KI-Führung, Studie

KI-Führung: Studie warnt vor versteckten Kosten für deutsche Betriebe

09.01.2026 - 19:00:12

KI-gesteuerte Management-Tools versprechen Effizienz, gefährden aber menschliches Fachwissen und Autonomie – das zeigt eine neue Studie. Die Warnung kommt zur Unzeit für deutsche Unternehmen, denn die EU verschärft gerade die Regeln für algorithmisches Management.

Berlin/Brüssel – Während deutsche Konzerne künstliche Intelligenz in ihre Führungsstrukturen integrieren, warnt eine aktuelle Studie vor den versteckten Kosten dieser Digitalisierung. Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass algorithmisches Management genau jene menschlichen Fähigkeiten untergräbt, die Innovationen vorantreiben. Die Veröffentlichung fällt in eine kritische Phase: Zypern hat turnusgemäß die EU-Ratspräsidentschaft übernommen und muss die Umsetzung der EU-Plattformarbeit-Richtlinie bis Dezember 2026 vorantreiben.

Am Donnerstag veröffentlichten Forscher der Flinders University ihre Studie „Rasantes KI-Wachstum und Arbeitnehmerwohl“. Sie beleuchtet ein paradoxes Phänomen moderner Arbeitsplätze: KI-gesteuerte Tools steigern zwar die operative Effizienz, fördern aber gleichzeitig neue Formen digitaler Unhöflichkeit und bedrohen das implizite Wissen erfahrener Mitarbeiter.

Die Wissenschaftler identifizieren algorithmisches Management – bei dem Software Aufgabenverteilung, Leistungsüberwachung und sogar Einstellungen automatisiert – als zweischneidiges Schwert. Ohne angemessene partizipative Aufsicht entwerte diese Technologie menschliche Arbeit und schränke die Autonomie der Beschäftigten ein. Die Autoren plädieren für ein neues Rahmenwerk des „Job Crafting“, bei dem Mitarbeiter KI-Systeme aktiv mitgestalten, statt passive Empfänger automatisierter Anweisungen zu sein.

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Diese akademische Warnung erreicht die deutsche Industrie zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Betriebsräte in produzierenden Unternehmen und Dienstleistungssektor ringen derzeit damit, wie sie Mitbestimmungsrechte auf diese unsichtbaren Manager anwenden sollen. Die Studie liefert Gewerkschaften neue Argumente: KI-Einführung sei keine bloße technische Verbesserung, sondern eine fundamentale Umgestaltung der Arbeitsorganisation, die verbindliche Konsultation erfordere.

EU-Ratspräsidentschaft setzt auf soziale Kohäsion

In Brüssel tickt die politische Uhr. Seit dem 1. Januar 2026 hat Zypern die rotierende EU-Ratspräsidentschaft unter dem Motto „Eine autonome Union. Offen für die Welt“ übernommen. Das Programm betont zwar Verteidigung und wirtschaftliche Autonomie, legt aber ebenso großen Wert auf soziale Kohäsion und die strikte Umsetzung vereinbarter Arbeitsstandards.

Zentrale Priorität der zypriotischen Präsidentschaft ist die Überwachung der EU-Plattformarbeit-Richtlinie, die Ende 2024 formell angenommen wurde. Mitgliedstaaten – einschließlich Deutschland – müssen diese Vorgaben bis zum 2. Dezember 2026 in nationales Recht umsetzen. Die Richtlinie führt eine Vermutung des Arbeitsverhältnisses für Gig-Worker ein und etabliert erstmals EU-weite Regeln zur algorithmischen Transparenz.

Künftig müssen Algorithmen, die „Kontrolle und Anleitung“ über Arbeitnehmer ausüben, transparent sein. Bei wichtigen Entscheidungen wie Kündigungen ist menschliche Aufsicht verpflichtend. Die zypriotische Präsidentschaft hat signalisiert, dass sie eine Verwässerung dieser Standards während der nationalen Umsetzung verhindern will. Dieser Schritt erhöht den Druck auf Berlin, eigene gesetzliche Anpassungen – etwa am Betriebsrätemodernisierungsgesetz – in den kommenden Monaten abzuschließen.

Deutsche Betriebsräte in vorderster Linie

Für deutsche Gewerkschaften entwickelt sich 2026 zum Jahr der „KI-Mitbestimmung“. Organisationen wie IG Metall und Ver.di argumentieren seit Langem, dass bestehende Gesetze wie § 87 des Betriebsverfassungsgesetzes Betriebsräten bereits Mitbestimmungsrechte bei der Einführung technischer Überwachungssysteme gewähren. Die Undurchsichtigkeit moderner Machine-Learning-Modelle erschwert jedoch die Durchsetzung dieser Rechte.

Die Ergebnisse der Flinders-University-Studie decken sich mit aktuellen Gewerkschaftsforderungen. Das Konzept der partizipativen Aufsicht spiegelt das deutsche Modell der Mitbestimmung wider, erweitert es aber auf die technische Designphase. Arbeitsrechtsexperten erwarten, dass Betriebsräte zunehmend Einblick in die „Logik“ algorithmischer Entscheidungen fordern werden – nicht nur in deren Endergebnis. So ließe sich verhindern, dass Arbeitnehmerautonomie schwindet, wie die neue Studie beschreibt.

Besonders hoch sind die Einsätze in Deutschlands Logistik- und Dienstleistungssektor, wo „digitaler Taylorismus“ – die minütliche Verfolgung von Arbeitnehmerbewegungen – zum Standard wird. Die kommenden EU-Regeln verbieten die Verarbeitung bestimmter emotionaler oder psychologischer Daten. Deutsche Datenschutzbefürworter drängen auf strikte Einhaltung dieser Schutzvorkehrung.

Ausblick: Der Weg bis Dezember

Die kommenden Monate werden in Berlin wahrscheinlich rege Gesetzgebungsaktivität sehen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) wird voraussichtlich Entwürfe vorlegen, die sicherstellen, dass Deutschland die Umsetzungsfrist im Dezember 2026 einhält.

Parallel dazu drängt das Europäische Parlament auf umfassendere Regulierungen. Nach einem Gesetzgebungsbericht seines Beschäftigungsausschusses (EMPL) Ende 2025 gewinnt eine eigene „Richtlinie zum algorithmischen Management“ an Momentum. Sie würde den Schutz über Plattformarbeiter hinaus auf die gesamte traditionelle Arbeitnehmerschaft ausweiten.

Zu Beginn des neuen Jahres ist die Botschaft an die Unternehmensführung klar: Die Ära des „Blackbox“-Managements neigt sich dem Ende zu. Ob durch den Druck neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse oder die Kraft des EU-Rechts – die Algorithmen, die die Belegschaft lenken, werden sich bald vor den Menschen verantworten müssen, die sie anleiten.

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