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LONGi Green Energy: Solar-Champion im Preisdruck – Chance oder Value-Falle für Anleger?

15.01.2026 - 13:38:22

Die Aktie von LONGi Green Energy steht nach massiven Kursverlusten unter Beobachtung. Zwischen globalem Solarausbau, chinesischem Preiskampf und strategischem Umbau entscheidet sich, ob sich der Einstieg jetzt lohnt.

Die Stimmung rund um LONGi Green Energy ist gespalten: Einerseits gilt der chinesische Solarkonzern als technologischer Taktgeber der Branche, andererseits haben Überkapazitäten, fallende Modulpreise und geopolitische Spannungen den Kurs massiv unter Druck gesetzt. Während kurzfristig vor allem Sorgen um Margen und Exportmärkte dominieren, sehen einige Investoren im ausgebombten Kursniveau eine antizyklische Chance – vorausgesetzt, LONGi gelingt die Anpassung an das neue Marktumfeld.

Ein-Jahres-Rückblick: Das Investment-Szenario

Wer vor rund einem Jahr bei LONGi Green Energy eingestiegen ist, braucht derzeit starke Nerven. Die Aktie notierte damals an den Börsen in Shanghai und Hongkong – umgerechnet und gerundet – deutlich höher als heute. Auf Basis der in Shanghai gehandelten A-Aktien (ISIN CNE100001FR6) lag der Schlusskurs vor etwa einem Jahr laut übereinstimmenden Daten zweier großer Finanzportale bei rund 25 chinesischen Yuan je Aktie. Aktuell pendelt der Kurs, basierend auf den zuletzt verfügbaren Schlusskursen, nur noch im Bereich von etwa 14 bis 15 Yuan.

Damit summiert sich über zwölf Monate ein Kursverlust in einer Größenordnung von rund 35 bis 45 Prozent – je nach genauer Vergleichsbasis und Währungsumrechnung. Aus einem Investment von umgerechnet 10.000 Euro wären so nur noch etwa 5.500 bis 6.500 Euro geworden. Die Wertvernichtung ist damit nicht nur optisch sichtbar, sondern in der Portfoliowirkung schmerzhaft spürbar. Wer in der Spitze der Solar-Euphorie auf den Branchenprimus gesetzt hat, sieht sich heute mit der Kehrseite eines extrem zyklischen und politisch sensiblen Marktes konfrontiert.

Auch der Blick auf die jüngere Kursentwicklung zeichnet ein angespanntes Bild: In den vergangenen fünf Handelstagen dominierte eine volatile Seitwärts- bis Abwärtstendenz mit teils kräftigen Tagesausschlägen. Auf Sicht von rund drei Monaten zeigt der Chart einen klaren Abwärtstrend mit wiederholten Versuchen technischer Gegenbewegungen, die jedoch spätestens an früheren Unterstützungszonen scheiterten. Das 52-Wochen-Tief wurde laut mehreren Kursdiensten erst vor kurzem markiert und liegt nur unwesentlich unter dem aktuellen Niveau, während das 52-Wochen-Hoch sich in deutlich größerer Distanz darüber befindet. Charttechnisch befindet sich die Aktie damit eher im Bärenlager, auch wenn das extrem gedrückte Niveau für Trader zunehmend interessant wird.

Aktuelle Impulse und Nachrichten

Die jüngsten Nachrichten rund um LONGi Green Energy stehen vor allem im Zeichen von Restrukturierung, Preiskampf und industriepolitischem Gegenwind. Vor wenigen Tagen berichteten internationale Agenturen, dass der Konzern weitere Schritte zur Kostensenkung und Fokussierung seines Geschäfts einleitet. Dazu zählt insbesondere die Anpassung von Produktionskapazitäten in Bereichen, in denen der weltweite Angebotsüberhang besonders stark ist. Branchenberichte verweisen darauf, dass LONGi einzelne Fertigungslinien für Wafer und Module überprüft und sich stärker auf hocheffiziente N-Typ-Technologien konzentrieren will, um der Margenerosion entgegenzutreten.

Parallel dazu prägen handelspolitische Spannungen die Schlagzeilen. In Europa und den USA wird verstärkt über Antisubventions- und Antidumpingmaßnahmen gegen chinesische Solarprodukte diskutiert. Analystenberichte der vergangenen Tage heben hervor, dass potenzielle Strafzölle die Wettbewerbsposition von LONGi in westlichen Märkten zumindest temporär schwächen könnten. Auf der anderen Seite wächst in Schwellen- und Entwicklungsländern die Nachfrage nach günstigen Modulen weiter, was dem Unternehmen trotz politischer Risiken neue Absatzchancen eröffnet. Einige Kommentatoren sprechen von einer beginnenden "Fragmentierung" der Solarmärkte: Hochregulierte, politisch sensible Märkte einerseits und preissensitive, dynamisch wachsende Regionen andererseits – LONGi versucht, in beiden Welten präsent zu bleiben.

Hinzu kommen medienwirksame Personal- und Strategiemeldungen. Anfang der Woche machten Berichte die Runde, dass das Management den Fokus noch stärker auf Forschung und Entwicklung sowie Systemlösungen legen will. Der Konzern kündigte an, seine Kompetenz in integrierten Energielösungen – von Hochleistungsmodulen über Speicher bis hin zu Projektentwicklung – auszubauen. Ziel ist es, sich aus der reinen Rolle eines Modul-Lieferanten zu lösen und in margenstärkere Segmente vorzustoßen. Die Reaktion an der Börse blieb jedoch verhalten: Investoren honorieren zwar langfristige Innovationsinitiativen, verlangen in der aktuellen Phase aber vor allem kurzfristig sichtbare Fortschritte bei Cashflow und Profitabilität.

Das Urteil der Analysten & Kursziele

Die Einschätzungen der Analysten zu LONGi Green Energy fallen derzeit gemischt, aber insgesamt leicht positiv aus. Mehrere Banken und Research-Häuser haben in den vergangenen Wochen und Tagen ihre Bewertungen und Kursziele aktualisiert. Auffällig: Trotz der deutlich schwächeren Ergebnisdynamik bleiben viele Häuser prinzipiell bei einer konstruktiven Haltung – allerdings mit teils deutlichen Abstrichen bei den Kurszielen.

So bestätigen größere chinesische Brokerhäuser und internationale Adressen, die LONGi abdecken, mehrheitlich Einstufungen im Bereich "Kaufen" bis "Übergewichten", häufig jedoch mit ausdrücklichem Hinweis auf hohe Volatilität und politische Risiken. In der Tendenz wurden Kursziele zuletzt eher reduziert, spiegeln aber weiterhin signifikante Aufschläge zum aktuellen Kurs wider. Gerundete Zielspannweiten reichen – je nach Szenario – von moderaten Aufwärtspotenzialen im Bereich von 20 bis 30 Prozent bis hin zu ambitionierteren Annahmen mit theoretischem Verdopplungspotenzial, sollte sich der Solarmarkt stabilisieren und die Margen erholen.

Westliche Häuser, darunter große Investmentbanken mit globalem Fokus, zeigen sich etwas vorsichtiger. In ihren Aktualisierungen der vergangenen Wochen argumentieren sie, dass LONGi zwar technologisch und hinsichtlich der Kostenstruktur zu den führenden Anbietern zählt, der Markt aber vor einem längeren Bereinigungsprozess steht. In mehreren Studien ist die Rede von einem Übergang in eine Konsolidierungsphase, in der schwächere Wettbewerber ausscheiden und selbst Branchenführer gezwungen sind, ihre Kapitalallokation zu überdenken. Einige dieser Analysten belassen ihre Einstufungen auf "Halten" beziehungsweise einem neutralen Votum. Ihre Kursziele liegen – grob gerundet – oftmals 10 bis 25 Prozent über dem aktuellen Kurs und spiegeln eher ein Szenario der Bodenbildung als einen schnellen Rebound wider.

Im Konsens ergibt sich so ein ambivalentes Bild: Das durchschnittliche Analystenrating bewegt sich im Bereich zwischen "Halten" und leicht "positiv", wobei die Bewertungsargumente vor allem auf dem stark gefallenen Kurs, der robusten Marktposition von LONGi im Hochleistungssegment und der langfristig intakten globalen Nachfrage nach Solarenergie beruhen. Dagegen stehen Bedenken hinsichtlich Margendrucks, Exportrestriktionen und des hohen Kapitalbedarfs der Branche. Klare "Verkauf"-Einstufungen sind eher die Ausnahme, was darauf hindeutet, dass viele Analysten davon ausgehen, dass ein erheblicher Teil der negativen Nachrichten bereits eingepreist ist – ohne jedoch Entwarnung zu geben.

Ausblick und Strategie

Für die kommenden Monate wird entscheidend sein, ob LONGi Green Energy den Spagat zwischen Kostensenkung, technologischer Führerschaft und internationaler Expansion meistert. Der Markt für Solarenergie wächst weltweit weiter dynamisch: Ambitionierte Ausbauziele für erneuerbare Energien, sinkende Stromgestehungskosten aus Photovoltaik und der steigende Bedarf an Flexibilitätslösungen wie Batteriespeichern sprechen strukturell für den Sektor. Gleichzeitig hat der jahrelange Investitionsboom zu massiven Überkapazitäten geführt, insbesondere in China. Genau hier liegt die strategische Herausforderung für LONGi.

Der Konzern reagiert mit einem Bündel an Maßnahmen: Zum einen werden weniger profitable Kapazitäten zurückgefahren oder umgerüstet, zum anderen erhöht LONGi das Engagement in N-Typ- und TOPCon-Technologien sowie in neuen Zellarchitekturen. Diese Produkte versprechen höhere Wirkungsgrade und damit bessere Preissetzungsmöglichkeiten. Darüber hinaus versucht der Konzern, sich entlang der Wertschöpfungskette breiter aufzustellen – von Komponenten über Systemlösungen bis hin zu Turnkey-Projekten. Gelingt es, in diesen Bereichen stabile Margen zu erzielen, könnte sich die Ergebnisstruktur mittelfristig deutlich verbessern.

Für Anleger stellt sich die Frage, welcher Anlagehorizont im Mittelpunkt steht. Kurzfristig bleibt das Chance-Risiko-Profil anspruchsvoll: Der Kurs befindet sich nahe am 52-Wochen-Tief, das Sentiment ist fragil, und weitere negative Nachrichten – etwa zu Zöllen, Preisdruck oder Restrukturierungskosten – könnten jederzeit neue Rückschläge auslösen. Trader mit hohem Risikobewusstsein sehen darin möglicherweise eine spekulative Bodenbildungsstory. Fundamentalinvestoren hingegen werden auf sichtbare Fortschritte bei Margen, Cashflow und Lagerbeständen achten, bevor sie ihre Engagements ausbauen.

Mittelfristig hängen die Perspektiven stark von der globalen Industriepolitik ab. Sollten die handelspolitischen Spannungen zwischen China und wichtigen Absatzmärkten wie der EU oder den USA weiter eskalieren, könnte LONGi Marktanteile in diesen Regionen verlieren, zumindest vorübergehend. Gleichzeitig könnten lokale Produktionsinitiativen in Drittstaaten – etwa Joint Ventures oder Fabriken außerhalb Chinas – eine Antwort auf diese Entwicklung sein. Noch ist offen, in welchem Umfang LONGi diesen Weg geht und wie schnell sich alternative Wertschöpfungsketten etablieren lassen.

Langfristig spricht vieles dafür, dass sich der Solarmarkt nach einer Phase der Bereinigung wieder stabilisiert und konzentriert – mit wenigen globalen Anbietern, die technologisch und kostenseitig die Nase vorn haben. In einem solchen Szenario hätte LONGi aufgrund seiner Größe, seiner F&E-Pipeline und seiner Marke gute Chancen, zu den Gewinnern zu gehören. Ob und wann sich diese Perspektive im Aktienkurs widerspiegelt, bleibt jedoch ungewiss. Die Aktie ist damit ein klassisches Spiel auf die langfristige Energiewende mit einem kurz- bis mittelfristig hohen zyklischen und politischen Risiko.

Anleger, die einen Einstieg erwägen, sollten daher sorgfältig abwägen: Wer ein langes Zeitfenster, eine hohe Risikotoleranz und die Bereitschaft hat, zwischenzeitliche Rückschläge auszuhalten, findet in LONGi Green Energy eine strukturell interessante, aber aktuell schwer berechenbare Turnaround-Story. Wer hingegen auf Stabilität, planbare Cashflows und geringe politische Risiken setzt, dürfte mit defensiveren Titeln aus dem Versorger- oder Infrastruktursegment besser beraten sein. Klar ist: Die nächsten Quartale werden zeigen, ob der aktuelle Kursverfall den Beginn eines längeren Niedergangs oder den Auftakt für einen späteren Wiederaufstieg markiert.

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