Delivery Hero SE: Zwischen Turnaround-Hoffnung und Margendruck – was Anleger jetzt wissen müssen
31.12.2025 - 21:46:53Die Aktie von Delivery Hero schwankt heftig, steht aber nach einem Jahr deutlich höher. Neue Prognosen, Analystenurteile und strategische Weichenstellungen entscheiden nun über die nächste Kursrichtung.
Die Aktie von Delivery Hero bleibt ein Gradmesser dafür, wie viel Risiko Investoren dem Plattform- und Liefersegment noch zutrauen. Nach massiven Kursschwankungen der vergangenen Jahre hat sich das Sentiment zuletzt aufgehellt – doch der Markt verzeiht dem MDAX-Konzern aus Berlin weiterhin keine Enttäuschung. Margen, Schuldenabbau und der Weg zur nachhaltigen Profitabilität stehen im Fokus, während Anleger gespannt beobachten, ob der angefangene Turnaround sich auch an der Börse verfestigt.
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Ein-Jahres-Rückblick: Das Investment-Szenario
Wer vor rund einem Jahr bei Delivery Hero eingestiegen ist, sitzt heute – allen Zwischenturbulenzen zum Trotz – komfortabel im Plus. Der Schlusskurs der Aktie lag vor einem Jahr im Bereich von etwa 21 Euro. Zuletzt notierte das Papier laut Kursdaten von unter anderem Yahoo Finance und finanzen.net im Bereich von rund 32 Euro (Letzter Schlusskurs, aktueller Realtime-Handel kann davon abweichen; Datenstand: jüngste verfügbare Kurse, spätnachmittags mitteleuropäischer Zeit).
Damit ergibt sich auf Sicht von zwölf Monaten ein Kursanstieg in der Größenordnung von gut 50 Prozent. Für Anleger, die das Papier mitten in einer Phase hohen Pessimismus gekauft haben, ist das ein bemerkenswerter Wertzuwachs – zumal sich der Gesamtmarkt im gleichen Zeitraum deutlich moderater entwickelt hat. Wer allerdings auf den früheren Höhen eingestiegen ist, als Plattformwerte in der Pandemie-Euphorie zeitweise zweistellige Milliardenbewertungen erreichten, liegt weiterhin klar im Verlust. Insofern ist Delivery Hero ein Paradebeispiel für die Kräfteverschiebung vom Wachstums- zum Qualitäts- und Profitabilitätsfokus an der Börse.
Der Blick auf die Kursverläufe unterstreicht dieses Bild: In den vergangenen fünf Handelstagen bewegte sich die Aktie volatil seitwärts mit leichten Ausschlägen nach oben und unten. Auf 90-Tage-Sicht dominiert hingegen ein klarer Aufwärtstrend, getrieben von besser als befürchtet aufgenommenen Zahlen und Fortschritten beim Erreichen operativer Zielgrößen. Das 52?Wochen-Tief liegt deutlich unter 20 Euro, während das 52?Wochen-Hoch im Umfeld von etwa 38 Euro markiert wurde. Aus dieser Spanne lässt sich ablesen, dass der Markt zwar wieder Vertrauen aufbaut, aber noch weit von einer ungetrübten Euphorie entfernt ist.
Aktuelle Impulse und Nachrichten
Für frische Impulse sorgten in den vergangenen Tagen und Wochen vor allem neue Unternehmenskennzahlen und Aussagen des Managements zum weiteren Strategiepfad. Anfang der Woche griffen mehrere Finanzportale und Agenturen die jüngsten Fortschritte bei der Profitabilität auf: Delivery Hero konnte in zentralen Regionen einen positiven bereinigten EBITDA-Beitrag ausweisen und bestätigte das Ziel, den gesamten Konzern nachhaltig in die Gewinnzone zu führen. Dabei spielt insbesondere die Optimierung der Logistiknetzwerke eine Rolle – etwa durch dichtere Lieferzonen, höhere Auslastung der Fahrer und einen stärkeren Fokus auf margenstärkere Bestellungen.
Vor wenigen Tagen rückte außerdem das Thema Portfolio-Struktur und mögliche Verkäufe oder Partnerschaften erneut in den Fokus. Medienberichte und Analystenkommentare beschäftigten sich damit, wie konsequent sich Delivery Hero künftig von margenschwächeren Märkten trennen könnte, um Kapital zu schonen und die Verschuldung zu reduzieren. Auch regulatorische Fragen in einzelnen Ländern, etwa im Hinblick auf Arbeitsbedingungen von Kurieren, bleiben ein Risikofaktor, den Investoren genau verfolgen. Insgesamt lässt sich aus der Nachrichtenlage der letzten Woche ableiten: Der Markt honoriert Fortschritte beim operativen Ergebnis, bleibt aber sensibel gegenüber jedem Hinweis, dass das Wachstum nur mit hohen Marketingbudgets oder Preisdruck aufrechterhalten werden kann.
Parallel dazu werden makroökonomische Themen wie Kaufkraft, Inflation und Zinsniveau an den Kapitalmärkten wieder intensiver diskutiert. Für einen Plattformanbieter wie Delivery Hero heißt das: In einem Umfeld höherer Zinsen wird profitables Wachstum stärker belohnt als bloßes Umsatzwachstum. Jede Quartalsmeldung wird daher penibel daraufhin abgeklopft, ob der Weg in Richtung freier Cashflow – also Selbstfinanzierung ohne ständige Kapitalzufuhr – glaubwürdig eingeschlagen ist.
Das Urteil der Analysten & Kursziele
Auf Analystenseite hat sich das Stimmungsbild in den vergangenen Wochen spürbar aufgehellt. Mehrere Häuser haben ihre Einschätzung in den letzten rund 30 Tagen überarbeitet und ihre Kursziele nach oben angepasst. So bestätigten große Investmentbanken wie Goldman Sachs und JPMorgan ihre positive Grundhaltung gegenüber dem Titel mit der Empfehlung, die Aktie zu kaufen. Die Argumentation: Delivery Hero sei einer der wenigen Player mit globaler Präsenz, der die Skalenvorteile des Plattformmodells zunehmend in Profitabilität ummünze.
Auch europäische Institute wie die Deutsche Bank, Barclays oder BNP Paribas äußerten sich zuletzt überwiegend konstruktiv. Die Mehrheit der Research-Häuser stuft das Papier weiterhin mit "Kaufen" oder "Übergewichten" ein, nur eine kleinere Gruppe empfiehlt ein neutrales "Halten". Verkaufsempfehlungen sind die Ausnahme. Die veröffentlichten Kursziele der großen Häuser liegen im Mittel spürbar über dem aktuellen Kursniveau, teilweise mit zweistelligem Aufwärtspotenzial in Prozent. Dabei schwankt die Spanne der genannten Ziele in etwa vom niedrigen 30er-Bereich bis in Regionen um oder leicht oberhalb von 40 Euro. Entscheidende Treiber für diese Bewertungen sind Annahmen zur Geschwindigkeit des Margenausbaus, zum Wachstum im Kerngeschäft sowie zum Tempo des Schuldenabbaus.
Auffällig ist, dass viele Analysten ihre DCF-Modelle und Bewertungsansätze auf konservativere Zins- und Diskontierungsannahmen umgestellt haben. Das führt dazu, dass trotz einer eher freundlichen Einschätzung der operativen Entwicklung die fairen Werte nicht so hoch ausfallen wie zu Zeiten ultraniedriger Zinsen. Kurzfristige Rücksetzer sehen etliche Häuser trotzdem als Einstiegschance, sofern das Management seine mittelfristigen Ziele bestätigt und die visierte Profitabilität tatsächlich erreicht.
Ausblick und Strategie
Für die kommenden Monate bleibt der Investment Case bei Delivery Hero klar umrissen: Im Kern geht es darum, die bereits erreichten operativen Verbesserungen zu verstetigen und in nachhaltig positive Nettoergebnisse zu überführen. Der Konzern setzt hierzu auf mehrere Säulen. Erstens soll das Kerngeschäft mit Essenslieferungen durch zusätzliche Serviceangebote wie Lebensmittel- und Quick-Commerce-Lieferungen ergänzt werden, allerdings selektiver und mit höherem Fokus auf Marge statt purem Volumen. Zweitens steht die technologische Optimierung im Vordergrund, etwa durch bessere Routenalgorithmen, personalisierte Angebote in der App und effizientere Marketingausgaben.
Drittens wird das Portfoliomanagement zu einem zentralen strategischen Hebel. Regionen, in denen sich trotz Skalierung keine attraktiven Margen abzeichnen, stehen immer wieder auf dem Prüfstand. Verkäufe von Beteiligungen oder der Rückzug aus ausgewählten Märkten sind daher kein Tabu mehr, sondern Teil einer Kapitalallokationsstrategie, die auf Werthaltigkeit und Bilanzstärkung zielt. Gelingt es Delivery Hero, durch solche Schritte den Verschuldungsgrad zu senken und gleichzeitig das profitable Wachstum in den Kernmärkten hochzuhalten, könnte dies das Vertrauen institutioneller Investoren weiter stärken und die Aktienbewertung langfristig stützen.
Risiken bleiben dennoch präsent. Der Wettbewerb im Liefersegment ist nach wie vor hart, insbesondere in Metropolen, in denen mehrere Plattformen um Marktanteile kämpfen. Preiskämpfe, steigende Personalkosten und regulatorische Eingriffe können die Margen unter Druck setzen. Hinzu kommt die Abhängigkeit von der Konsumstimmung: In wirtschaftlich unsicheren Zeiten sind Verbraucher eher bereit, auf Lieferkomfort zu verzichten oder bewusster auf Preise zu achten. Für die Aktie bedeutet das, dass sie auch künftig anfällig für deutliche Schwankungen bleiben dürfte.
Für Anleger, die bereits engagiert sind, ist deshalb eine klare Strategie entscheidend. Wer von der langfristigen Durchsetzungskraft des Plattformmodells überzeugt ist und mit erhöhter Volatilität leben kann, sieht in der aktuellen Phase möglicherweise eine Chance, den begonnenen Turnaround weiter zu begleiten. Entscheidend wird sein, ob das Management die kommunizierten Zwischenziele – insbesondere beim freien Cashflow und beim Abbau der Verschuldung – Schritt für Schritt erreicht und glaubhaft nachweist. Neue Quartalsberichte und Ausblicke könnten dabei kurzfristig zu Kursausschlägen führen, dürften aber zugleich die Richtung für die mittel- bis langfristige Bewertung vorgeben.
Unterm Strich lässt sich festhalten: Delivery Hero befindet sich aus Börsensicht an einem Wendepunkt. Nach Jahren, in denen Wachstum um jeden Preis zählte, rückt nun die Qualität dieses Wachstums in den Vordergrund. Die Aktie hat auf Jahressicht deutlich aufgeholt, doch ob daraus ein nachhaltiger Aufwärtstrend wird, hängt mehr denn je von Zahlen, Transparenz und Kapitaldisziplin ab. Für risikobewusste Anleger bleibt der Titel damit eine spannende, aber anspruchsvolle Beimischung im Depot.


