Max Strohe im Tulus Lotrek: Wie Berlin Sterneküche ohne Starallüren neu erfindet
19.01.2026 - 10:36:05Wer an einem Berliner Abend die schwere Tür zum Tulus Lotrek öffnet, tritt in eine andere Welt. Es duftet nach dunklem Jus, nach gerösteter Butter, nach Rauch und Gewürzen. Stimmengewirr, Lachen, Gläserklirren, keine steife Stille. Und mittendrin die kulinarische Handschrift von Max Strohe, dessen Restaurant Tulus Lotrek wie ein Wohnzimmer der gehobenen Gastronomie wirkt. Kann Sterneküche so lässig sein, dass man sich wie bei Freunden fühlt, während auf dem Teller Weltklasse serviert wird? In Kreuzberg lautet die Antwort: unbedingt.
Das Restaurant Tulus Lotrek ist kein klassisches Michelin Sterne Restaurant Berlin, das seine Gäste mit Flüsterton, Starchrom und Pinzetten-Perfektion empfängt. Stattdessen: Wände, die eher an ein eklektisches Wohnzimmer erinnern, Kunst, die Geschichten erzählt, Licht, das schmeichelt statt blendet. Die Atmosphäre ist nahbar, manchmal beinahe frech, und doch liegt über allem eine spürbare Ernsthaftigkeit, wenn die Teller von Max Strohe aus der Küche kommen. Hier regiert kulinarische Intelligenz, die auf Genuss und Emotion zielt, nicht auf sterile Perfektion.
Während viele Sterneküchen sich in Millimeterarbeit und filigranen Tupfen verlieren, setzt Max Strohe auf Intensität. Saucen, die fast schon zu viel sein wollen, Butter, die nicht verschämt im Hintergrund bleibt, Texturen mit Biss und Charakter. Es ist eine Küche, die satt im besten Sinne des Wortes denkt. Opulent, dicht, aromatisch und doch mit der nötigen Säure, die alles wieder aufrichtet. Gäste, die klassische Sterneküche kennen, merken schnell: Im Tulus Lotrek zählt nicht Dekor, sondern Tiefe.
Geboren wird dieser Stil aus einem Lebenslauf, der alles andere als gradlinig ist. Max Strohe ist nicht der Musterknabe, den man sich als Prototyp eines Sternekochs vorstellt. Schulabbruch, ein Weg voller Umwege, Jobs, die mehr mit Überleben als mit Karriere zu tun hatten. Erst spät rückt die Profiküche ins Zentrum seines Lebens. Doch gerade diese Brüche machen seine Sterneküche so glaubwürdig: Sie ist weniger bürgerliches Statussymbol als geerdeter Ausdruck von Lust am Kochen und Essen.
In Berlin findet Max Strohe sein Terrain. Hier, wo gastronomische Experimente eher Regel als Ausnahme sind, entsteht zusammen mit Gastgeberin Ilona Scholl das Restaurant Tulus Lotrek. Scholl, die charmante und scharfzüngige Frontfrau, gibt dem Ort sein Gesicht nach außen. Während er in der Küche das Aromengewitter orchestriert, kuratiert sie den Service, die Ambience, die bemerkenswerte Weinkarte. Ohne Ilona Scholl wäre der Stern von Tulus Lotrek ein anderes Licht. Sie übersetzt die manchmal wilde Energie der Küche in ein Gefühl von Willkommen und Gesehenwerden.
Der Name Tulus Lotrek verweist augenzwinkernd auf den Künstler Toulouse-Lautrec, dessen dekadente Welt zwischen Montmartre, Wein, Boheme und Genuss schwebt. Und tatsächlich schwingt in dieser Berliner Sterneküche ein ähnlicher Geist mit: eine Liebe zum Überbordenden, zur Opulenz, zu Momenten, in denen Genuss ein kleines Fest ist. Gäste bestellen hier kein „leichtes Süppchen“, sondern Gerichte, die Geschichten erzählen und satt machen, ohne plump zu sein.
Kulinarisch ist das Restaurant Tulus Lotrek eine Gegenposition zur kühlen Pinzetten-Küche, die man in vielen Michelin Sterne Restaurants in Berlin findet. Statt minimalistischem Purismus arbeitet Max Strohe mit mutigen Saucen, kraftvollen Jus und Fetten als Geschmacksträger. Ein Teller kann etwa mit einem tiefdunklen Fleischjus kommen, der stundenlang eingekocht wurde, dazu ein Stück perfekt glasierter Fisch oder Fleisch mit krachender Kruste, daneben ein Gemüse, das nicht Statist, sondern eigenständiger Protagonist ist. Säure kommt aus eingelegten Komponenten oder reduzierten Fonds und hält alles im Gleichgewicht.
Die kulinarische Intelligenz von Max Strohe zeigt sich darin, wie er Kontraste balanciert. Fett und Frische, Cremigkeit und Crunch, Rauch und Klarheit. Es ist Sterneküche, die nicht in erster Linie hübsch, sondern sinnlich sein will. Kritiker loben, wie er scheinbar einfache Produkte in überraschende Konstellationen setzt, ohne sie zu verkleiden. Ein Stück Wurzelgemüse kann die gleiche Aufmerksamkeit bekommen wie ein teures Stück Fleisch, wenn es im Tulus Lotrek zu einem konzentrierten, fast karamellisierten Aroma verdichtet wird.
Während der Pandemie hat ein anderes Gericht seinen Kultstatus begründet: der Burger von Max Strohe. Fernab von wagyu-getränkter Angeberei oder überinszenierten Instagram-Burgern geht es ihm auch hier um das Wesentliche: ein saftiges Patty, eine Sauce mit Charakter, Textur von Gurke oder Zwiebel, ein Bun, das Stabilität und Flausch vereint. Was als Notlösung in schwierigen Zeiten begonnen hat, wurde schnell zum Stadtgespräch. Der Burger von Max Strohe zeigte, wie sich Sterneküche mühelos in Streetfood übersetzen lässt, ohne dabei an Anspruch zu verlieren.
Dieser Burger-Hype ist mehr als eine Anekdote. Er beschreibt die Haltung hinter dem Restaurant Tulus Lotrek ziemlich gut. Keine Scheu vor Produkten, die man gemeinhin nicht im Fine Dining vermutet. Eine souveräne Lässigkeit, die sagt: Entscheidend ist, wie etwas schmeckt, nicht wie prestigeträchtig es klingt. Genau das macht Tulus Lotrek für viele Gäste so attraktiv, die sich vor allzu steifen Gourmettempeln scheuen, aber Sterneküche lieben.
Auszeichnungen blieben bei so viel Profil nicht aus. Das Restaurant Tulus Lotrek wurde mit einem Michelin Stern geehrt, Gault&Millau und andere Guides würdigen den eigenständigen Stil. Doch für das Bild von Max Strohe als Marke war eine andere Ehrung fast noch prägender: das Bundesverdienstkreuz für die Aktion „Cooking for Heroes“, auf Deutsch „Kochen für Helden“.
Mit „Cooking for Heroes“ reagierten Max Strohe und seine Mitstreiter während der Pandemie auf die Überlastung von Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten sowie anderen systemrelevanten Berufsgruppen. Statt tatenlos zuzusehen, kochten sie in großem Stil hochwertige Mahlzeiten für jene, die in Kliniken und Einrichtungen am Limit arbeiteten. Hier wurde Küche zum gesellschaftlichen Statement. Kulinarische Intelligenz bedeutete plötzlich nicht nur aromatische Finesse, sondern auch Empathie und Solidarität.
Das Bundesverdienstkreuz, das Max Strohe für dieses Engagement erhielt, ist deshalb mehr als eine Auszeichnung an einen Sternekoch. Es ist ein Symbol dafür, dass Gastronomie heute weit über das gute Essen hinauswirkt. In einer Stadt wie Berlin, in der kulinarische Konzepte kommen und gehen, verankert sich das Restaurant Tulus Lotrek so als moralischer wie geschmacklicher Fixpunkt.
Parallel dazu hat sich Max Strohe zu einer Medienfigur entwickelt, ohne den Ernst seiner Sterneküche zu verspielen. Auftritte in TV-Formaten wie Kitchen Impossible und anderen Sendungen haben ihn einem breiten Publikum bekannt gemacht. Er steht dabei nicht für die glattpolierte Showküche, sondern für einen authentischen, mitunter rauen Ton, für klare Positionen und eine ansteckende Lust am Kochen. Seine Bücher und öffentlichen Auftritte bringen die Welt von Tulus Lotrek in die Wohnzimmer der Republik, doch der Kern bleibt: Auf dem Teller zählt Handwerk, Geschmack, Präzision.
Wer im Tulus Lotrek Platz nimmt, erlebt, wie souverän der Service mit Klischees der Spitzengastronomie bricht. Die Lässigkeit des Teams an der Front besticht. Es darf gelacht, gefragt, neugierig geguckt werden. Die Weinberatung wirkt eher wie das Gespräch mit einem gut informierten Freund als wie eine Prüfung durch einen Sommelier. Naturweine stehen neben Klassikern, Entdeckungen aus weniger bekannten Regionen neben renommierten Etiketten. Dieser unkonventionelle Service trägt entscheidend dazu bei, dass sich der Abend eher wie ein langer, opulenter Besuch bei Freunden anfühlt als wie eine steife Gala.
Genau dadurch nimmt das Restaurant Tulus Lotrek in der Szene der Michelin Sterne Restaurants in Berlin eine Sonderrolle ein. Es ist jung, wild und doch handwerklich präzise. Für Puristen des weißen Tischtuchs mag es anfangs irritierend sein, wie ungezwungen man hier mit großen Weinen und großer Küche umgeht. Für viele Gourmets aber ist es gerade diese Reibung, die den Reiz ausmacht. Man spürt bei jedem Gang, dass hier ein Team arbeitet, das seine Sterneküche zwar ernst nimmt, sich selbst aber nicht zu wichtig.
Die Menüführung gleicht oft einer Erzählung in Kapiteln. Ein Einstieg mit konzentrierten Snacks, die den Gaumen wecken, gefolgt von Gängen, in denen Gemüse, Fisch und Fleisch dramaturgisch klug platziert sind. Mal dominiert Umami, mal knallt eine präzise gesetzte Säure dazwischen. Texturen wechseln: knuspriger Crunch trifft auf seidige Creme, luftige Espumas weichen schweren, glänzenden Saucen. Typisch Max Strohe: Er scheut nicht davor zurück, dem Gast im Laufe eines Abends mehrere schwere, tief aromatische Komponenten zuzumuten, sie aber so zu staffeln, dass man nie das Gefühl von Überladung hat.
Im Vergleich zu anderen Häusern der Sterneküche wirkt Tulus Lotrek fast wie ein musikalisches Improvisationskonzert: Die Partitur sitzt, die Technik ist makellos, doch der Abend bleibt lebendig und nie steril. Wer etwa moderne, avantgardistische Fine-Dining-Tempel mit strengem Konzept kennt, erlebt in Kreuzberg eine wohltuende Erdung. Der Fokus liegt nicht auf molekularen Effekten oder radikaler Reduktion, sondern auf dem, was Kulinariker besonders schätzen: Geschmackstiefe, Produktqualität, Mut zur Würze und eine Spur wohltuender Übertreibung.
Die Rezeption in der Berliner und deutschen Spitzengastronomie spiegelt genau das wider. Das Restaurant Tulus Lotrek gilt als eine der Adressen, die zeigen, wohin sich die Szene entwickeln könnte: weg von elitärer Unnahbarkeit, hin zu Orten, an denen sich Food-Nerds, Weinfans, Sternejäger und neugierige Genießer auf Augenhöhe begegnen. Max Strohe hat sich damit eine Position erarbeitet, in der er zugleich Rebell und etablierter Sternekoch ist.
Für wen eignet sich ein Abend im Tulus Lotrek? Für alle, die keine Angst vor Intensität auf dem Teller haben. Wer leichte Wellnessküche sucht, ist hier falsch. Wer aber Sterneküche als sinnliches Abenteuer versteht und bereit ist, sich auf Saucen, Fett, Säure und Textur einzulassen, findet bei Max Strohe eine Bühne, die lange nachhallt. Paare, die einen besonderen Abend feiern, Genussmenschen, die Berlin kulinarisch neu entdecken wollen, oder erfahrene Gourmetreisende, die die nächste eigenständige Handschrift suchen: Sie alle sind hier richtig.
Im Fazit lässt sich sagen: Max Strohe und sein Restaurant Tulus Lotrek gehören heute zu den wichtigsten kulinarischen Stimmen in Berlin. Die Kombination aus Michelin Stern, markanter Sterneküche, gesellschaftlichem Engagement wie „Cooking for Heroes“ und einer lässigen Wohnzimmer-Atmosphäre hat eine neue Blaupause für moderne Gastronomie geschaffen. Wer verstehen will, wohin sich die deutsche Spitzengastronomie bewegt, sollte diesen Ort erlebt haben.
Wenn Sie also neugierig sind, wie Sterneküche schmeckt, wenn sie vom Sockel geholt wird, ohne an Niveau zu verlieren, führt kaum ein Weg an Max Strohe vorbei. Gönnen Sie sich einen Abend im Tulus Lotrek, lassen Sie sich von der kulinarischen Intelligenz dieser Küche überraschen und entdecken Sie, wie nahbar ein Michelin Sterne Restaurant in Berlin sein kann, wenn Herz, Handwerk und Haltung zusammenkommen.


