InflaRx NV: Biotech-Spekulation zwischen Kursrückgang, Hoffnung auf Gohibic und Geduldfrage
18.01.2026 - 21:29:31Die Aktie von InflaRx NV bleibt ein Wertpapier für nervenstarke Anleger. Nach massiven Kursschwankungen, Kapitalerhöhungen und einem tiefen Rücksetzer seit den Hochphasen der Pandemie ist das Sentiment am Markt gespalten: Während kurzfristige Trader auf Kurssprünge durch Nachrichten zur Kommerzialisierung des Komplement-Hemmers Vilobelimab (Handelsname Gohibic) setzen, agieren langfristige Investoren zunehmend vorsichtig und preisen regulatorische, klinische und finanzielle Risiken ein.
InflaRx ist ein klassischer Biotech-Spezialwert: geringe Marktkapitalisierung, hohe Forschungsintensität, klumpenartige Abhängigkeit von wenigen Projekten – und ein Kurs, der sich stärker an Studienergebnissen, Partnerdeals und regulatorischen Signalen orientiert als am allgemeinen Börsenklima. Die jüngsten Kursbewegungen spiegeln genau dieses Spannungsfeld zwischen Hoffnung auf Werthebel und der Angst vor weiterem Kapitalbedarf wider.
Ein-Jahres-Rückblick: Das Investment-Szenario
Wer vor rund einem Jahr in die InflaRx-Aktie eingestiegen ist, braucht heute starke Nerven – und eine hohe Schmerzgrenze. Der Schlusskurs lag damals nach Daten von Nasdaq und Yahoo Finance bei rund 2,60 US-Dollar je Aktie, während das Papier zuletzt bei etwa 1,90 US-Dollar schloss (Datenabgleich über Nasdaq und Yahoo Finance, letzter verfügbarer Schlusskurs, Stand: jüngste Börsensitzung vor Redaktionsschluss). Das entspricht einem Rückgang von grob 27 Prozent innerhalb von zwölf Monaten.
In der Spitze der vergangenen zwölf Monate erreichte die InflaRx-Aktie ein 52-Wochen-Hoch im Bereich von rund 3,94 US-Dollar, das 52-Wochen-Tief lag bei etwa 1,43 US-Dollar. Damit bewegt sich der aktuelle Kurs eher im unteren Drittel der Spanne. Der Fünf-Tage-Trend zeigt sich jüngst leicht volatil mit eher seitwärts bis schwach abwärts gerichteter Tendenz, während die 90-Tage-Bilanz eine deutlich negative Performance signalisiert. Aus technischer Sicht dominiert damit ein angeschlagener Abwärtstrend, der nur punktuell von kurzen Erholungsbewegungen unterbrochen wird.
Wer vor einem Jahr kaufte, blickt somit aktuell auf ein spürbares Minus – trotz einzelner Kurserholungen nach positiven regulatorischen Nachrichten rund um Gohibic in der Covid-19-Therapie. Anleger, die in den letzten Monaten bei Kursen nahe dem Jahrestief eingestiegen sind, bewegen sich dagegen eher in einer spekulativen Bodenbildungsphase, in der bereits kleine positive Impulse überdurchschnittliche Kursreaktionen auslösen können.
Aktuelle Impulse und Nachrichten
Neue Kursimpulse kamen zuletzt vor allem über die internationale Fach- und Finanzberichterstattung zur weiteren Kommerzialisierung von Gohibic in den USA und zu den Perspektiven der C5a-Inhibition. Das Unternehmen fokussiert sich derzeit darauf, den bereits von der US-Arzneimittelbehörde FDA gewährten Zulassungsstatus von Gohibic zur Behandlung schwerer, durch Covid-19 ausgelöster Erkrankungsverläufe wirtschaftlich nutzbar zu machen. Da die akute Pandemiephase global weitgehend überwunden ist, stellt sich für Investoren jedoch die entscheidende Frage, in welchem Umfang diese Nische noch nachhaltige Umsätze generieren kann.
Analysten und Branchenkommentatoren verweisen zudem auf die pipelinegetriebene Story hinter InflaRx: Vilobelimab beziehungsweise die C5a-Hemmung soll perspektivisch bei weiteren entzündlichen und immunvermittelten Erkrankungen zum Einsatz kommen. In den vergangenen Wochen rückten vor allem mögliche Indikationen in der Dermatologie und seltenen Erkrankungen in den Fokus, über die das Management in Präsentationen und Investorenkonferenzen informiert hat. Konkrete, neue Durchbruchmeldungen gab es zuletzt allerdings nicht, vielmehr war die Nachrichtenlage geprägt von Fortschritts-Updates, Studiendesigns und der Suche nach strategischen Optionen für Partnerschaften, Lizenzdeals oder Ko-Entwicklungen mit größeren Pharmakonzernen.
Da frische, kurstreibende klinische Daten in jüngerer Zeit ausblieben, verlagerte sich die Aufmerksamkeit des Marktes stärker auf die Bilanzqualität und den Cash-Burn. Vor diesem Hintergrund reagiert der Kurs empfindlich auf jede Andeutung eines möglichen zusätzlichen Kapitalbedarfs. Anleger interpretieren ruhige Nachrichtentage daher zunehmend als Phase der technischen Konsolidierung: Der Kurs pendelt in einer engen Spanne, das Handelsvolumen liegt teils deutlich unter den Spitzenwerten der vergangenen Nachrichtenwellen. Charttechniker sprechen von einer Bodenbildungszone, in der sich allerdings noch nicht klar abzeichnet, ob ein nachhaltiger Aufwärtstrend entsteht oder weitere Tiefs getestet werden.
Das Urteil der Analysten & Kursziele
Das Analystenbild zu InflaRx bleibt heterogen, ist aber insgesamt leicht positiv gefärbt. Jüngste Einschätzungen großer Häuser sind zwar seltener geworden als in der heißen Phase rund um die Covid-19-Zulassung, dennoch liegen aktuelle Bewertungen vor, die ein gewisses Aufwärtspotenzial signalisieren. In den vergangenen Wochen bestätigten mehrere Research-Häuser ihre Einstufungen mit einem Fokus auf den mittel- bis langfristigen Wert der C5a-Plattform.
Nach Auswertung der letzten bei Finanzportalen wie MarketWatch, Nasdaq und Yahoo Finance abrufbaren Analystenberichte überwiegen Kauf- und Halteempfehlungen. So führen einzelne US-Boutiquen InflaRx weiterhin mit einem Rating im Bereich "Buy" beziehungsweise "Overweight" und Kurszielen, die zum Teil deutlich über dem aktuellen Kurs liegen – teilweise im Spektrum zwischen rund 4 und 6 US-Dollar je Aktie. Diese Spanne reflektiert die Option, dass Gohibic zusätzliche Indikationen oder eine breitere Nutzung in der Intensivmedizin finden könnte und dass pipelinegetriebene Meilensteine zu signifikanten Bewertungsaufschlägen führen.
Große internationale Investmentbanken wie Goldman Sachs, JPMorgan oder die Deutsche Bank äußern sich hingegen derzeit nicht in hoher Frequenz zu InflaRx; der Titel ist eher ein Nischensegment für spezialisierte Biotech-Analysten. Wo Einschätzungen vorliegen, werden die Risiken offen benannt: Die Abhängigkeit von wenigen klinischen Programmen, die Unsicherheit bezüglich Erstattungsfähigkeit und Marktvolumen von Gohibic und der mögliche Bedarf an weiteren Kapitalmaßnahmen. Entsprechend nutzen konservative Analysten tendenziell neutrale Einstufungen im Bereich "Hold", solange entscheidende klinische und kommerzielle Datenpunkte noch ausstehen.
In Summe ergibt sich so ein Bild, bei dem die Wall Street das Papier überwiegend als spekulative Kaufchance mit asymmetrischem Chance-Risiko-Profil betrachtet: Nach unten begrenzt durch die bereits stark gefallene Bewertung, nach oben offen für den Fall klinischer Erfolge oder strategischer Transaktionen mit Big Pharma. Der Handlungshorizont dieser Einstufungen ist dabei klar langfristig; kurzfristige Trader spielen eine andere, vor allem nachrichtengetriebene Logik.
Ausblick und Strategie
Für die kommenden Monate wird sich die Story von InflaRx an drei zentralen Achsen entscheiden: klinischer Fortschritt, strategische Partnerschaften und Finanzierungsstabilität. Auf der klinischen Ebene bleibt entscheidend, ob das Unternehmen seine C5a-Plattform über Covid-19 hinaus in weitere Indikationen hinein validieren kann. Gelingt es, belastbare Wirksamkeitsdaten in zusätzlichen Krankheitsfeldern vorzulegen, könnte sich das Bild schlagartig drehen – sowohl aus Sicht der Umsatzperspektive als auch in der Verhandlungsposition gegenüber potenziellen Partnern.
Strategisch rückt daher das Thema Kooperationen mit größeren Pharma- oder Biotechkonzernen in den Mittelpunkt. Für viele kleine forschungsstarke Unternehmen ist ein Lizenz- oder Co-Development-Deal der Schlüssel, um Entwicklungsrisiken zu teilen, klinische Programme zu beschleunigen und zugleich dringend benötigte Barmittel hereinzuholen. InflaRx signalisiert seit geraumer Zeit Offenheit für solche Modelle. Ein substanzieller Deal mit attraktiven Upfront- und Meilensteinzahlungen wäre ein potenzieller Kurskatalysator, der auch das Sentiment spürbar drehen könnte.
Gleichzeitig darf die Finanzierungsfrage nicht unterschätzt werden. Wie aus den letzten Quartalsberichten hervorgeht, arbeitet InflaRx mit einem für Biotech-Verhältnisse typischen, aber deutlich spürbaren Cash-Burn. Reicht die bestehende Liquiditätsbasis nicht über mehrere Jahre klinischer Entwicklung, stehen entweder weitere Kapitalerhöhungen oder alternative Finanzierungsformen wie Wandelschulden oder Asset-basierte Deals im Raum. Aus Aktionärssicht erhöhen neue Aktien in der Regel die Verwässerungsangst und begrenzen mögliche Kursanstiege – zumindest kurzfristig.
Für Anleger stellt sich daher die strategische Frage, wie man das Wertpapier in einem Portfolio positioniert: als kleine spekulative Beimischung mit der Option auf einen mehr als proportionalen Kurshebel im Erfolgsfall – oder als Titel, den man eher meidet, solange keine klaren Belege für tragfähige, wiederkehrende Umsätze vorliegen. Institutionelle Investoren tendieren derzeit eher zur ersten Variante: geringe Gewichtung, aber bewusste Beimischung im Rahmen eines breiten Biotech-Korbs.
Privatanleger sollten sich bewusst machen, dass InflaRx ein klassischer Binärwert bleibt: Klinische und regulatorische Meilensteine können binnen Tagen zweistellige Kursbewegungen auslösen – nach oben wie nach unten. Wer investiert, sollte dies mit einem klar definierten Risikobudget tun, Nachrichtenlage und Studienkalender eng verfolgen und sich über die eigene Haltedauer im Klaren sein. Technisch könnte eine nachhaltige Überwindung der Marke von rund 3 US-Dollar ein Signal für eine Trendwende liefern, während ein Abrutschen in Richtung des 52-Wochen-Tiefs von etwa 1,40 US-Dollar das Vertrauen des Marktes weiter erodieren würde.
Unterm Strich bleibt InflaRx ein Wert für Anleger, die bereit sind, Unsicherheit zu akzeptieren und auf die Hebelwirkung erfolgreicher Biotech-Innovation zu setzen. Wer dagegen planbare Cashflows und geringe Volatilität sucht, wird bei etablierten Pharmawerten besser aufgehoben sein. Die nächsten klinischen Updates und mögliche Partnerschaftsmeldungen werden zeigen, ob aus der spekulativen Hoffnung eine tragfähige Investmentstory werden kann.


