China-Handelsstreit, Mindestpreise

EU setzt im China-Handelsstreit auf Mindestpreise statt Zölle

15.01.2026 - 16:44:12

Die EU-Kommission erlaubt chinesischen Herstellern, Strafzölle durch Preisverpflichtungen zu umgehen. Eine Studie zeigt jedoch massive Umlenkungseffekte bei den Importen.

Die EU-Kommission ermöglicht chinesischen E-Auto-Herstellern, Strafzölle durch Preisverpflichtungen zu umgehen. Doch eine neue Studie zeigt alarmierende Marktverzerrungen.

Brüssel/Berlin. Im Handelskonflikt mit China vollzieht die Europäische Union eine strategische Wende. Statt der seit 2024 geltenden Ausgleichszölle von bis zu 35 Prozent können chinesische Elektroauto-Hersteller nun Mindestimportpreise zusagen. Die neuen Leitlinien sollen Wettbewerbsverzerrungen durch Pekings Subventionen ausgleichen – doch sie stehen bereits unter massivem Druck. Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) belegt massive Umlenkungseffekte, die die Wirksamkeit der gesamten EU-Strategie infrage stellen.

Preisverpflichtungen als diplomatischer Kompromiss

Die Anfang dieser Woche veröffentlichten Richtlinien markieren einen Wendepunkt. Chinesische Hersteller können detaillierte Preisverpflichtungen einreichen, um die Strafzölle zu umgehen. Diese müssen nachweisen, dass die schädlichen Effekte staatlicher Subventionen neutralisiert werden. Konkret legen die Unternehmen Mindestimportpreise pro Modell fest und geben Auskunft über Vertriebswege und Investitionspläne in der EU.

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Peking begrüßt den Schritt als Signal für eine „sanfte Landung“ im schwelenden Konflikt. Die Regelung ist das Ergebnis monatelanger Verhandlungen, die eine Alternative zu den umstrittenen Zöllen suchten. Für die chinesische Industrie bedeutet sie mehr Planungssicherheit auf dem europäischen Markt.

IW-Studie enthüllt alarmierende Marktverzerrungen

Während Brüssel und Peking verhandelten, hat der Markt längst reagiert. Eine heute veröffentlichte Analyse des IW zeigt klare Umlenkungseffekte. Die Zahlen sind eindeutig: Zwischen dem ersten Halbjahr 2023 und 2025 sanken die Importe reiner Elektroautos (BEV) aus China um 56 Prozent. Im gleichen Zeitraum schossen die Einfuhren von Plug-in-Hybriden (PHEV) jedoch um 82 Prozent in die Höhe.

Exporteure weichen also massiv auf eine eng verwandte, aber zollfreie Produktkategorie aus. Das IW warnt, dass solche Effekte durch die hohen US-Zölle auf chinesische Waren noch verstärkt werden – Europa wird zum attraktiven Ausweichmarkt. Das Institut hat eine neue Methodik entwickelt, um diese Verschiebungen künftig systematisch zu überwachen.

Deutsche Autoindustrie in der Zwickmühle

Die Reaktionen in Deutschland sind gespalten. Verbände wie der VDA hatten von Beginn an vor einem eskalierenden Handelskonflikt gewarnt. Die neuen Mindestpreis-Regeln könnten es Konzernen wie VW erleichtern, eigene in China produzierte Modelle wie den Cupra Tavascan nach Europa zu importieren.

Dennoch reagierten die Finanzmärkte nervös. Die Aktienkurse von BMW, Volkswagen, Mercedes-Benz und Porsche gaben nach. Analysten fürchten, dass der Wegfall der Strafzölle den Wettbewerbsdruck durch chinesische Marken weiter erhöht – und damit die Margen der etablierten Hersteller zusätzlich unter Druck setzt.

Experten zweifeln Grundannahme der EU an

Kritik kommt auch von unabhängigen Experten. Die EU-Zölle basieren auf der Annahme, chinesische Hersteller hätten durch Subventionen einen Preisvorteil von 20 Prozent. Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) hält diese Prämisse für fragwürdig.

Eine CAR-Analyse zeigt: Chinesische E-Autos werden in Europa im Schnitt zu Preisen verkauft, die 118 Prozent über denen im Heimatmarkt liegen. Die hohen Vertriebs- und Marketingkosten in Europa machen aggressives Preisdumping derzeit unattraktiv. Die neue Mindestpreisregelung könnte daher ins Leere laufen, wenn die tatsächlichen Verkaufspreise ohnehin weit darüber liegen.

Umfassendes Monitoring wird zur Schlüsselaufgabe

Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Strategie aufgeht. Chinesische Hersteller können nun ihre Preisverpflichtungen in Brüssel einreichen. Die EU-Kommission prüft die Vorschläge, wobei die Mitgliedstaaten sie mit qualifizierter Mehrheit blockieren und die ursprünglichen Zölle beibehalten können.

Die größte Herausforderung wird ein effektives Überwachungssystem sein. Es muss nicht nur die Einhaltung der Mindestpreise kontrollieren, sondern die gesamten Handelsströme im Blick behalten. Die IW-Studie beweist, wie schnell sich Exportstrategien anpassen. Ohne ein agiles Monitoring von Umlenkungseffekten droht die neue EU-Strategie, im globalen Handelswettbewerb wirkungslos zu bleiben.

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