EU-Tarifreform, Solarbranche

EU-Tarifreform: Solarbranche vor letzter Klassifizierungs-Frist

30.12.2025 - 06:44:12

Eine neue EU-Zollnomenklatur ersetzt ab 2026 die Leistungsklassifizierung von Wechselrichtern durch ein technisches Kriterium. Importeure müssen ihre Daten bis Jahresende anpassen, um Lieferverzögerungen zu vermeiden.

Die neue EU-Zollnomenklatur stellt die Einfuhr von Wechselrichtern ab Neujahr auf den Kopf. Statt Leistung zählt nun eine technische Funktion – und die Uhr tickt.

Brüssel/Wien – Für Importeure von Photovoltaik-Technik läuft die Zeit ab. Mit dem Jahreswechsel tritt die neue EU-Kombinierte Nomenklatur 2026 in Kraft, die die Zollklassifizierung von Solar-Wechselrichtern grundlegend ändert. Die bisherige Unterscheidung nach Leistung (kVA) wird durch ein technisches Kriterium ersetzt: die Maximum Power Point (MPP)-Tracking-Funktion. Für Hersteller und Logistiker bedeutet das eine hektische Datenaktualisierung bis zur Deadline am 1. Januar.

Die Änderung, festgeschrieben in der Durchführungsverordnung (EU) 2025/1926 der Kommission, stellt viele Unternehmen vor massive operative Herausforderungen. Wer die neuen Codes ab Donnerstagfrüh nicht korrekt anwendet, riskiert abgewiesene Zollerklärungen und Lieferverzögerungen – ausgerechnet in einem ohnehin angespannten europäischen Solarmarkt.

Das Ende der einfachen Leistungsklassen

Bisher war die Einordnung simpel: Wechselrichter wurden primär nach ihrer Leistung in Kilovoltampere (kVA) klassifiziert. Ab 2026 ist diese Logik obsolet. Die neue Tarifstruktur führt eine funktionale Unterscheidung ein, die tieferes Gerätewissen erfordert:

  • Code 8504 40 84: Wechselrichter mit MPP-Tracking-Funktion.
  • Code 8504 40 87: Wechselrichter ohne MPP-Tracking-Funktion.

MPP-Tracking ist eine Technik, um die Leistungsentnahme aus PV-Anlagen unter allen Bedingungen zu maximieren. Sie ist in den meisten modernen Wechselrichtern Standard, aber nicht universell – besonders bei älteren Modellen oder speziellen Industrieumrichtern.

„Die Krux ist, dass ‚MPP-Tracking‘ selten ein Standardfeld in logistischen Stammdaten ist“, warnt eine aktuelle Analyse von CustomsNews. Unternehmen müssten nun tausende Artikelnummern manuell mit technischen Handbüchern abgleichen, um die korrekte Klassifizierung zu finden.

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Teil einer größeren „Green Deal“-Anpassung

Die Neuklassifizierung der Wechselrichter ist Teil einer umfassenden Überarbeitung der Kombinierten Nomenklatur. Ziel der EU-Kommission ist es, den grünen Wandel statistisch besser abbilden zu können. Durch spezifische Codes für Schlüsseltechnologien will Brüssel präzisere Handelsdaten erhalten.

Neben Wechselrichtern führt das Update 2026 detaillierte Codes für weitere Zukunftstechnologien ein:
* Wasserstoff: Neue Unterpositionen für Generatoren mit Brennstoffzellen (8501 33).
* Batteriekomponenten: Separatoren („Scheider“) aus Kunststofffolie für Akkus werden neu differenziert (8507 90 31/39).
* PV-Herstellung: Photovoltaik-Wafer erhalten eigene Codes (3818 00 11/19), abgetrennt von allgemein dotiertem Silizium.

Diese Änderungen schaffen die statistische Grundlage, um künftige Maßnahmen wie den Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) oder Ziele zur strategischen Autonomie gezielter durchsetzen zu können.

Akute Betriebsrisiken und notwendige Schritte

Für Logistikabteilungen ist das akute Risiko die Zurückweisung von Zollerklärungen, die ab dem 1. Januar mit den alten Codes eingereicht werden. Automatisierte Zollsysteme wie ATLAS in Deutschland werden die alten Codes 8504 40 85 und 8504 40 68 für neue Vorgänge technisch sperren.

Beratungsunternehmen verzeichnen eine Flut letzter Anfragen. Der Engpass: Während die Nennspannung ein standardisiertes Datenfeld ist, steckt die „MPP-Fähigkeit“ oft in PDF-Datenblättern und muss manuell extrahiert werden. Logistiker raten ihren Kunden zu drei Sofortmaßnahmen:

  1. Automatische Anmeldungen stoppen für Wechselrichter mit geplanter Freigabe nach dem 31. Dezember, bis die Codes verifiziert sind.
  2. Technikabteilungen einbinden, um auch „Altlasten“ wie Ersatzteile ohne moderne Dokumentation korrekt zu klassifizieren.
  3. Zollsoftware aktualisieren, damit die neuen CN-2026-Tabellen aktiv sind.

Ausblick: Reibungsverluste zu Jahresbeginn

Nach der Weihnachtspause rechnet die Branche mit erheblichen Friktionen an wichtigen Eingangspunkten wie Rotterdam oder Hamburg. Solarlieferungen, die seit Wochen unterwegs sind, treffen mit Dokumenten nach den alten Regeln ein. Sie müssen vor der Zollabfertigung umkodiert werden – was in den ersten Januarwochen zu Staus führen könnte.

Langfristig signalisiert die Änderung ein strengeres regulatorisches Umfeld für Hardware der erneuerbaren Energien. Mit den spezifischen Codes hat die EU nun die statistische Infrastruktur, um künftig gezielte Handelsmaßnahmen für bestimmte Wechselrichter-Typen ergreifen zu können. Für Handels-Compliance-Verantwortliche geht es im Moment jedoch vor allem um eines: den Übergang in das neue Jahr zu überstehen, ohne dass die Lieferketten ins Stocken geraten.

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