EU-Mercosur-Abkommen: Durchbruch nach 25 Jahren
09.01.2026 - 13:13:12Die EU hat den Weg für die größte Freihandelszone der Welt freigemacht. Nach über 25 Jahren Verhandlung stimmte eine qualifizierte Mehrheit der Mitgliedstaaten für das umstrittene Abkommen mit dem südamerikanischen Mercosur-Block. Der Entscheid fiel trotz heftigen Widerstands aus Frankreich und von Landwirten.
Entscheidende Mehrheit trotz tiefen Risses
In einer dramatischen Sitzung in Brüssel votierten die EU-Botschafter am Freitagmorgen für das Abkommen. Eine qualifizierte Mehrheit – mindestens 55 Prozent der Staaten, die 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren – gab grünes Licht. Das gelang, obwohl Frankreich eine Sperrminorität anzustreben versuchte.
Den Ausschlag gab ein Kurswechsel Italiens. Die zuvor zögerliche Regierung in Rom unterstützte das Abkommen schließlich. Im Gegenzug erhielt sie Zusagen für erhöhte Finanzhilfen für die italienische Landwirtschaft zwischen 2028 und 2034. Diese Kehrtwende ließ die französische Blockadeambition scheitern.
Die Abstimmung offenbarte jedoch einen tiefen Graben in Europa. Während Deutschland und Spanien das Abkommen als wirtschaftliche Chance feierten, lehnten Frankreich, Irland, Polen, Ungarn und Österreich es ab. Sie fürchten unlauteren Wettbewerb für ihre Landwirte und mangelnde Umweltstandards. Belgien enthielt sich, Österreichs Nein war aufgrund eines parlamentarischen Beschlusses von 2019 erwartet worden.
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Was das Abkommen konkret bedeutet
Das Abkommen sieht den Abbau von Zöllen für rund 91 Prozent der gehandelten Waren zwischen den Wirtschaftsräumen vor. Für europäische Exporteure bedeutet das eine jährliche Entlastung von schätzungsweise vier Milliarden Euro. Besonders profitieren dürften die deutschen Schlüsselbranchen Maschinenbau, Chemie, Pharmazie und Automobil.
Im Gegenzug erhalten Mercosur-Länder wie Brasilien und Argentinien besseren Zugang zum EU-Markt für Agrarprodukte. Zum Schutz sensibler europäischer Sektoren gelten jedoch strenge Kontingente. So dürfen jährlich nur 99.000 Tonnen Rindfleisch und 180.000 Tonnen Geflügel zu vergünstigten Zöllen eingeführt werden. Die EU-Kommission betont, dass dies lediglich 1,5 Prozent des gesamten EU-Verbrauchs an Rindfleisch entspricht. Notfallklauseln ermöglichen bei Marktstörungen die Wiedereinführung von Zöllen.
Proteste und politischer Widerstand
Die Schutzmechanismen konnten Bauernproteste nicht verhindern. In Frankreich und Deutschland blockierten in den vergangenen Tagen Traktoren Autobahnen und Regierungsgebäude. Landwirte fürchten, gegen Konkurrenten antreten zu müssen, die niedrigere Umwelt- und Sozialstandards einhalten.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bleibt der schärfste Kritiker. Seine Regierung nannte das Abkommen „veraltet“ und nicht vereinbar mit den europäischen Klimazielen. Macron hatte es zuvor als „aus einer anderen Zeit“ bezeichnet.
Die deutsche Industrie hingegen atmet auf. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) begrüßte die Entscheidung als wichtigen Schritt, um Lieferketten zu diversifizieren und die Abhängigkeit von China und den USA zu verringern. In Zeiten geopolitischer Spannungen gewinnt ein strategischer Brückenschlag nach Südamerika an Bedeutung.
Nächste Hürde: Das Europäische Parlament
Die Zustimmung des Rates ist nur der erste Schritt. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will das Abkommen bereits am 12. Januar 2026 in Asunción, Paraguay, unterzeichnen.
Die entscheidende Bewährungsprobe folgt jedoch im Europäischen Parlament. Dort steht in den kommenden zwei Wochen in Straßburg eine hitzige Debatte und eine knappe Abstimmung bevor. Vor allem die Grünen und Teile der rechtspopulistischen Fraktionen lehnen das Abkommen ab.
Sollte das Parlament zustimmen, könnte der Handelsteil vorläufig in Kraft treten. Die vollständige Ratifizierung des Assoziierungsabkommens erfordert jedoch die Zustimmung aller 27 nationalen Parlamente. In Ländern wie Frankreich, Österreich oder den Niederlanden könnte dies zu jahrelangen Verzögerungen führen.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob das historische Abkommen tatsächlich Realität wird – oder ob es am Ende doch an Europas inneren Gegensätzen scheitert.
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