Indiens WTO-Klage gegen EU-Klimazoll droht Handelskrieg
31.12.2025 - 06:00:12Indien reicht offenbar WTO-Beschwerde gegen den CO₂-Grenzausgleich der EU ein – ausgerechnet zum Start der entscheidenden Zahlungsphase. Der Streit gefährdet das geplante Freihandelsabkommen und könnte zu einem globalen Präzedenzfall werden.
Ab dem 1. Januar 2026 wird es ernst: Der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) der Europäischen Union tritt in seine finanzielle Hauptphase ein. Für indische Exporteure von Stahl, Aluminium und Zement bedeutet das: Sie müssen erstmals direkt für den Kohlenstoff-Fußabdruck ihrer Waren zahlen. Bisher galt nur eine Meldepflicht. Diese Zäsur hat in Neu-Delhi offenbar die Entscheidung reifen lassen, rechtliche Schritte einzuleiten.
Nach Informationen aus dem indischen Handelsministerium wird eine formelle Streitbeilegungsklage bei der Welthandelsorganisation (WTO) finalisiert. Ein Sprecher der EU-Kommission bestätigte gegenüber dieser Redaktion, man sei „über die möglichen Schritte informiert“ und bleibe im Dialog, halte aber am CBAM als „notwendiges Instrument für Klimagerechtigkeit“ fest.
Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits spürbar. Laut einem Bericht der Global Trade Research Initiative (GTRI) vom 26. Dezember sind die indischen Stahlexporte in die EU im Geschäftsjahr 2025 allein durch den bürokratischen Aufwand bereits um 24 Prozent eingebrochen. Mit den nun fälligen Zahlungen droht ein weiterer dramatischer Rückgang. EU-Importeure müssen für Nicht-EU-Waren teure CBAM-Zertifikate kaufen, was indischen Produkten einen effektiven Preisnachteil von 20 bis 35 Prozent gegenüber europäischen Konkurrenten verschafft.
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„Ab morgen konkurriert indischer Stahl nicht mehr nur mit Qualität und Preis, sondern mit einer regulatorischen Mauer“, kommentiert ein Handelsexperte aus Neu-Delhi die Lage.
Diplomatisches Patt gefährdet Freihandelsabkommen
Der Zeitpunkt der WTO-Drohung ist brisant. Er fällt mit der finalen Phase der Verhandlungen über ein Indien-EU-Freihandelsabkommen (FTA) zusammen. Indiens Handelsminister Piyush Goyal reist am 8. Januar 2026 nach Brüssel – in dem, was Beobachter als „letzten Rettungsversuch“ für das Handelsabkommen werten.
Hintergrund ist eine klare Absage aus Brüssel. Indiens wiederholte Bitten um eine Ausnahme oder eine lange Übergangsfrist für den CBAM seien im November 2025 endgültig abgelehnt worden, berichten diplomatische Quellen. Diese Haltung hat Neu-Delhi offenbar verhärtet. Minister Goyal warnte bereits vor „Vergeltungsmaßnahmen“, sollten die Abgaben ohne Kompensationsmechanismen in Kraft treten. Denkbar sind eigene Zölle auf EU-Importe.
„Man kann kein Freihandelsabkommen mit einem Partner schließen, der einseitig einen 30-prozentigen Steueraufschlag auf Ihre wichtigsten Exportgüter erhebt“, brachte es ein hochrangiger Beamter des Stahlministeriums diese Woche auf den Punkt. Das geplante Abkommen, das auch die Lieferketten-Diversifizierung weg von China vorantreiben soll, steht damit auf der Kippe.
Globale Front gegen „grünen Protektionismus“
Indien geht nicht allein in den Kampf. Die geplante Klage folgt einem ähnlichen Schritt Russlands vom Juli 2025. Doch Indiens Argumentation wird sich voraussichtlich auf ein anderes Prinzip stützen: die „gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten“ (CBDR) des Pariser Klimaabkommens.
Indien wird argumentieren, dass die EU Entwicklungsländer unfair bestraft, weil diese keine identischen CO₂-Preissysteme haben. Rechtswissenschaftler erwarten, dass der Kern des Falls die Frage sein wird, ob der CBAM ein illegitimer Importzoll oder eine zulässige interne Umweltregulierung ist. Ein Erfolg Indiens vor der WTO könnte die EU zwingen, ihr Flaggschiff der Klimapolitik umzuschreiben – ein Prozess, der Jahre dauern würde.
Die globale Handelspolitik wird zunehmend fragmentierter. Während die USA unter der aktuellen Administration ebenfalls Zölle erhöhen, navigiert Indien in einem „gespaltenen Welthandelssystem“, wie es der GTRI-Jahresrückblick nennt. Die WTO-Klage signalisiert: Das Land ist bereit, einen Handelskrieg an mehreren Fronten zu führen, um seine industriellen Ambitionen zu schützen.
Unsicherheit für die Industrie und offener Ausgang
Für Indiens Schwerindustrie beginnt 2026 mit großer Unsicherheit. Vor allem kleinere und mittlere Exportunternehmen (KMU) sind verwundbar. Die Kosten für die Überwachung und Verifizierung von Emissionsdaten sind für sie bereits jetzt eine enorme Hürde. Mit den finanziellen Abgaben wird eine Konsolidierung erwartet: Nur große Konglomerate dürften das Kapital haben, die neue „grüne Mauer“ zu überwinden.
Das erste Quartal 2026 wird entscheidend. Scheitert Minister Goyals Mission in Brüssel an einem Kompromiss – etwa der gegenseitigen Anerkennung von Indiens eigenem Emissionshandelssystem (CCTS) –, wird die WTO-Beschwerde wohl unmittelbar eingereicht.
Mit dem Jahreswechsel endet die Ära des kostenlosen CO₂-Ausstoßes im Handel. Für Indien und die EU bringt das neue Jahr nicht nur eine neue Steuer, sondern eine Grundsatzfrage auf den Prüfstand: Können ambitionierte Klimapolitik und freier Handel überhaupt koexistieren? Die Antwort könnte die globalen Handelsbeziehungen für Jahre prägen.
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