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IT / OT-Sicherheit: Deutscher Industrie droht der Fachkräfte-Kollaps

19.01.2026 - 16:03:12

Die Konvergenz von IT und Produktionstechnik schafft neue Sicherheitsrisiken. Die EU-Richtlinie NIS2 verschärft die Anforderungen, während ein massiver Fachkräftemangel die deutsche Industrie bedroht.

Die Verschmelzung von Büro-IT und Produktionstechnik öffnet Cyberkriminellen Tür und Tor. Gleichzeitig verschärft die EU mit der NIS2-Richtlinie die Regeln massiv. Experten schlagen Alarm: Es fehlen Tausende Ingenieure, die beide Welten verstehen – eine existenzielle Gefahr für den Industriestandort Deutschland.

Die tickende Zeitbombe in der Fabrikhalle

Industrie 4.0 hat die einst getrennten Sphären der Informationstechnologie (IT) und der Betriebstechnologie (OT) unwiderruflich vereint. Diese Konvergenz steigert die Effizienz, schafft aber auch gigantische neue Einfallstore für Hacker. Während IT-Systeme seit Jahren im Fokus von Cyberangriffen stehen, sind nun die Steuerungen von Robotern, Förderbändern und ganzen Produktionsstraßen bedroht. Das Problem: Klassische Ingenieure kennen ihre Maschinen, aber nicht die Welt der Ransomware. IT-Sicherheitsexperten verstehen hingegen oft die speziellen OT-Protokolle wie Modbus oder OPC UA nicht. Diese gefährliche Wissenslücke nutzen Angreifer gezielt aus – mit Folgen von Produktionsstillständen bis zu millionenschweren Schäden.

NIS2: Der Gesetzgeber erhöht den Druck

Seit Ende 2025 ist die verschärfte EU-Cybersicherheitsrichtlinie NIS2 in deutsches Recht umgesetzt. Sie weitet den Kreis der betroffenen Unternehmen drastisch aus: Rund 30.000 Organisationen in Deutschland müssen sich nun an strengere Meldepflichten und Risikomanagement-Vorgaben halten. Der wohl wichtigste Punkt ist die persönliche Haftung der Geschäftsführung. Verstöße können für Vorstände und Geschäftsführer teuer werden. Parallel etabliert sich die internationale Norm IEC 62443 als Standard für sichere Industrieanlagen. Die Einhaltung beider Regelwerke erfordert profundes Fachwissen – und treibt die Nachfrage nach spezialisierten Ingenieuren in die Höhe.

Der neue Super-Ingenieur: Hybrid-Experten sind gefragt

Die klassische Trennung zwischen Maschinenbauer und IT-Admin ist obsolet. Gefragt sind jetzt hybride Rollen wie OT-Security-Engineer oder Industrial-Cybersecurity-Analyst. Diese Experten müssen Brücken schlagen: Sie benötigen ein tiefes Verständnis für industrielle Prozesse, kennen sich gleichzeitig mit Netzwerksicherheit, Angriffserkennung und Compliance-Management aus. Immer wichtiger wird auch der Umgang mit datengetriebenen Analyse-Tools, um Sicherheitslage und Regelkonformität über den gesamten Lebenszyklus einer Anlage im Blick zu behalten.

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Mittelstand in der Zwickmühle

Während DAX-Konzerne eigene Abteilungen für OT-Sicherheit aufbauen können, steht der industrielle Mittelstand vor einem riesigen Problem. Oft lastet die gesamte Verantwortung für IT- und Produktionsnetzwerke auf den Schultern einer einzigen Person. Die Ressourcen für teure Spezialisten oder umfangreiche Zertifizierungen nach IEC 62443 fehlen. Doch die Nichteinhaltung der NIS2-Vorgaben hat gravierende Folgen: hohe Geldstrafen und im schlimmsten Fall den Rauswurf aus den Lieferketten großer Konzerne, die zertifizierte Sicherheit von ihren Partnern fordern.

Qualifizierungsoffensive gegen den Notstand

Überall in Europa fehlen Tausende qualifizierte Fachkräfte. Als Reaktion boomen spezialisierte Weiterbildungen. Anbieter wie das VDI Wissensforum, Phoenix Contact oder der TÜV haben Kurse im Programm, die Ingenieure in IEC 62443, SCADA-Sicherheit oder der Abwehr von IIoT-Angriffen schulen. Viele Unternehmen setzen verstärkt auf die interne Weiterbildung ihrer Stammbelegschaft. Doch ist das genug?

Die Bedrohungslage entwickelt sich rasant weiter, getrieben durch Künstliche Intelligenz und immer raffiniertere Hackerangriffe. Kontinuierliches Lernen wird zur neuen Norm für Ingenieure. Für die deutsche Industrie ist die Qualifizierungsoffensive an der IT/OT-Schnittstelle keine Kür, sondern eine Frage der Zukunftsfähigkeit. Die Zeit zu handeln ist jetzt.

@ boerse-global.de