Mercedes-Benz, Fahren

Mercedes-Benz setzt bei autonomen Fahren auf neue Strategie

13.01.2026 - 23:02:12

Mercedes-Benz stellt sein Level-3-System Drive Pilot ein und fokussiert künftig auf einen überwachten Stadtassistenten. Der Hersteller verschiebt die rechtliche Verantwortung zurück auf den Fahrer.

Der Autobauer verlagert den Fokus von hochautomatisierten Autobahnsystemen auf intelligente Stadtassistenten – und stellt damit sein Flaggschiff „Drive Pilot“ ein.

Stuttgart – Mercedes-Benz vollzieht eine strategische Kehrtwende beim autonomen Fahren. Statt auf hochautomatisierte Systeme für die Autobahn setzt der deutsche Luxusautohersteller nun auf fortschrittliche Fahrassistenz für die Stadt. Das bedeutet das Aus für das bisherige Flaggschiff, das Level-3-System „Drive Pilot“. Künftige Modelle wie das Facelift der S-Klasse erhalten diese Technologie nicht mehr. Stattdessen konzentriert sich Mercedes auf einen neuen, hoch entwickelten „Level 2++“-Stadtassistenten, der den Fahrer jedoch ständig zur Aufsicht verpflichtet. Eine pragmatische Anpassung an technische, regulatorische und marktwirtschaftliche Realitäten.

Vom Autobahn- zum Stadtassistenten

Der Kern der Neuausrichtung ist die Einstellung von „Drive Pilot“. Es war das erste international zertifizierte System seiner Art, das auf bestimmten Autobahnabschnitten erlaubte, Hände vom Steuer und Augen von der Straße zu nehmen. Die Gründe für den Stopp sind vielfältig: Die Produktion ist zu teuer, die Nachfrage der Kunden blieb hinter den Erwartungen zurück – nicht zuletzt, weil der Einsatzbereich geografisch stark eingeschränkt war.

Die Entwicklungsressourcen fließen nun in das neue System MB.Drive Assist Pro. Dieser „fortgeschrittene Level-2“-Assistent ist für den komplexen Stadt- und Vorortverkehr ausgelegt. Er soll Lenkung, Beschleunigung und Bremsung übernehmen, Spurwechsel einleiten und sogar Kreuzungen navigieren können. Das Ziel ist eine nahtlose, „von Tür-zu-Tür“-assistierte Fahrerfahrung.

Anzeige

Passend zum Thema KI‑Regulierung und Haftung – die EU hat klare Vorgaben für KI‑Systeme erlassen, die auch Automotive‑Entwickler betreffen. Der kostenlose Umsetzungsleitfaden zur KI‑Verordnung erklärt kompakt, welche Kennzeichnungs‑ und Dokumentationspflichten jetzt gelten, welche Risikoklassen relevant sind und welche Fristen drängen. Praktische Checklisten helfen Entwicklern und Produktmanagern, ihre Systeme rechtssicher einzuordnen. Jetzt kostenlosen KI‑Leitfaden herunterladen

Der entscheidende Unterschied liegt in der Haftung. Während bei Level 3 der Hersteller die Verantwortung übernahm, liegt sie beim neuen System stets beim Fahrer. Er muss aufmerksam bleiben und jederzeit eingreifen können. Diese Verschiebung der rechtlichen Verantwortung zurück auf den Fahrersitz ist eine fundamentale Änderung der Strategie.

Technologie im Fokus: Sensoren und KI für die Stadt

Technisch setzt MB.Drive Assist Pro auf ein Arsenal von rund 30 Sensoren, darunter Kameras, Radar und Ultraschall. Sie erfassen die komplexe städtische Umgebung in Echtzeit. Die Rechenpower und KI‑Infrastruktur liefert Partner Nvidia. Diese Technik soll mit den Unwägbarkeiten des Stadtverkehrs zurechtkommen – von plötzlich auftauchenden Radfahrern bis zu komplizierten Ampelschaltungen.

Mit diesem Schritt positioniert sich Mercedes neu im Wettbewerb. Das System stellt einen direkten Konkurrenten zu Teslas „Full Self-Driving (Supervised)“ dar, das ein ähnliches Überwachungsparadigma verfolgt. Nach dem Debüt in China Ende 2025 und der Präsentation in den USA wird MB.Drive Assist Pro noch in diesem Jahr zunächst im neuen vollelektrischen CLA auf den Markt kommen.

Was die Kurskorrektur für die Branche bedeutet

Die Entscheidung aus Stuttgart spiegelt eine branchenweite Erkenntnis wider: Die Hürden für wahre, unbeaufsichtigte Autonomie sind immens. Die Bewältigung seltener und unvorhersehbarer Verkehrssituationen – die sogenannte „Long Tail“-Herausforderung – bleibt ein großes Problem. Indem Mercedes von Level 3 auf ein fortschrittliches, aber überwachtes Level-2-System setzt, wählt es einen evolutionären und kommerziell tragfähigeren Weg.

Branchenbeobachter deuten dies als möglichen Trend: Hersteller priorisieren funktionsreiche Assistenzsysteme, die Komfort und Sicherheit in vielen Situationen erhöhen, anstatt das rechtlich komplexe Fernziel des vollständig autonomen Privatfahrzeugs zu verfolgen. Der Fokus auf die Stadt trifft den Nerv vieler Autofahrer, die sich täglich durch dichten Stadtverkehr kämpfen müssen.

Die Doppelstrategie: Assistenz heute, Autonomie morgen

Trotz der Kurskorrektur gibt Mercedes die Langzeitvision nicht auf. Die Entwicklung von Level-4-Systemen läuft weiter. Diese sollen in definierten Gebieten ganz ohne Fahrer auskommen. Dazu gehören Robotaxi-Pilotprojekte und das Ziel, im nächsten Jahrzehnt ein „außergewöhnliches Level-4-Chauffeur-Erlebnis“ in einer neuen S-Klasse-Generation anzubieten.

Für Kunden bedeutet die neue Strategie eine Doppelspur: In den kommenden Jahren werden fortschrittliche, überwachte Assistenzsysteme wie MB.Drive Assist Pro in neuen Modellen serienmäßiger. Parallel arbeitet Mercedes im Hintergrund an der vollautonomen Zukunft für Mobilitätsdienste und High-End-Anwendungen. Ein pragmatischer Weg, um im heutigen Markt zu bestehen und gleichzeitig die Technologie von morgen vorzubereiten.

Anzeige

PS: Seit August 2024 gelten neue KI‑Regeln – und die Übergangsfristen laufen. Hersteller und Zulieferer stehen vor Kennzeichnungs‑, Dokumentations‑ und Risikobewertungspflichten, die schnell umgesetzt werden müssen, um Bußgelder zu vermeiden. Der Gratis‑Leitfaden zur KI‑Verordnung fasst die wichtigsten Pflichten zusammen, zeigt konkrete Umsetzungsschritte und liefert Checklisten für Entwickler sowie Produktverantwortliche. Jetzt kostenlosen Umsetzungsleitfaden herunterladen

@ boerse-global.de