EU-Regulierer, Visier

EU-Regulierer nehmen „Agentic“-Smartglasses ins Visier

29.12.2025 - 00:01:12

Die EU-Behörden untersuchen autonome Smartglaces auf Einhaltung des KI-Gesetzes. Hersteller stehen vor Compliance-Hürden, Produktstarts könnten sich verzögern.

Die EU-Behörden haben Untersuchungen gegen die neueste Generation KI-gesteuerter Wearables eingeleitet. Im Fokus stehen Smartglasses, die eigenständig handeln können – ein Stresstest für das neue KI-Gesetz.

Berlin/Brüssel. Noch vor Jahresende 2025 schlägt die EU-Kommission ein neues Kapitel bei der Durchsetzung des KI-Gesetzes auf. Wie Branchenkreise bestätigen, haben die Aufsichtsbehörden am Wochenende offizielle Prüfverfahren gegen Hersteller sogenannter „Agentic AI“-Wearables eingeleitet. Konkret geht es um intelligente Brillen, die nicht nur aufzeichnen, sondern eigenständig im Namen des Nutzers handeln können. Diese Entwicklung markiert eine deutliche Verschärfung des regulatorischen Drucks auf die Tech-Branche.

Von passiven Geräten zu autonomen Assistenten

Der Auslöser für die plötzlichen Untersuchungen ist ein fundamentaler Wandel in der Wearable-Technologie. Laut einem Bericht des Digital Watch Observatory vom 26. Dezember entwickeln sich Sicherheits- und Consumer-Geräte rasant von experimentellen Tools zu Kernsystemen. Die neue Gerätegeneration setzt auf „Agentic AI“ – Systeme, die sich Ziele setzen und Entscheidungen treffen können. Sie agieren als „intelligente Begleiter, die die Umgebung interpretieren und zeitnahe Handlungsanweisungen geben“.

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Für die EU-Regulierer ist dieser Unterschied entscheidend. Eine KI, die eigenständig eine Menschenmenge scannt, um Personen zu identifizieren, oder basierend auf visuellen Hinweisen Finanztransaktionen ausführt, fällt unter das KI-Gesetz in eine wesentlich höhere Risikokategorie als einfache Aufnahmegeräte. Diese Fähigkeit zu „interpretieren“ und zu „handeln“ bringt die Geräte in direkten Konflikt mit den strengen Vorgaben des Gesetzes zu menschlicher Aufsicht und Transparenz.

Der Datenschutz als Zündfunke

Der unmittelbare Auslöser für die aktuellen Prüfverfahren scheint eine wachsende Gegenreaktion zu den Überwachungsfähigkeiten dieser agentischen Systeme zu sein. Laut einem Bericht des Glass Almanac vom 27. Dezember hat eine virale Stellungnahme einer führenden Datenschutz-Aktivistin die Behörden zum Handeln gezwungen. Ihre Warnung: „KI-Smartglasses bergen erhebliche Datenschutzrisiken.“

Die Untersuchungen werden prüfen, ob die aktuellen „Einwilligungs-Prozesse“ – etwa Pop-up-Hinweise oder Aufnahmeleuchten – für KI-Agenten ausreichen, die visuelle Daten kontinuierlich verarbeiten, um Kontext zu verstehen. Juristen sehen ein Compliance-Paradox: Um effektiv als Agent zu funktionieren, muss das Gerät biometrische Daten ständig analysieren. Die Prinzipien der Datensparsamkeit aus DSGVO und KI-Gesetz kollidieren jedoch mit diesem permanenten Datenstrom.

Drei zentrale Hürden für die Hersteller

Die Integration von Agentic AI in Consumer-Geräte wirft spezifische Compliance-Probleme auf, die nun Gegenstand der aktiven Ermittlungen sind.

  1. Die Herausforderung menschlicher Aufsicht: Artikel 14 des KI-Gesetzes verlangt eine „wirksame menschliche Aufsicht“ für Hochrisiko-KI-Systeme. Für ein autonom agierendes Wearable im Gesicht des Nutzers ist jedoch unklar, was „Aufsicht“ konkret bedeutet. Die Prüfer dürften von den Herstellern fail-safe-Mechanismen fordern, die es Nutzern ermöglichen, agentische Aktionen sofort zu überstimmen – eine technische Herausforderung für schlanke Hardware.

  2. Transparenz gegen nahtlose Nutzung: Die Hersteller streben eine nahtlose, unauffällige Nutzererfahrung an. Die Regulierer drängen in die entgegengesetzte Richtung. Sie prüfen, ob Nutzer und unbeteiligte Dritte angemessen informiert werden, wenn sie mit einem autonomen Agenten interagieren. Konzepte wie „Transparenz-Labels“ könnten Hersteller zu auffälligen visuellen Signalen (etwa blinkende LEDs) zwingen, sobald die KI „denkt“ – was den ästhetischen Reiz der Brillen untergraben würde.

  3. Datenaustausch-Ökosysteme: Weitere Komplexität bringt das europäische Data Act (Daten-Gesetz). Es gewährt Nutzern Zugriff auf die von ihren vernetzten Geräten erzeugten Daten. Bei Agentic AI, die riesige Mengen an Umgebungsdaten verarbeitet, wird die rechtliche Unterscheidung zwischen „Nutzerdaten“ (die portabel sein müssen) und „proprietären Verarbeitungsdaten“ zur Gretchenfrage.

Marktreaktion: Verzögerungen und zurückgestutzte Funktionen

Die unmittelbaren Auswirkungen der Untersuchungen sind bereits spürbar. Branchenanalysten rechnen damit, dass die Produkt-Roadmaps für 2026 erhebliche Änderungen erfahren.

  • Funktionen werden gestutzt: Um potenzielle Bußgelder von bis zu 7 % des globalen Umsatzes zu vermeiden, könnten Hersteller bestimmte agentische Funktionen in der EU-Region proaktiv deaktivieren. Fähigkeiten wie „vorausschauende visuelle Suche“ oder „autonome Kontakterkennung“ dürften so lange geo-blockt werden, bis die Compliance-Rahmen geklärt sind.
  • Produktstarts verzögern sich: Mehrere für das erste Quartal 2026 angekündigte Wearable-Starts stehen auf der Kippe. Unternehmen müssen möglicherweise ihre Einwilligungs-Prozesse neu gestalten. Es zeichnet sich ein gespaltener Markt ab: „Regulierte“ Versionen für Europa mit reduzierter Funktionalität, während Geräte in den USA oder Asien leistungsfähiger bleiben.

Ausblick: Entscheidendes Jahr 2026

Die Kollision zwischen Agentic AI und EU-Regulierung war absehbar, doch das Timing hat sich beschleunigt. Während sich die Umsetzung des KI-Gesetzes 2025 vor allem auf große Sprachmodelle und generative KI in Unternehmenssoftware konzentrierte, markiert der plötzliche Fokus auf Hardware einen Wendepunkt.

Das erste Quartal 2026 wird entscheidend sein. Die jetzt eingeleiteten Prüfverfahren sollen bis Februar oder März erste Ergebnisse liefern. Beobachter erwarten, dass das Europäische KI-Büro noch vor dem Sommer spezifische Leitlinien für „Agentische Systeme im öffentlichen Raum“ veröffentlichen wird.

Für die Branche ist die Botschaft klar: Die Ära des „schnellen Vorpreschens“ ist für Wearable-Technologie in Europa vorbei. Compliance-Strategien müssen nun die Autonomie der KI einpreisen, nicht nur die gesammelten Daten. Die Nachfrage nach „Compliance-by-Design“-Lösungen, die agentische KI in strengen, überprüfbaren Grenzen operieren lässt, wird stark steigen. In der EU wird die Regulierungsoffensive so zur entscheidenden Marktzugangsvoraussetzung.

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