E-Rezept vor dem Kollaps: 10.000 Praxen droht digitaler Blackout
29.11.2025 - 14:02:12Ab Januar 2026 könnten zahlreiche Arztpraxen keine digitalen Rezepte mehr ausstellen, da veraltete RSA-Konnektoren ersetzt werden müssen. Auch die Bundespolizei verzögert ihre Umstellung auf E-Rezepte.
Während neun von zehn Patienten zufrieden sind, tickt eine Zeitbombe in deutschen Arztpraxen. Tausende Ärzte könnten ab Neujahr keine elektronischen Rezepte mehr ausstellen – weil ihre Hardware schlicht zu alt ist. Und als wäre das nicht genug: Auch die Bundespolizei muss noch länger auf digitale Rezepte warten.
Die Kassensysteme laufen, die Patienten sind begeistert – doch hinter den Kulissen kämpft Deutschlands digitales Gesundheitssystem mit massiven technischen Problemen. Was wie eine Erfolgsgeschichte aussieht, könnte sich zum Jahreswechsel als fragiles Konstrukt entpuppen.
Bundespolizei muss weiter auf Papier setzen
Eigentlich sollte es längst erledigt sein: Seit 1. Oktober 2025 hätten auch Angehörige der Bundespolizei ihre Rezepte digital erhalten sollen. Daraus wird nichts. Wie Apotheke Adhoc gestern berichtete, verschiebt sich der Start auf den 1. Januar 2026 – drei Monate Verspätung.
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Der Grund? Die technischen Workflows für die Abrechnung dieser speziellen Rezepte sind schlicht noch nicht fertig. Apotheken können Verordnungen mit dem Institutionskennzeichen der Bundespolizei-Gesundheitsfürsorge derzeit nicht digital abrechnen. Die Empfehlung lautet daher: weiter rosa Zettel verlangen.
Was auf den ersten Blick wie ein Randproblem wirkt, zeigt ein grundsätzliches Dilemma: Deutschlands Gesundheitssystem ist ein Flickenteppich unterschiedlichster Kostenträger. Jeden einzelnen davon digital anzubinden, gleicht einem Marathon ohne Ziellinie.
Die RSA-Falle: Wenn Router zu Stolpersteinen werden
Weitaus dramatischer ist jedoch die Warnung, die die Kassenärztliche Vereinigung Berlin am Donnerstag aussprach: Ab dem 1. Januar 2026 werden tausende sogenannte RSA-Konnektoren unbrauchbar. Diese kleinen Router-Boxen verbinden Arztpraxen mit der Telematikinfrastruktur – dem Rückgrat des digitalen Gesundheitswesens.
Das Problem: Die alten Geräte nutzen veraltete RSA-Verschlüsselung. Anders als bei früheren Fristen hilft diesmal kein Software-Update. Die Hardware muss physisch ausgetauscht werden. Passiert das nicht, sind betroffene Praxen ab Neujahr digital abgehängt.
Laut Gematik-Daten sind noch rund 10.000 dieser Altgeräte in Arztpraxen und Apotheken im Einsatz. Was bedeutet das konkret? Keine E-Rezepte mehr. Keine elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Kein Zugriff auf die elektronische Patientenakte.
„Mit einem RSA-Konnektor können Praxen ab dem 1. Januar nicht mehr auf die Telematikinfrastruktur zugreifen”, stellte die KV Berlin unmissverständlich klar. Patienten müssten dann wieder mit Papierkram Vorlieb nehmen – oder könnten im schlimmsten Fall gar nicht versorgt werden.
Wenn Zufriedenheit auf Infrastruktur-Chaos trifft
Die Ironie der Situation: Während die Technik wackelt, läuft die Akzeptanz wie geschmiert. Der diese Woche veröffentlichte TI-Atlas 2025 zeigt beeindruckende Zahlen. Über 90 Prozent der gesetzlich Versicherten halten das E-Rezept für sinnvoll, 87 Prozent sind mit dem System zufrieden.
Die Bequemlichkeit überzeugt: Gesundheitskarte vorzeigen, Rezept ist da – kein rosa Zettel mehr nötig. Doch was nützt die beste User-Experience, wenn das Netzwerk im Hintergrund zusammenbricht?
Der Wechsel von RSA- auf die sicherere ECC-Verschlüsselung ist technisch notwendig und längerfristig sinnvoll. Aber die dezentrale Struktur des deutschen Gesundheitsmarktes macht die Umstellung zum logistischen Albtraum. Anders als in anderen Ländern mit Cloud-basierten Systemen setzt Deutschland auf Hardware in jeder einzelnen Praxis – und schafft damit tausende potenzielle Schwachstellen.
Dezember wird zum Wettlauf gegen die Uhr
Die nächsten 31 Tage werden entscheidend. Medizin-IT-Dienstleister müssen ausgerechnet in der Weihnachtszeit Höchstleistungen vollbringen: Tausende Konnektoren müssen getauscht werden, bevor die Frist am Silvesterabend abläuft.
Kann das überhaupt klappen? Experten sind skeptisch. Selbst wenn nur ein Bruchteil der geschätzten 10.000 Geräte nicht rechtzeitig ersetzt wird, droht im Januar ein Flickenteppich aus funktionierenden und lahmgelegten Praxen. Apotheker würden sich dann plötzlich mit einem Durcheinander aus digitalen und analogen Rezepten herumschlagen.
Die KV Berlin wirbt bereits für eine Alternative: TI-Gateways, bei denen Praxen über Rechenzentren statt eigener Hardware ins Netz gehen. Langfristig könnte das die Lösung sein – für den Januar kommt dieser Ansatz jedoch zu spät.
Was Patienten jetzt wissen müssen
Für die meisten Versicherten läuft das System stabil. Doch wer Anfang 2026 kleinere Praxen aufsucht, sollte vorsichtshalber nachfragen, ob die Technik auf dem neuesten Stand ist. Fällt eine Praxis durch veraltete Hardware aus dem Netz, bleibt nur der Griff zum rosa Zettel – bis die technische Lücke geschlossen ist.
Deutschlands digitale Gesundheitsstrategie betritt eine neue Phase: Nach Einführung und Akzeptanz geht es jetzt um Wartung und Widerstandsfähigkeit. Die Ereignisse dieser Woche zeigen überdeutlich, dass diese Phase ihre ganz eigenen kritischen Herausforderungen bereithält.
Bleibt die Frage: Wird die digitale Revolution im deutschen Gesundheitswesen zum Neujahr eine Zwangspause einlegen müssen?
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