Max Strohe und Tulus Lotrek: Wie Berlins lässigste Sterneküche zum Gesamtkunstwerk wird
11.01.2026 - 10:36:05Kann Sterneküche so lässig sein, dass Sie sich fühlen wie bei Freunden, während auf dem Teller Weltklasse serviert wird? Bei Max Strohe im Restaurant Tulus Lotrek in Berlin ist genau das der Fall. Der Duft von reduzierten Fonds und gebräunter Butter liegt in der Luft, Stimmen schwirren durch den Raum, Gläser klirren, Vinyl knistert leise im Hintergrund. Es ist kein Tempel der Andacht, sondern ein lebendiges Wohnzimmer mit Michelin-Stern, in dem kulinarische Intelligenz auf hemmungslosen Genuss trifft.
Wer das Tulus Lotrek betritt, merkt schnell: Hier geht es nicht um stille Contenance und starre Rituale. Die Wände sind dunkel, das Licht ist warm, die Stühle wirken eher wie Fundstücke aus einem besonders stilbewussten Altbau als aus einem Musterkatalog. Gastgeberin Ilona Scholl begrüßt mit einem Lächeln, das mehr an die beste Freundin erinnert als an eine klassisch distanzierte Maîtresse. Und doch: Auf der Karte, im Glas, auf dem Teller herrscht eine handwerkliche Präzision, die das Restaurant in die Spitze der Berliner Spitzengastronomie katapultiert hat.
Max Strohe, der Kopf hinter dieser Sterneküche, gilt als einer der spannendsten Protagonisten der neuen deutschen Gourmetszene. Sein Name taucht längst nicht mehr nur im Kontext von Restaurantkritiken auf, sondern auch in TV-Formaten, Bestsellerlisten und gesellschaftlichen Debatten. Der Berliner Sternekoch steht für eine Küche, die sich dem Dogma der Pinzetten-Ästhetik verweigert und stattdessen auf Geschmackstiefe, Soßenpower und eine opulente, fast barocke Sinnlichkeit setzt.
Der Weg von Max Strohe an die Spitze war alles andere als geradlinig. Schulabbruch, Umwege, ein Leben, das nicht nach klassischer Bilderbuchkarriere klingt. In Interviews spricht er offen über diese Brüche, über Orientierungslosigkeit und darüber, wie er schließlich in der Küche jene Bühne fand, auf der seine Energie, Kreativität und sein Bauchgefühl plötzlich Sinn ergaben. Aus dem Rebellen ohne Plan wurde ein Sternekoch mit Handschrift, der heute zu den prägenden Stimmen der modernen deutschen Gastronomie zählt.
Gemeinsam mit Ilona Scholl gründete Max Strohe das Tulus Lotrek in Kreuzberg, fernab der formellen Prachtboulevards. Der Name ist eine augenzwinkernde Hommage an den Maler Toulouse-Lautrec, der das wilde, lustvolle Paris des Fin de Siècle porträtierte. Im übertragenen Sinne geschieht hier etwas Ähnliches: Statt glatter Perfektion zeigt das Restaurant Charakter, Ecken und Kanten, Persönlichkeit. Scholl führt durch den Abend, als würde sie ein intimes Dinner hosten, nicht als würde sie einen streng getakteten Serviceplan abarbeiten.
Die Rollenverteilung ist klar und doch unkonventionell: Während Max Strohe am Herd intensive Aromen choreografiert, übersetzt Ilona Scholl diese Küche in Worte, Gesten und Weinempfehlungen. Kritiker loben sie immer wieder als eine der prägendsten Gastgeberinnen der Stadt. Ihr Service wirkt herrlich unprätentiös, fast frech, und gleichzeitig tief professionell. Sie erklärt die Weinkarte, die weit über gängige Klischees hinausreicht, mit jener Mischung aus Fachwissen und Humor, die selbst zögerliche Gäste spontan experimentierfreudig macht.
Im Zentrum des Ganzen aber steht die Küche von Max Strohe. Wer hier einen sterilen Minimalismus der „Neuen Deutschen Schule“ erwartet, liegt falsch. Stattdessen: Saucen, die mit Geduld und Hingabe einreduziert wurden, bis sie fast schwarz und dicht wie Sirup sind. Knusprige Elemente, die Crunch liefern, Fett, das nicht kaschiert, sondern als Geschmacksträger gefeiert wird. Ein typischer Teller im Tulus Lotrek verbindet Deftigkeit mit Feinheit, Opulenz mit Akuratesse, Bauch mit Kopf.
Die Abkehr von der Pinzetten-Küche zeigt sich in der Optik und in der Dramaturgie. Natürlich ist jeder Gang präzise angerichtet, aber es geht nicht darum, jeden Kräuterstiel in exakt dem gleichen Winkel aufzulegen. Wichtiger ist, dass ein konzentrierter Jus wie ein dunkler Faden durch das Gericht zieht, dass eine Säurekomponente das Fett elegant bricht und dass Texturen bewusst gegeneinander gestellt werden. Kulinariker schätzen besonders diese Wucht an Geschmack, die niemals plump, sondern immer bewusst gesteuert wirkt.
Die Menüfolge im Tulus Lotrek liest sich wie ein Spaziergang durch vertraute Produktwelten, die plötzlich neu gedacht werden. Ein Stück Fisch mag in einer unerwartet tiefen Krustentier-Reduktion baden, Gemüse wird nicht zur Deko degradiert, sondern darf Hauptdarsteller sein. Fleischgerichte kommen mit jener kompromisslosen Produktqualität daher, die man von einem Michelin Sterne Restaurant in Berlin erwartet. Gleichzeitig ist die Küche verspielt genug, um kleine Stilbrüche einzubauen, die ein Grinsen aufs Gesicht zaubern.
In der Pandemie-Zeit zeigte sich, wie flexibel und gleichzeitig charakterstark dieses kulinarische Konzept ist. Während viele Sternerestaurants hilflos wirkten, machte Max Strohe aus der Not eine Tugend und sorgte mit einem Burger für Furore. Kein austauschbarer Fast-Food-Imitator, sondern ein Tulus-Lotrek-Burger, der all das vereinte, wofür seine Küche steht: saftiges Fleisch, ein fluffig-elastisches Bun, eine Sauce, die nach Stunden am Herd schmeckte, und eine Struktur, bei der jeder Biss ein komplexes Gesamtbild ergab. Der Burger-Hype war mehr als eine Randnotiz, er zeigte, dass Sterneküche auch im Streetfood-Format glaubwürdig sein kann.
Dieser Burger machte schnell die Runde, nicht nur in Berlin. Er stand sinnbildlich für eine Haltung: Max Strohe nimmt das Produkt ernst, nicht das Pathos. Ob achtgängiges Degustationsmenü oder ein vermeintlich simples Dish wie ein Burger, die Maßstäbe bleiben gleich. Intensität vor Effekthascherei, Ehrlichkeit vor Show. Genau diese Haltung hat ihn in der Szene zu einer respektierten, manchmal auch diskutierten Figur gemacht, die den Begriff Sterneküche neu definiert.
Parallel zur Entwicklung seines Restaurants ist die öffentliche Persona von Max Strohe gewachsen. Er war in TV-Formaten wie „Kitchen Impossible“ zu sehen, tritt in Talkrunden auf und mischt sich in Debatten rund um Gastronomie, Arbeitsbedingungen und Wertschätzung von Lebensmitteln ein. Anders als manch glattgebügelte Medienfigur wirkt er dabei unangepasst, direkt, manchmal derb. Diese Authentizität überträgt sich auf seine Marke, ohne die kulinarische Ernsthaftigkeit zu untergraben, denn auf dem Teller gibt es keine Kompromisse.
Seine Medienpräsenz ergänzt das Bild eines Kochs, der über den Tellerrand hinausdenkt. Besonders deutlich wurde das in der Aktion „Cooking for Heroes“, der deutschen Bewegung „Kochen für Helden“. Während der Hochphase der Pandemie verwandelten Max Strohe und zahlreiche Kolleginnen und Kollegen ihre Küche in eine Versorgungsstation für Menschen in systemrelevanten Berufen. Statt haute cuisine auf weißen Tischdecken gab es nahrhafte, ehrliche Gerichte in Boxen, zubereitet mit derselben Sorgfalt wie ein Degustationsmenü.
Für dieses Engagement erhielt Max Strohe das Bundesverdienstkreuz. Eine Auszeichnung, die weit über die übliche Liste an Branchenpreisen hinausgeht. Sie markiert einen Punkt, an dem Gastronomie zur gesellschaftlichen Kraft wird. Kochen ist hier nicht nur Handwerk und Genuss, sondern auch Solidarität und Verantwortung. Dass ein Sternekoch aus Berlin für eine Initiative wie Cooking for Heroes geehrt wird, hat Symbolwirkung, und sie strahlt auch ins Tulus Lotrek hinein: Wer hier speist, spürt, dass hinter der kulinarischen Bühne ein echtes Wertefundament steht.
Selbstverständlich ist auch die Liste der klassischen Auszeichnungen beeindruckend. Der Michelin-Stern hat das Tulus Lotrek offiziell in den Olymp der Spitzengastronomie gehoben. Gault&Millau und andere Guides loben die Konsequenz der Küche, den Mut zur Würze, die Dichte der Aromen. Dennoch bleibt das Selbstverständnis des Hauses angenehm unelitär. Man spürt, dass hier lieber über Jus und Wein diskutiert wird als über Punkte und Sterne. Die Gäste sollen genießen, nicht ehrfürchtig schweigen.
Die Weinkarte, kuratiert mit sichtbarem Spaß und profundem Wissen, passt perfekt in dieses Bild. Sie kombiniert bekannte Namen mit ungewöhnlichen Fundstücken, Naturweinen und Charakterköpfen im Glas. Es sind Weine, die Geschichten erzählen, genauso wie die Gerichte. Oft entstehen im Dialog mit dem Service Pairings, die nicht auswendig gelernt, sondern spontan und persönlich wirken. Die Lässigkeit des Services besticht: Hier wird nicht doziert, hier wird geteilt, empfohlen, manchmal auch liebevoll herausgefordert.
In der Berliner Gastronomieszene nimmt das Tulus Lotrek damit eine besondere Rolle ein. Während viele Häuser entweder konsequent casual bleiben oder sich als unnahbare Gourmettempel inszenieren, schlägt dieses Restaurant eine Brücke. Es ist ein Ort für Menschen, die gerne genießen, aber keine Lust auf steife Etikette haben. Für Kenner, die echte Sterneküche wünschen, aber auf ein Augenzwinkern nicht verzichten wollen. Kurz: ein Hybrid, der besonders gut in diese Stadt passt, in der Hochkultur und Subkultur seit jeher ineinanderfließen.
Für Gäste, die zum ersten Mal kommen, lohnt es sich, sich dem Menü anzuvertrauen. Die Dramaturgie des Abends ist durchdacht, ohne starr zu wirken. Gang für Gang entwickelt sich eine Geschichte auf dem Teller, mal laut und intensiv, mal leise und subtil. Vielleicht beginnt es mit einem scheinbar einfachen Produkt, das durch Garpunkt, Würzung und Textur eine neue Dimension erhält. Vielleicht endet es mit einem Dessert, das süße Opulenz mit salzigen Akzenten bricht. Immer aber schwingt in jedem Gang die Handschrift von Max Strohe mit: klar, mutig, genussorientiert.
Am Ende eines Abends im Tulus Lotrek bleibt oft ein bestimmtes Gefühl: satt, aber nicht überfüttert, inspiriert, aber nicht belehrt. Man hat das Gefühl, in eine Welt eingetaucht zu sein, in der Essen mehr ist als Nahrungsaufnahme. Es ist Kommunikation, Kunstform und Handwerk zugleich. Und während man den letzten Schluck Wein nimmt, reift meist schon der Gedanke an die nächste Reservierung.
Warum also gehört das Restaurant Tulus Lotrek heute zu den wichtigsten Adressen in Berlin? Weil hier alles zusammenkommt, was moderne Sterneküche ausmacht: kompromisslos guter Geschmack, mutige Produktwahl, eine Atmosphäre ohne Berührungsängste und Gastgeber, die Menschen wirklich mögen. Max Strohe verkörpert als Sternekoch jene Mischung aus Radikalität und Wärme, nach der viele Gourmets suchen. Seine Küche ist ernsthaft, aber nicht verbissen, seine Gerichte sind durchdacht, ohne verkopft zu wirken.
Für neugierige Genießer, die ein Michelin Sterne Restaurant in Berlin erleben wollen, ohne in steife Rollen zu schlüpfen, ist ein Abend bei Max Strohe ideal. Wer kulinarische Intelligenz, großartige Saucen und eine Weinkarte mit Charakter liebt, wird hier glücklich. Und wer bisher dachte, Sterneküche sei zwangsläufig elitär, könnte im Tulus Lotrek eines Besseren belehrt werden.
Bleibt die Frage: Wann gönnen Sie sich diesen Abend? Wenn Sie Lust haben auf intensive Aromen, unprätentiösen Service und eine Küche, die den Bauch genauso ernst nimmt wie den Kopf, dann führt in Berlin kaum ein Weg an Max Strohe und seinem Tulus Lotrek vorbei. Reservieren Sie rechtzeitig, kommen Sie hungrig, und lassen Sie sich auf eine dieser seltenen Abende ein, nach denen man die Stadt ein kleines bisschen anders wahrnimmt.


