GKV will Patienten per App zum Facharzt lenken
26.01.2026 - 13:16:12Die gesetzlichen Krankenkassen fordern eine Pflicht zur digitalen Ersteinschätzung vor jedem Arztbesuch. Das geplante Navigationstool soll Patienten direkt zu passenden Fachärzten lotsen – und könnte die Hausarzt-Praxis aushebeln.
BERLIN – Ein digitaler Türsteher für Deutschlands Arztpraxen? Der GKV-Spitzenverband hat ein Konzept für ein verpflichtendes „digitales Navigationstool“ vorgelegt. Patienten sollen künftig per App oder Telefon ihre Symptome schildern, bevor sie einen Praxis-Termin buchen dürfen. Das System würde dann über die weitere Behandlung entscheiden – bis hin zur direkten Überweisung zum Spezialisten. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) erhält damit Vorschläge für ihr geplantes Primärversorgungsgesetz.
Algorithmus statt Hausarzt?
Laut dem am Montag veröffentlichten Konzept soll das Tool über die App der elektronischen Patientenakte (ePA) oder den bundesweiten ärztlichen Bereitschaftsdienst 116117 erreichbar sein. Ein Algorithmus wertet die geschilderten Symptome aus und lotst den Patienten zum „geeigneten Versorgungsangebot“. Das reicht vom Video-Sprechstundentermin über die Empfehlung von Selbstbehandlung bis zur Zuweisung in die Notaufnahme.
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Die größte Neuerung: Das Tool könnte Überweisungen zu Fachärzten ausstellen und Folgerezepte für chronisch Kranke autorisieren – ganz ohne direkten Arztkontakt. Damit würde die traditionelle Hausarzt-Schleuse praktisch umgangen. Die Kassen versprechen sich davon eine massive Entlastung des Systems.
Kassen: „Lange überfällige Effizienz“
„Unser Gesundheitssystem muss endlich in der digitalen Gegenwart ankommen“, begründet GKV-Vizechefin Stefanie Stoff-Ahnis den Vorstoß. Angesichts des akuten Fachkräftemangels und finanzieller Engpässe seien solche Effizienzmaßnahmen überfällig. Viele Arztbesuche ließen sich vermeiden oder besser koordinieren.
Das Navi soll als zentrale Plattform für Terminvergaben fungieren und Wartezeiten verkürzen. Überlastete Notaufnahmen und Praxen könnten entlastet werden, so die Hoffnung. Doch der Plan stößt auf massive Kritik.
Patienten befürchten „Zugangshürden“
Selbsthilfe-Organisationen wie die BAG Selbsthilfe warnen vor einer digitalen Zweiklassengesellschaft. Ältere oder digital weniger versierte Menschen könnten vom System ausgeschlossen werden. „Ein verpflichtendes digitales Tool wäre eine massive Hürde“, heißt es von Patientenseite.
Kritiker fürchten um das Arzt-Patienten-Verhältnis. Die freie Arztwahl, ein Grundpfeiler des deutschen Systems, würde ausgehöhlt, wenn ein Algorithmus den Behandlungsweg vorgebe. Auch Ärzteverbände bevorzugen ein hausarztzentriertes Modell gegenüber einer von den Kassen gesteuerten Digital-Lösung.
Warkens Reform unter Druck
Der Vorstoß der Kassen kommt zur strategischen Zeit. Gesundheitsministerin Warken will 2026 ein Gesetz zur Stärkung der Primärversorgung vorlegen. Die Kassen positionieren ihr Navi nun als technologischen Kernbaustein dieser Reform.
Warken muss einen Balanceakt meistern: Sie braucht effizientere Strukturen, darf aber die flächendeckende Versorgung nicht gefährden. Von der Vorgängerregierung hat sie ein „schwieriges Erbe“ übernommen, wie sie selbst einräumt. Die Debatte um das digitale Navi wird die Gesundheitspolitik in den kommenden Wochen dominieren.
Skandinavisches Modell mit digitalem Dreh?
Fachleute sehen in dem Konzept einen radikalen Systemwechsel. Deutschland würde sich „Gatekeeper“-Modellen wie in Skandinavien oder Großbritannien annähern – allerdings mit digitalem Vorzeichen. Die Technologie dafür, angetrieben durch die ePA, ist weitgehend vorhanden.
Umstritten bleibt der rechtliche und ethische Rahmen. Kann ein Algorithmus über Arztbesuche entscheiden? Das Bundesgesundheitsministerium will nun Gespräche mit Ärzten, Kassen und Patientenvertretern führen. Sollte das Modell kommen, wäre es die tiefgreifendste Veränderung des Arztzugangs seit Jahrzehnten.
Stand: 26. Januar 2026
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