EU-Verhandlungen, Biometrie-Datentransfer

EU-Verhandlungen über Biometrie-Datentransfer zu USA alarmieren Datenschützer

12.01.2026 - 17:43:12

Die EU-Kommission startet Verhandlungen über ein neues Abkommen zum Austausch biometrischer Daten mit den USA. Dies stellt Unternehmen vor zusätzliche regulatorische Hürden in einem bereits komplexen Umfeld.

Die EU-Kommission erhält grünes Licht für Verhandlungen über ein neues Biometrie-Abkommen mit den USA – und stellt Unternehmen vor massive Compliance-Herausforderungen.

Brüssel. Die Regeln für internationalen Datentransfer werden noch komplexer: Die Europäische Union hat die Kommission ermächtigt, ein neues Abkommen zum Austausch biometrischer Daten mit den USA auszuhandeln. Die geplante „Erweiterte Partnerschaft für Grenzsicherheit“ soll visumfreies Reisen für EU-Bürger erhalten, doch Datenschützer schlagen Alarm. Sie fürchten unklare Schutzvorkehrungen und ausgeweitete Überwachung – eine zusätzliche Hürde für Unternehmen in einem ohnehin schon anspruchsvollen regulatorischen Umfeld.

Diese Entwicklung trifft auf eine Phase intensiver regulatorischer Veränderungen. Unternehmen kämpfen bereits mit einer Welle neuer Digitalgesetze 2026. Ein weiteres komplexes transatlantisches Datenabkommen bereitet Chief Information Security Officers und Datenschutzteams weltweit Kopfzerbrechen.

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Was die „Erweiterte Grenzsicherheits-Partnerschaft“ bedeutet

Das neue Mandat ermöglicht Verhandlungen über einen Rahmen zum Austausch sensibler Reisendaten, einschließlich biometrischer Identifikatoren wie Fingerabdrücke und Gesichtsscans. Offizielles Ziel ist die Absicherung des Visa-Waiver-Programms. Der Mechanismus sieht vor, dass einzelne EU-Mitgliedstaaten später bilaterale Vereinbarungen mit den USA unter dem Dach des Hauptrahmens treffen.

EU-Beamte betonen öffentlich, dass robuste Datenschutzgrenzen Kernbestandteil jeder endgültigen Vereinbarung sein werden. Kritiker verweisen jedoch auf die vage Sprache des Vorschlags. Ihre Befürchtung: Die unklaren Grenzen für Datenzugriff könnten über Reisende hinaus ausgeweitet werden. Das wirft grundlegende Fragen zur Vereinbarkeit mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) auf. Diese verlangt für Datentransfers außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums ein angemessenes Schutzniveau – ein Standard, der bereits Gegenstand heftiger Rechtsstreite war.

Fragmentiertes regulatorisches Umfeld verschärft Lage

Das Biometrie-Abkommen kommt nicht isoliert. Es taucht auf, während Unternehmen sich durch einen Dschungel neuer Digitalvorschriften navigieren, die 2026 in Kraft traten. Die wegweisende KI-Verordnung der EU tritt in eine praktische Phase ein und verpflichtet zu umfangreicher Governance, Dokumentation und Risikomanagement. Parallel startet die zweite Stufe des EU-Datengesetzes, das neue Pflichten für Datenzugriff und -nutzung bei vernetzten Produkten schafft.

Die Komplexität erhöht ein Flickenteppich an Gesetzen in den USA. Neue Datenschutzgesetze auf Bundesstaatenebene mit unterschiedlichen Anforderungen traten Anfang 2026 in Kentucky, Rhode Island und Kalifornien in Kraft. Multinationale Unternehmen müssen nun divergierende Compliance-Pflichten managen. Diese fragmentierte globale Landschaft bedeutet: Jedes neue EU-US-Datentransferabkommen muss sorgfältig konstruiert werden, um weitere rechtliche Unsicherheit zu vermeiden. Eine aktuelle Umfrage unterstreicht die Abhängigkeit: Eine große Mehrheit der Unternehmen in Deutschland überträgt personenbezogene Daten in Drittländer, um essentielle Dienste wie Cloud-Plattformen zu nutzen.

Echo vergangener transatlantischer Datenkonflikte

Die Skepsis gegenüber den neuen Verhandlungen speist sich aus der Geschichte gescheiterter EU-US-Datentransferrahmen. Frühere Abkommen wie Safe Harbor und Privacy Shield wurden vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) gekippt. Der Gerichtshof sah den Schutz EU-Bürgerdaten vor US-Überwachung als unzureichend an. Der aktuelle Mechanismus, das EU-US-Datenschutzrahmenabkommen (DPF), steht weiter unter rechtlicher Beobachtung.

Diese Vorgeschichte schafft ein prekäres Umfeld für Tausende Unternehmen, die für den transatlantischen Handel auf das DPF angewiesen sind. Rechtsexperten argumentieren: Ohne grundlegende Reformen des US-Rechts dürfte jedes neue Abkommen ähnlichen rechtlichen Herausforderungen ausgesetzt sein. Der Kernkonflikt bleibt die Spannung zwischen der EU, die Datenschutz als Grundrecht behandelt, und US-Gesetzen, die Nachrichtendiensten breiten Datenzugriff gewähren.

Zwischen Sicherheit und Privatsphäre: Ein Balanceakt

Das Drängen auf ein Biometrie-Datenabkommen unterstreicht den anhaltenden Konflikt zwischen Sicherheitsinteressen und Privatsphärenrechten. Während das Abkommen mit Grenzsicherheit und visumfreiem Reisen begründet wird, ist die Gefahr eines „Scope Creep“ – einer unkontrollierten Ausweitung – eine Hauptsorge von Bürgerrechtsgruppen. Ohne explizite, rechtlich bindende Grenzen für die Nutzung der geteilten biometrischen Daten durch US-Behörden könnte der Rahmen als unverhältnismäßig angefochten werden.

Für internationale Unternehmen fügt die Ankündigung eine weitere Risikoschicht hinzu. Die Möglichkeit einer Außerkraftsetzung des DPF, gepaart mit neuen, potenziell umstrittenen Datenaustauschpakten, zwingt Unternehmen dazu, mehrere Rechtsgrundlagen für Datentransfers vorzuhalten. Dazu zählen Standardvertragsklauseln (SCCs) und gründliche Transfer-Folgenabschätzungen. Versäumnisse können zu hohen Geldstrafen nach der DSGVO führen – bis zu vier Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Ausblick: Verhandlungen unter scharfer Beobachtung

Mit dem formalen Verhandlungsmandat werden die Gespräche mit den USA voraussichtlich bald beginnen. Der Prozess wird von Datenschutzbehörden, Privacy-Aktivisten und dem Europäischen Parlament scharf überwacht. Die zentrale Herausforderung wird sein, ein Abkommen mit Schutzvorkehrungen zu entwerfen, die präzise und stark genug sind, um die strengen EU-Rechtsanforderungen zu erfüllen und einer möglichen Überprüfung durch den EuGH standzuhalten.

Das Ergebnis dieser Gespräche wird weitreichende Folgen haben. Ein erfolgreiches und rechtlich robustes Abkommen könnte eine stabile Basis für bestimmte datenschutzrelevante Transfers in der Strafverfolgung schaffen. Ein Scheitern an ausreichendem Schutz würde nicht nur das Abkommen selbst gefährden. Es würde die bestehende rechtliche Unsicherheit für alle transatlantischen Datenflüsse vertiefen und Unternehmen in einem anhaltenden Compliance-Schwebezustand belassen.

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