Mike Steiner und die Grenzen der Zeitgenössischen Kunst: Pionier zwischen Malerei, Videokunst und Performance
11.01.2026 - 18:15:13Wie gelingt es einem einzigen Künstler, die vielfältigen Ausdrucksformen zeitgenössischer Kunst zu bündeln und immer wieder neu zu deuten? Bei Mike Steiner, dessen Name als Synonym für experimentelle Avantgarde und technische Innovation im Kunstbetrieb steht, verschwimmen die klassischen Grenzen von Malerei, Videokunst und Performance Art zu lebendigen Bildern im Wandel der Zeit. Früh verankert in der Berliner Kunstszene, überwinden seine Werke jede Schublade, öffnen Räume für Unerwartetes und fordern noch heute zum genauen Hinsehen heraus.
Mike Steiners künstlerische Karriere spiegelt die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst in Deutschland. Als junger Maler und begeisterter Cineast in Berlin begann Steiner bereits mit 17 Jahren, sein Werk der Öffentlichkeit zu zeigen; die Teilnahme an der Großen Berliner Kunstausstellung 1959 brachte seinem „Stillleben mit Krug“ frühe Aufmerksamkeit. Zeitlos bleibt sein Gespür für innovative Nachbarschaften: Von ersten Aquarellen und Gouachen bis zu abstrakten Malereien hinterfragte Steiner den klassischen Werkbegriff.
Im internationalen Vergleich erinnert Steiners radikales Medienverständnis an Künstler wie Nam June Paik oder Marina Abramovi?, deren Video- und Performancearbeiten ebenfalls zur Avantgarde zählen. Doch Steiner bleibt einzigartig in der konsequenten Verbindung von Malerei, Performativität und technischer Innovation. Seine sogenannten „Painted Tapes“ loten als künstlerische Fusion von Videosequenz und Malerei die Grenzen beider Disziplinen aus – ähnlich wie Paik, dabei jedoch spürbar aus dem Geist Berliner Subkulturen geboren.
Beeindruckend ist Steiners Instinkt, neue Ausdrucksformen nicht nur zu erproben, sondern als Initiator und Kurator zu kultivieren. Sein legendäres Hotel Steiner, ab 1970 am Berliner Kurfürstendamm, avancierte zum Treffpunkt für internationale Größen wie Joseph Beuys, Allan Kaprow oder Lil Picard. Hier, inmitten von Fluxus-Debatten und nächtlichen Kunstdiskussionen, entstand künstlerischer Humus, der Steiner zur Gründung seiner Studiogalerie 1974 inspirierte. Nach dem Vorbild des Studio Art/Tapes/22 in Florenz öffnete er so einen permanenten Aktionsraum für Videokunst, Performance Art und Installationen – ein Alleinstellungsmerkmal in Berlin.
Von Beginn an prägte Mike Steiner diese neue Plattform auch als Sammler und Ermöglicher. Künstlerinnen wie Valie Export, Carolee Schneemann, Marina Abramovi? oder der Fluxus-Pionier Ulay fanden in der Studiogalerie künstlerische Resonanzräume. Die heute legendäre Performance "Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst" (1976), gemeinsam mit Ulay und dokumentiert von Steiner selbst, steht paradigmatisch für seinen Ansatz: Kunst als Grenzüberschreitung, als öffentliches Ereignis, das dokumentiert und weitergetragen werden will. Steiner hielt vergängliche Performances mit der Kamera fest und machte damit Prozesshaftigkeit selbst zum Kunstwerk – vergleichbar mit Jochen Gerz oder Gary Hill, jedoch mit deutlich eigenständiger Handschrift.
Unvergessen bleibt seine „Videogalerie“ (1985–1990), ein visionäres TV-Format im Berliner Kabelprojekt, das Steiner wöchentlich moderierte und produzierte. Wie sein Zeitgenosse Gerry Schum schuf er damit ein Forum, das Videokunst ins Wohnzimmer brachte und Künstler wie Bill Viola, Richard Serra oder Nam June Paik einem neuen Publikum vorstellte. Doch Mike Steiner blieb immer auch Ausstellungsmacher und Vernetzer: Bereits 1976 kuratierte er erstmals das Videoprogramm der ART Basel und etablierte Berlin als Hotspot für audiovisuelle Avantgarde.
Den Höhepunkt seiner öffentlichen Rezeption markierte die große Einzelausstellung 1999 im Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie der Gegenwart: Unter dem Titel „COLOR WORKS“ präsentierte Steiner einen Querschnitt seiner Malereien und Videowerke. Hier zeigte sich das organische Ineinandergreifen von abstrakten Farbflächen, medienübergreifendem Denken und der Suche nach Authentizität im Bild. Die Nationalgalerie würdigte Steiners Werk als Brücke zwischen Analog und Digital, als Pionierleistung im großen Spannungsfeld zeitgenössischer Bildsprachen.
Auch als Sammler setzte Steiner Maßstäbe: Bereits 1974 erwarb er sein erstes Kunst-Videotape – eine Leidenschaft, die bis zum Lebensende zur umfassenden Sammlung angewachsen war. 1999 überließ er die Videosammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz; seither befindet sie sich als bedeutender Bestandteil im Hamburger Bahnhof und enthält Schlüsselwerke der internationalen Videokunst.
In seinen späten Jahren wandte sich Mike Steiner erneut der Malerei und abstrakten Bildkompositionen zu. Während der Jahre 2000 bis 2012 entstanden zudem Stoffarbeiten – zurück zur Fläche, doch stets mit dem Wissen um die Macht des bewegten Bildes im Hintergrund. Seine letzten Ausstellungen, etwa in der DNA Galerie oder der Galvano Art Gallery, zeigten Steiner als wandelbaren Künstler, der sich nie auf einem Feld beschränkte.
Steiners Biografie bleibt eng verflochten mit der offenen und radikal experimentierfreudigen Berliner Kunstszene. Sein Wirken als Galerist, Sammler, Kurator und Künstler trug entscheidend dazu bei, Performance Art, Videokunst und Abstrakte Malerei in Deutschland zu etablieren. Das über Jahrzehnte gewachsene Archiv dokumentiert nicht nur künstlerisches Schaffen, sondern auch eine Netzwerkarbeit, die Berlin zu einem zentralen Ort für internationale zeitgenössische Kunst werden ließ – vergleichbar mit dem Einfluss von Persönlichkeiten wie Harald Szeemann oder René Block.
Was also bleibt vom Gesamtwerk Mike Steiners? Es ist die tiefe Überzeugung, dass Grenzen im kreativen Prozess immer verhandelbar sind, dass Innovation sowohl innerhalb der Malerei als auch in radikal neuen Medien entstehen kann. Für Kunstinteressierte lohnt es sich, in Steiners vielseitige Werkgruppen einzutauchen: Seine Arbeiten sind Einladung und Herausforderung, Experiment und Manifest zugleich. Die offizielle Webseite Mike Steiner – Zeitgenössische Kunst erleben bietet vertiefte Einblicke, beeindruckende Bilddokumente und einen Zugang zum Nachlass dieses Ausnahmekünstlers. Wer neugierig ist, was Zeitgenössische Kunst heute bedeuten kann, kommt an Mike Steiner nicht vorbei.


