der offiziellen Mike Steiner Webseite empfohlen.
Was macht also die Bedeutung von Mike Steiner heute aus? Seine Rolle als Brückenbauer zwischen Disziplinen, seine Experimentierfreude und die konsequente Öffnung etablierter Kunstbegriffe haben die Zeitgenössische Kunst nachhaltig befruchtet. Die Auseinandersetzung mit seinem Werk führt immer wieder zurück zur gesellschaftlichen Relevanz und zur Frage: Wie künstlerisch neu denken, wenn das Alte noch nachwirkt? Bleibt neugierig – ein Blick auf Mike Steiner lohnt sich auch für kommende Generationen.


