Betriebsräte blockieren Rückkehr ins Büro mit juristischem Trick
08.01.2026 - 15:55:11Die Rückkehr zur Fünf-Tage-Präsenzpflicht stößt auf massiven juristischen Widerstand. Immer mehr Betriebsräte stufen Anordnungen als Versetzungen ein und nutzen etablierte Gerichtsurteile, um Zwangsrückrufe zu stoppen.
Die neue Front im RTO-Konflikt
Die erste Januarwoche 2026 markiert eine entscheidende Wende in der Arbeitswelt. Nach Jahren hybrider Modelle drängen zahlreiche Unternehmen wieder zur Vollzeit-Präsenz. Doch der Widerstand formiert sich – und verlagert sich in die Betriebsratsbüros.
Eine aktuelle Studie des Recruiting-Portals Monster zeigt das Ausmaß des Konflikts. Demnach unterliegt bereits die Hälfte der befragten Arbeitnehmer einer Fünf-Tage-Büropflicht. Die Kluft ist tief: Während Firmen Stabilität und direkte Zusammenarbeit betonen, würden 31 Prozent der Beschäftigten eine Stelle mit Vollzeit-Präsenz ablehnen.
Passend zum Thema Mitbestimmung: Der kostenlose Leitfaden “Betriebsverfassungsgesetz” erklärt praxisnah, welche Rechte Betriebsräte bei Arbeitszeit, Überwachung und Mitbestimmung haben — inklusive Handlungsempfehlungen zu § 99 und § 87. Der Download enthält konkrete Musterformulierungen, Checklisten zur Einzelfallprüfung und Praxisbeispiele, wie Versetzungsfragen juristisch sauber dokumentiert werden. Ideal für Betriebsräte, Personalverantwortliche und betroffene Arbeitnehmer, die Rückruf-Anordnungen prüfen oder abwehren müssen. Jetzt kostenlosen BetrVG-Leitfaden herunterladen
Die Folge? Betriebsräte gehen in die Offensive. Sie verhandeln nicht mehr nur über Rahmenvereinbarungen zur mobilen Arbeit. Stattdessen stellen sie einzelne Rückrufanordnungen als formelle Versetzungen nach § 99 des Betriebsverfassungsgesetzes (BetrVG) infrage – und blockieren sie so.
Der juristische Hebel: Rückruf als Versetzung
Die Rechtsgrundlage für diesen Widerstand ist robust. Sie basiert auf Leitentscheidungen des Bundesarbeitsgerichts (BAG) und des Landesarbeitsgerichts Köln, die sich 2026 als Standardinterpretation durchgesetzt haben.
Rechtsexperten betonen: Ein dauerhafter Rückruf aus dem Homeoffice ist keine bloße Weisung. Er stellt eine Versetzung dar, wenn er länger als einen Monat dauert oder die Arbeitsumstände wesentlich verändert.
Das BAG hat hierfür den Grundstein gelegt (Az. 7 ABR 34/20). Sein Urteil: Die Aufhebung einer Telearbeitsvereinbarung verändert das „Gesamtbild der Tätigkeit“ grundlegend. Der Arbeitgeber kann den Mitarbeiter daher nicht einfach zurückbeordern. Er muss ein förmliches Mitwirkungsverfahren mit dem Betriebsrat einleiten.
Lehnt der Betriebsrat seine Zustimmung ab, kann die Maßnahme nur durch ein Gerichtsurteil ersetzt werden – ein langwieriges und unsicheres Unterfangen.
Die Falle des „billigen Ermessens“
Die schärfste Waffe der Betriebsräte ist jedoch nicht nur das Verfahrensrecht, sondern die inhaltliche Kontrolle des „billigen Ermessens“.
Ein wegweisendes Urteil des LAG Köln (Az. 6 Sa 579/23) prägt bis heute die Auseinandersetzungen. Das Gericht erklärte eine Versetzung für unwirksam, weil der Arbeitgeber seine betrieblichen Interessen nicht gegen das Interesse des Mitarbeiters am Homeoffice abgewogen hatte. Selbst ohne extreme Pendelstrecken gilt der Grundsatz: Ohne zwingende betriebliche Notwendigkeit verletzt eine Rückholaktion den Grundsatz des billigen Ermessens.
Für Betriebsräte ist dieses Urteil eine klare Handlungsanleitung. Fordert ein Arbeitgeber die Rückkehr ins Büro allein mit Verweisen auf „Unternehmenskultur“ oder „bessere Zusammenarbeit“, ohne konkret zu begründen, warum bestimmte Aufgaben nicht remote erledigt werden können, kann der Betriebsrat dies als Verstoß gegen § 99 BetrVG anfechten.
Strategische Konsequenzen für beide Seiten
Die aktuelle Rückrufwelle zwingt Arbeitgeber und Betriebsräte, ihre Strategien zu überdenken.
Für Betriebsräte verschiebt sich der Fokus. Statt großer Rahmenvereinbarungen stehen nun Einzelfallprüfungen im Mittelpunkt. Indem sie Massenrückrufe als Serie einzelner Versetzungen behandeln, können sie RTO-Politiken effektiv ausbremsen. Sie fordern detaillierte Begründungen, warum konkrete Rollen die Anwesenheit erfordern – und durchkreuzen so pauschale Produktivitätsargumente des Managements.
Für Arbeitgeber wird der autoritäre „Befehlston“ zunehmend juristisch riskant. Arbeitsrechtsexperten raten zu einem anderen Vorgehen, um die Versetzungsblockade zu umgehen:
1. Notwendigkeit beweisen: Statt Schlagworte wie „Synergie“ zu nutzen, müssen konkrete betriebliche Gründe für die Präsenz bestimmter Funktionen genannt werden.
2. Übergangsfristen einhalten: Plötzliche Rückrufe scheitern vor Gericht. Es braucht angemessene Vorlaufzeiten, die private Planungen (etwa zur Kinderbetreuung) berücksichtigen.
3. Frühzeitig kommunizieren: Den Betriebsrat zu umgehen, führt meist zu einstweiligen Verfügungen. Erfolgreiche Strategien setzen 2026 auf Anreize und Verhandlungen – nicht auf autoritäre Anordnungen.
Ausblick: Die nächste Front „Workation“
Während der Kampf um den primären Arbeitsplatz tobt, zeichnet sich bereits die nächste Konfliktlinie ab. Das Expertenforum Arbeitsrecht verwies diese Woche auf das Thema „Workation“ – also das Arbeiten aus dem Urlaub. Die nächste Welle der Mitbestimmungsstreitigkeiten könnte grenzüberschreitende mobile Arbeit betreffen.
Doch im Hier und Jetzt geht es um den täglichen Arbeitsweg. Die Daten zeigen eine Rekordspannung zwischen Arbeitgeberforderungen und Arbeitnehmerpräferenzen. Mit der klaren juristischen Definition der „Versetzung“ auf ihrer Seite wird der einseitige Rückruf ins Büro zum Auslaufmodell. Ersetzt wird er durch einen komplexen Aushandlungsprozess – bei dem der Betriebsrat jedes Mal sein Einverständnis geben muss.
PS: Sie möchten im Ernstfall handlungsfähig sein? Der kostenlose PDF-Ratgeber zum Betriebsverfassungsgesetz fasst alle Mitbestimmungsrechte (einschließlich § 99 und § 87) kompakt zusammen, zeigt Praxisbeispiele und liefert Vorlagen, mit denen Betriebsräte ihre Einwände gegen Massenrückrufe strukturiert begründen können. Das E-Book erklärt außerdem, wie Sie Mitwirkungsverfahren vorbereiten und welche Argumente Gerichte aktuell berücksichtigen; zusätzlich finden Sie eine Checkliste für Verhandlungsstrategien und Mustertexte zur sofortigen Nutzung. Gratis-PDF mit Mustervorlagen herunterladen


