Mercedes-Benz stoppt hochautomatisiertes Fahren
18.01.2026 - 23:12:12Mercedes-Benz setzt die Auslieferung seines autonomen Fahrsystems Drive Pilot aus. Der Schritt markiert eine strategische Wende für die gesamte Branche und bedeutet das vorläufige Aus für das erste zertifizierte Level-3-System in den USA und Europa. Stattdessen konzentriert sich der Stuttgarter Autobauer nun auf die Weiterentwicklung praktischerer Assistenzsysteme.
Die Entscheidung fällt zeitgleich mit dem bevorstehenden Facelift der S-Klasse, die künftig nicht mehr mit der hochautomatisierten Drive-Pilot-Option erhältlich sein wird. Der Rückzug von der „Augen-von-der-Straße“-Autonomie spiegelt eine ernüchternde Marktrealität wider: Geringe Kundennachfrage, hohe Kosten und ein extrem eingeschränkter Einsatzbereich machten das System für die breite Masse unattraktiv.
Drive Pilot hatte für Schlagzeilen gesorgt, als es als erstes Level-3-System die Zulassung für deutsche Autobahnen und später für die US-Bundesstaaten Kalifornien und Nevada erhielt. Es stellte einen Quantensprung gegenüber gängigen Level-2-Systemen wie Teslas Autopilot dar. Bei aktiviertem Drive Pilot übernahm das Fahrzeug die volle Verantwortung – der Fahrer durfte legal die Hände vom Lenker nehmen und sich anderweitig beschäftigen.
Doch die futuristische Fähigkeit war mit langen Einschränkungslisten verbunden. Das System funktionierte nur im dichten Verkehr auf speziell kartierten Autobahnabschnitten bei maximal 65 km/h. Zudem war die Nutzung auf Tageslicht und klares Wetter beschränkt. Diese strengen Vorgaben, der sogenannte Operational Design Domain (ODD), ließen nur selten Gelegenheiten für den „Augen-von-der-Straße“-Modus.
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Hohe Kosten, geringer Nutzen
Die Entscheidung zum Stopp wurde maßgeblich durch hohe Kosten und geringe Kundenakzeptanz beeinflusst. Der komplexe Sensoraufbau mit teuren LiDAR-Einheiten trieb die Entwicklungskosten in die Höhe. Diese schlugen sich nicht nur im Fahrzeugpreis nieder, sondern auch in einem jährlichen Abonnement von rund 2.300 Euro, um das Feature nutzen zu können. Für viele Kunden war diese wiederkehrende Gebühr für eine kaum nutzbare Funktion nicht zu rechtfertigen.
Hinzu kamen Lieferkettenprobleme. Mercedes-Benz musste 2024 einen Schlüsselvertrag mit dem LiDAR-Zulieferer Luminar kündigen, nachdem das Unternehmen technische Anforderungen nicht erfüllt haben soll. Diese Störung unterstrich die Abhängigkeit von fragilen Lieferketten für Hochtechnologie-Komponenten. Die Kombination aus hohem Preis, begrenztem Nutzen und Hardware-Problemen machte das System für einen Massenmarkt unpraktikabel.
Neue Strategie: MB.Drive Assist Pro
Anstelle von Drive Pilot bündelt Mercedes seine Ressourcen nun in einem neuen System namens MB.Drive Assist Pro. Diese Technologie wird als „Level 2++“ eingestuft – ein hoch entwickeltes Assistenzsystem, das den Fahrer zwar weiterhin in der Verantwortung belässt, aber deutlich breitere Fähigkeiten bietet.
Im Gegensatz zum autobahngebundenen Drive Pilot ist MB.Drive Assist Pro für den Stadtverkehr konzipiert und kann komplexere Szenarien wie Kreuzungen und Spurwechsel meistern. Das System setzt auf einen leistungsstarken Nvidia-Computer und einen Sensorverbund aus Kameras, Radar und Ultraschall – und verzichtet bewusst auf die teure LiDAR-Technologie. Das Ziel ist klar: Mercedes will alltagstaugliche Funktionen für die breite Kundschaft liefern.
Branche am Scheideweg
Die strategische Kehrtwende des traditionsreichen Premium-Herstellers sendet ein deutliches Signal an die gesamte Industrie. Sie unterstreicht die immense Herausforderung von Level 3: In dieser „Grauzone“ wechselt die rechtliche Haftung vom Fahrer zum Hersteller. Diese Risikoverlagerung erfordert jene strengen Einsatzbeschränkungen, die letztlich den Nutzen von Drive Pilot aushöhlten.
Viele Konkurrenten und Beobachter setzen daher entweder auf perfektionierte Level-2-Systeme oder versuchen den Sprung direkt zu Level 4, wo das Fahrzeug in bestimmten Gebieten komplett ohne Fahrer auskommt. Mercedes’ neuer Weg folgt der ersten Strategie und ähnelt damit dem Ansatz von Wettbewerbern, die ebenfalls hochfähige, aber überwachte Systeme anbieten. Es ist ein pragmatischer Kurs hin zu dem, was heute technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist.
Mercedes-Benz betont, das Ziel der vollständigen Autonomie nicht aufgegeben zu haben. Die Partnerschaft mit Nvidia zur Entwicklung eines echten Level-4-„Roboter-Chauffeurs“ für die nächste S-Klasse-Generation zwischen 2028 und 2030 läuft weiter. Der Fokus liegt jedoch jetzt auf dem Machbaren: zuverlässige Assistenzfunktionen, die im Alltag einen echten Mehrwert bieten.
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