EU-Mercosur, Frankreich

EU-Mercosur: Frankreich stemmt sich gegen Freihandelsabkommen

30.11.2025 - 18:39:12

Europa steht vor einer handelspolitischen Zerreißprobe. Während die französische Nationalversammlung geschlossen gegen das geplante Freihandelsabkommen mit Südamerika votiert, verlagert Deutschland seine Handelsströme zurück nach China – eine direkte Folge der US-Zollpolitik. Das größte EU-Handelsabkommen der jüngeren Geschichte droht zu scheitern.

Am Donnerstag setzte Paris ein deutliches Zeichen: Mit 244 zu null Stimmen lehnte die Nationalversammlung das Mercosur-Abkommen ab. Ein beispielloser Zusammenhalt über alle Parteigrenzen hinweg. Zwar ist die Resolution nicht bindend, doch die politische Botschaft an Brüssel ist unmissverständlich: Frankreich wird alle diplomatischen Mittel ausschöpfen, um den Deal zu verhindern.

Derweil kündigte Brasiliens Präsident Lula erst vor wenigen Tagen an, das Abkommen sei “fertig” und werde am 20. Dezember 2025 beim Mercosur-Gipfel unterzeichnet. Die Uhr tickt – und die Fronten verhärten sich.

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Die Ablehnung kommt nicht aus heiterem Himmel. Französische Abgeordnete befürchten “unfairen Wettbewerb” durch südamerikanische Agrarprodukte, die europäische Umwelt- und Tierschutzstandards nicht erfüllen. “Das ist eine klare Botschaft an die EU-Kommission”, erklärte Matthias Tavel, Berichterstatter der Resolution, während der Parlamentssitzung.

Am Freitag verschärfte sich die Lage dramatisch. Das Irish Farmers Journal veröffentlichte eine verdeckte Recherche, die belegt: In brasilianischen Lieferketten für Rinder sind offenbar weiterhin Antibiotika und Hormone zugänglich, die in der EU seit Jahren verboten sind. Die irische Bauernvereinigung forderte umgehend einen Verhandlungsstopp.

Kann Brüssel diesen politischen Gegenwind noch ausbremsen? Frankreich schmiedet bereits eine “Blockademinderheit” mit Polen, Österreich und Italien. Schon 35 Prozent der EU-Bevölkerung reichen aus, um das Abkommen zu kippen – und diese Schwelle rückt in greifbare Nähe.

Deutschland kehrt zu China zurück

Während Brüssel mit internen Konflikten ringt, vollzieht sich in Deutschland eine bemerkenswerte Kehrtwende. Neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes vom 20. November bestätigen: China hat die USA erneut als wichtigsten Handelspartner überholt.

Diese Verschiebung ist das direkte Ergebnis der aggressiven Zollpolitik der Trump-Regierung. Deutsche Exporte in die Vereinigten Staaten sehen sich erneuten Abgaben gegenüber – deutsche Hersteller reagieren mit einer Rückverlagerung nach Asien, trotz aller politischen Appelle zur “Entflechtung”.

Finanzminister Lars Klingbeil suchte am 17. November in Peking das Gespräch mit Vizeministerpräsident He Lifeng. Beide Seiten vereinbarten, “an der Beendigung der Handelsspannungen zu arbeiten”. Ein klares Signal: Berlin setzt auf wirtschaftliche Stabilität statt geopolitische Abkopplung.

“Wir sehen fairen Wettbewerb in Gefahr”, erklärte Klingbeil während des Besuchs. Gleichzeitig kündigte er am 14. November die Einrichtung einer “Expertenkommission” an, die eine Langzeitstrategie zur Verringerung kritischer Abhängigkeiten von chinesischen Rohstoffen entwickeln soll – ohne die Handelsbeziehungen zu kappen.

US-Zölle werden zur Dauerlast

Jenseits des Atlantiks zeigt der “Zollkrieg 2025” weiter Wirkung. Ein Bericht von Front Office Sports vom 28. November deckt auf: Während einige Großhändler Verbraucher bisher abschirmen konnten, ist “Tariff Engineering” zur gängigen Praxis geworden – Produkte werden umgestaltet, um unter niedrigere Zollkategorien zu fallen.

Parallel eskalieren die juristischen Auseinandersetzungen. Seit dem 25. November prüft der Oberste Gerichtshof Klagen gegen die Nutzung des International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) zur Verhängung umfassender Zölle. Kleinunternehmer-Koalitionen warnen in Eingaben: Das aktuelle Zollregime sei für Importeure ohne ausreichende Ressourcen nicht tragbar.

Die US-Regierung zeigt keinerlei Einlenken. Der diskutierte “universelle Basiszoll” bleibt eine ständige Bedrohung und zwingt Unternehmen zu höheren Lagerbeständen und diversifizierter Beschaffung.

Regelbasierte Ordnung zerbricht

Die Ereignisse Ende November 2025 zeichnen das Bild einer zerfallenden globalen Handelsordnung. Die “regelbasierte Ordnung” weicht zusehends regionalen Machtblöcken und transaktionalem Bilateralismus.

Für die EU entscheiden die nächsten drei Wochen über ihre Glaubwürdigkeit. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen steht vor einem Dilemma: Soll sie das Mercosur-Abkommen mit einem “Splitting”-Mechanismus durchdrücken – der nur eine qualifizierte Mehrheit erfordert und nationale Vetos umgeht? Oder gibt sie dem französischen Druck nach und riskiert, südamerikanische Partner zu verprellen, die über zwei Jahrzehnte verhandelt haben?

“Wenn die EU nach 25 Jahren kein Abkommen mit Mercosur unterzeichnen kann, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit als globale Handelsmacht”, analysierte die Handelsexpertin Dr. Elena Weber am Freitag. “Jedoch könnte das Ignorieren einer einstimmigen französischen Parlamentsabstimmung eine politische Krise innerhalb des Blocks auslösen.”

Entscheidende Tage bis Weihnachten

Die kommenden Wochen werden richtungsweisend:

  • 2.-5. Dezember: Der EU-Ministerrat berät über die französische Resolution. Entscheidend wird sein, ob sich Italien öffentlich der französisch geführten Blockade anschließt.
  • 10. Dezember: Erwartetes Urteil oder Vorabstellungnahme des US Supreme Court zu den IEEPA-Zollklagen.
  • 20. Dezember: Geplanter Unterzeichnungstermin für das EU-Mercosur-Abkommen. Eine Verschiebung würde das faktische Ende des Deal in seiner jetzigen Form bedeuten.

Für Unternehmen im internationalen Handel ist die Botschaft eindeutig: Die Ära berechenbaren, barrierefreien Handels ist vorbei. Compliance-Teams müssen sich auf ein volatiles Gemisch aus sanitären und phytosanitären Barrieren in Europa, Exportkontrollen in Asien und Zollschwankungen in Nordamerika einstellen.

Die nächsten zwanzig Tage werden zeigen, ob die EU ihre Rolle als Gestalterin globaler Handelspolitik behaupten kann – oder ob nationale Interessen den europäischen Traum vom Freihandel endgültig zerbrechen lassen.

@ boerse-global.de